Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Jahrgang. Nr. 50. iöerUn, 14. Dezember 1900. Der Gemeindebote. Werl'LLge zur „Atkgemeinen Zeitung -es Iuöenthums". Korrespondenzen nnd Nachrichten. Deutschland. S£S Berlilt, 12. Dezember. Im Verein für j ü d i s ch e G eschichte und Li L Lern tu r hielt gestern vor einem sehr zahlreich versammelten Publikum Herr Rabbiner Dr. Eschelbach er einen höchst interessanten Vortrag über „Die Semiten". Der Redner beschränkte sich in seinem bedeutenden mit lebhaste»u Beifall ausgenommenen Vortrag aus das, was die mit vielem Eifer gepflegte Wissenschaft der Völkerkunde über die Semiten zu Tage gefördert hat und citirte die verschiedenen Ansichten, die darüber von lnehr oder minder voreingenommenen Gelehrten nnd Schriftstellern ausgesprochen worden stlld. Er gab den Ursprung nnd die Entwickelung der einzelnen jüdischen Stämme, ihre Verschmelzung untereinander sowie mit anderen Völkerschaften und argumentirte in einer trotz des zu Grunde liegenden trockenen historischen Materials höchst fesselnden Weise, daß bei den semitischen Stämnlen ebenso wenig lvie bei den germanischen von einer Rasseneinheit die Rede feilt könne. Trotzdem trennte man die Völker in arische und orientalische. Immer Heller und lichter, mit allen Tugenden ausgestattet, wurde von Schriftgelehrten die arische Rasse dargestellt, während die semitische immer dunkler und schwärzer, mit allen Lastern behaftet, geschildert ivurde. Redner giebt zum Schlüsse dem Wunsche Ausdruck, daß in der Beurtheilung der Semiten mehr Liebe und Gerechtigkeit vorherrschen, daß das Gute, was von ihnen gekommen, anerkannt loerden möge. Hat doch einer unserer größten Dichter der Menschheit verkündet: „Gottes ist der Orient. Gottes ist der Occident. nord- und südliches Gelände ruhen im Frieden seiner Hände." Aus den auswärtigen Lltteraturvereinen wird uns berichtet: In Tilsit sprach Rabbiner Dr. Ehrlich über „Acasto und Spinoza" und über „Sabbatai Zevi"; in Filehne Dr. Richter über „Spilwza und seine Stellung zum Judenthum"; in Birnbaum Dr. Tietz- Jnowrazlaw über „Mendelssohns Jerusalem", in Lissa Herr Schriftsteller Albert Katz-Berlin über - „Lord Byron und seine hebräischen Melodien"; in Krotoschin Dr. Berger über „Immanuel ben Salomo und Mose da Rieti, Hauptlehrer Ries über „Erziehung durch Hausschule und Leben"; in Schrimm Rabbiner Dr. Silberberg über „Das Gedächtnißleben der Menschen"; in Schivelbein Dr. Rosenthal-Stargard über „Das Geistesleben der Gemeinde in Alexandria"; in Breslau Rabbiner Dr. Guttmann über „Jehuda Halevi als Dichter und Denker"; in H a m b u rg Dr. S i m ch o wi tz-Köln über „Zangwills Ghettonovellen"; in Kiel Rektor Fe i n er -Hamburg über „Die Erziehung der jüdischen Jugend in Vergangenheit und Gegenwart"; in Geestemünde Prediger Bachenheimer über unsere Synagogengesänge"; in Leipzig Dr. Selig man »-Hamburg über „Das Problem der jüdischen Kultur"; in Bonn Dr. Julius Loewen st ein- Düren über „Schopenhauer und das Judenthum"; in Offenbach Dr. P laut -Frankfurt über „Uebertritte zum Judenthum im alten Rom" und Dr. Grünfeld-Bingen über „Die soziale Frage im alten Israel", in Nürnberg und Stuttgart Karl Emil Franzos über „Die deutsche Ghettonovelle". 8. Berlin, 5. Dezember. In der Gruppe N. und NO. des „ EentratVereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sprach heute Abend Rabbiner Dr. Ackermann- Brandenburg über das Thema: „Am Beginn des Jahrhunderts". Von Herzen kommende und zu Herzen gehende Worte waren es. mit denen er sich in seinem nach Inhalt und Form gleich glänzenden Vortrage an die gespannt lauschenden zahlreichen Zuhörer wandte, und sehr mit Recht konnte der Leiter der Gruppe daraus Hinweisen, daß wohl selten die in letzter Zeit so angeseindeten Interessen des Judenthums mit solcher Wärme und Innigkeit vertreten worden seien. Der Redner ging davon aus, welche entgegengesetzten Meinungen über das Judenthum der Beginn des neuen Jahrhunderts zu Tage gefördert habe. Während naturgemäß die Rückblicke, welche von jüdischer Seite auf das 19. Jahrhundert geworfen werden, die Judenemanzipation als die bedeutendste Errungenschaft priesen, habe nian in judeufeindlichen Blättern den ernsthaften Vorschlag lesen können, den Beginn des neuen Jahrhunderts durch Aufhebung der Judenemanzipation und Stellung der Juden unter ein besonderes Fremdenrecht zu feiern. Die Aufgabe der Juden, Segen über alle Völker zu verbreiten, sei unabhängig von dem Genuß staatlicher Rechte, aber sie hätten diese Rechte im Namen der Menschlichkeit zu fordern, und kein anderes Volk habe einen tiefer begründeteren Anspruch auf volle Gleichberechtigung als das jüdische, welches den Begriff der Gleichberechtigung zuerst in die Welt gebracht habe — eine Wahrheit. die unmittelbar aus dem biblischen Menschheitsbegriff resnltire. Als die furchtbarste Tragödie der Weltgeschichte müsse es erscheinen, daß gerade dieses Volk am eigenen Leibe die entsetzlichen Folgen verspüren müsse, welche die Mißachtung dieses Begriffes nothwendig mit sich bringen, das Volk, das. in Lehre und Leben die höchste Toleranz verbreitend, unter dem Drucke leidenschaftlicher Intoleranz zu leiden habe. Der große Sieg, daß die Schrecken der Tragödie im 19. Jahrhundert bis ans ein gewisses Maß herabgemildert seien, erfahre eine bedeutende Minderung nnd wandele sich in Beschämung um. wenn man sehe, wie in der Emanzipation der Juden die Praxis so wenig mit der Theorie gleichen Schritt gehalten habe. Das erste Jahr des neuen Jahrhunderts habe uns eine Fülle betrübender Ereignisse gebracht, die das Judenthum und seine Stellung innerhalb der Völker bis in das tiesste Innere berühren: der Fall Dreysus, in dem das Judenthum als solches schuldlos am Pranger gestanden, der Polnaer Prozeß, in welchem die barbarische Jsolirung des Judenthums gegenüber jeglicher Anschuldigung noch deutlicher zum Ausdruck gekommen sei. und in Deutschland der Konitzer Fall, der fortan ein Programm bedeuten werde, das wie ein schwarzes Mal auf den Jahrhnndertsanfaug haften lverde