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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-14 · Heft 50 (14.12.1900) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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L sollten, und wenn wir uns fragen, warum uns all das Schwere, dann antworten wir uns selbst mit den Worten jenes nrallen Gleichnisses, wo der Weise aus die Frage, weshalb die so' sehr gequälte»» und bedrückten Juden behaupten. Gott näher zu stehen, als die anderen Völker, erwiderte: „Israel ist unter den Völkern, was das Herz unter den Gliedern des Körpers ist. Ist der Körper krank, dann suhlt das Herz es zumeist und zuerst." Israel, das Herz der Menschheit. leidet, denn der Menschheitskörper ist krank. Einst wird aber der große himmlische Arzt Genesung senden, wo alles Böse dahingeschwunden; bis dahin »vird Israel nimmermehr ermüden, gleichwie das Herz die Lebensströme in den Körper der Menschheit hinauszusenden. die Ströme der Liebe und Freiheit, der Wahrheit und Gerechtigkeit!" Langanhaltender Beifall lohnte den Redner für seine Aussührungen. LXV Berlin, 12. Dezember. Der Redakteur der „Staatsbürger- Zeitung" Dr. Paul Bötticher hatte sich gestern wegeil Beleidigung des R e a l s chu l d i r e kt o rs Dr. Hacks 51t Kattowitz vor der zweiten Strafkauuner des Landgerichts I zu verantworten. In der „Staatsbürger-Zeitung" erschien am 20. September d. I. ein ans Kattowitz datirter Artikel mit der Ueberschrift „Mit der Wurst nach der Speckseite". Darin wurde mitgetheilt, daß Dr. Hacks ani 12. September an einenl Festnlahl zur Feier der Einweihung der jüdischen Synagoge in Kattowitz theilgenommen und dabei eine Rede gehalten habe, worin er die Toleranz pries. Der Verfasser knüpfte hieran die Bemerkung, daß Dr. Hacks 311 damaliger Zeit als Bewerber um die Direktorstelle an der neuen Realschule in Frankfurt a. M. aufgetreten sei. Ein Mann, der gegen ben jüdischen Schwindel zur Ruinirung des Mittelstandes, die jüdische Ausbeutung des Bauernstandes lmd die jüdische Lüsternheit aufgetreten sei. würde allerdillgs bei der Bewerbung wenig Aussicht auf Erfolg haben. Wegell dieses Artikels stellte Dr. Hacks den Strafantrag. Der Staatsanwalt hielt eine Beleidigling für zweifellos vorliegend ulld beantragte eine Geldstrafe von 1O0 Mark, während der Vertheidiger, R.-A. Hahn, den Schutz des § 193 Str.-G.-B. für seinen Klienten in Anspruch nahm. Der Gerichtshof erkannte auf 150 Mark Geldstrafe. S. Berlin, 11. Dezember. Die Saat des alltisemitischen Pfarrers Krö fel in Kloxin beginnt bereits Früchte zu tragen. Aul 6. Dezember hielt er lvieder eine seiner bekannte»» Versammlungen in Beelitz. Kreis Pyritz ab. um den dortigen Einwohnern, »vie in den» „Konitzer Kreisblatt" angekündigt war. einen „wissenschaftlichen Vortrag über Ritualmord und b eu Falt Könitz" zu hallen'. Der Saal war. wie uns geschrieben wird, von Männern. Frauen und 14—15 jährigen Kindern dicht gefüllt. Als lvährend der Versammlung ein anwesender christlicher Herr sich einige Notizen machte, wurde die Versammlung unruhig. Das Publikum stieg auf Tische und Bänke, und schrie: Juden raus. Die Ruhe war auch nicht wieder herzustellen. nachdem der Pastor Krosel beu Herrn aufgefordert hatte, den Saal zu verlassen. Als der in dieser Weise exmittirte christliche Herr nach einiger Zeit vor dem Versammlungslokal vorbeifuhr, hatte sich der größte Theil der Versammlungsbesucher auf der Straße postirt und empfing das Gespann in i t Gejohle und Steinwürfen; ein Stein traf den Herrn an der linken Schulter. Der Herr Pastor unterläßt zwar nicht, in seinen Vorträgen darauf hinzuweisen, daß die Leute sich von Gewaltthätigkeiten fern halten mögen. Die Ausschreitungen. die sich die Theiluehmer an der Beelitzer Versammlung zu schulden kommen ließen, liefern jedoch einen hinreichenden Beweis dafür, welche gefährlichen Wirkungen diese „wissenschaftlichen" Ausführungen des Herrn Pastor Krösel auf eine wenig kritisch veranlagte Zuhörerschaft in Wirklichkeit ausüben. £££ Berlin, 11. Dezember. Polizeilich aufgelöst wurde gestern eine in den Konkordiasälen in der Andreasstraße tagende antisemitische Volksversammlung, in welcher Graf Pückler über „die Iudenfrage und das deutsche Volk" referirte. Das Lokal war bereits lange vor Beginn der Versammlung polizeilich abgesperrt. Gras Pückler wurde bei seinem Erscheinen mit — theilweise uouifdjen — Hochrufen begrüßt. Er begann mit der Erklärung, daß er in der Zwischenzeit die Provinz bereist und verschiedentlich den Leuten empfohlen habe „nur tüchtig auf die Judeubengel loszudreschen". Er habe gehofft, daß „in Berlin in seiner Abwesenheit sich mal 20 oder 30 junge deutsche Männer zusammengefunden, eine ordentliche Razzia auf die Judenbengels gemacht und sie tüchtig verwamst hätten". Bei diesen Worten erhob sich der überwachende Polizeileutnant und erklärte die Versammlung für ausgelöst. Es kau» daraufhin zu tumnltuarischen. lärmende»! Austritten. Ein Theil der Anwesenden gab seiner Genugthuung über die erfolgte Auflösung durch lebhaftes Bravorufen und Händeklatschen Ausdruck, während die Antisemiten „Hoch Pückler!" riefen. Es bedurfte einer dreimaligen Aufforderung des Polizeileutuants und des Erscheillens einer größeren Anzahl uniformirter Schutzleute, bis es gelang, den Saal zu raumen. Am Eingänge ka»u es zu erneuten Lärmszenen. Mehrere Versammlungsbesucher verlangten an der Kasse ihr Eintrittsgeld don 20 Pfennig wieder, »vas mit dem Rufe: „Juden raus!" 11. s. w. beantwortet wurde. Rur dem Eingreifen der Polizeibeamren ist es zu danken, daß es zu keiner allgenieinen Schlägerei kam. Es dauerte über eine halbe Stunde, bis die Ansammlungen der erregten Menge vor dem Lokale zerstreut wurden. Am nächsten Freitag soll, wie vom Vorstandstische verkündet wurde, eine zweite antisemitische Volksversammlung in der Tonhalle stattfinden, in der der Dreschgraf über dasselbe Theina sprechen wird. Lifsa i. P., 4. Dezember. Am 1. Dezember verstarb nach langen schweren Leiden im elterlichen Hause der Sohn unseres Rabbiners Herrn Dr. Bäck, der Augenarzt Herr Dr. Salon» 01» Bäck, im jugendlichen Alter von 26 Jahren. Eine hochbegabte ärztliche Kraft ist damit ihrem Wirkungskreise entrissen und ein hoffnungsvolles junges Leben vernichtet worden. An der Bahre sprachen die Schwiegersöhne unseres Rabbiners. Herr Rabbiner Dr. Stern aus Saaz und Herr Rabbiner Dr. Mandl aus Nentitschein, tiesempfnndene Worte verwandtschaftlicher Trauer, und ein zahlreiches Geleite legte Zeugniß ab von der allgemeinen tiefen Theilnahme in Stadt und Gemeinde. W. Jastrow, 9. Dezember. Am 5. Dezember er. feierte in körperlicher und geistiger Frische uufei achtbares und ehrenwerthes Mitglied unserer Gemeinde. Herr Stadtverordneten-Vorsteher Adolph Salinger. seinen 70jährigen Geburtstag. Welcher Verehrung und Beliebtheit sich Herr Salinger bei der Bürgerschaft der Stadt erfreut, geht »vohl genügend daraus hervor, daß er vor Kurzen» zum 25,. Male für dieses Ehrenamt getvählt wurde. In der That, für heutige Ve»- hältnisfe ei»» erfreuliches Zeichen. 11. Beutl-eri, 10. Dezember. Der seusatio»»elle Mei»»eidsprozeß gegen de»» Schreiber Orda a»»s Kattowitz, dessei» Sie kurz in Ihrer letzten Nummer erwähnten, hat mehr noch »vie der Mastoff-Prozeß in Könitz menschliche Niedertracht, gepaart mit Herostratismns und Habsucht ii» ei»»em vor dem Forum des hiesigen Schw»»rgerichts »»och »»ie ii» solcher Brutalität dagewesene,» Umfange festgestellt. Derselbe Angeklagte hatte i»»» Jahre 1895 au das Gericht in Aachen eil» Schriftstück gesandt, inhalts dessen er mehrere galizische Juden beschuldigte. daß sie Mitwisser und Beihelfer an dem an den Knaben Johann Hegemanu von dem Schächter Buschoff in kanten verübten Morde seien. Das Gericht »»» Aachen übersandte das Schriftstück all den Erste»» Staatsanwalt in Cleve, der die Vernehmn»»g des Orda durch das Amtsgericht in Kattowitz anordnete. Die von demselben aufge»»o»»lme»»e Verhandlung wurde nach Cleve geschickt und vom dortigen Staatsanwalt mit den» Vermerk „Quatsch" ad acta gelegt. Allerdings wurde Orda damals wider seinen Willen »licht vereidigt. 52S Dresden, 10. Dezember. Der israelitische G e n» e i»»d e - rath hat gegen bei» Grasen Pückler, der hier jüngst eine feiner aufreizenden Reden hielt, bei der Staatsanwaltschaft Strafantrag gestellt; das Gleiche ist gegen die Verbreiter jener Rede geschehe»». Ob es Erfolg haben »vird, steht freilich dahin — aber jedenfalls ist es anzuerkennen. daß niuu sich wenigstens zu »vehren beginnt und zeigt, daß die Inden nicht mehr gesonnen sind „zu dulden und zu tragen". — Die konservativ-antisemitische Stadtverordnetenmehrheit beschloß, der Vizevorsteher Hartwig sei, trotz des beka»»»»te»l Gerichtsurtheils. der städtischen Ehrenämter auch ferner »vürdig. Herr Hartwig »vird also weiter Vizevorfteher bleibe»», wenn bei der in einigen Tage»» stattfindenden Stadtverordneten-Ne»l»vahl die Bürger nicht auf seine Wiederwahl verzichten. — Die Leipziger Nationalliberale n fraternisiren jetzt ganz offe»» mit den sächsischen Antisemiten. Es ist gut. daß dies von der liberalen Presse außerhalb Sachsens sestgenagett wird. Bei dieser Gelegenheit koustatirt das „B. T.". daß die Leipziger Nationalliberalen ihre eigenen Parteiangehörigen, die jüdischen Herren Frank und Bielefeld, aus dem Stadtverordnetensaal auf das Drängen der Antisemiten geradezu hina»lsgetrieben haben, »md daß sie seitdem aus Gr»n»dsatz keinen Juden mehr als Stadtverordneten präse»»tire»» — eine Thatsache, die in einer Stadt »vie Leipzig a»rffalle»»d erscheinen muß. Damit ist hinreichend belviesen, daß die sächsischen National-

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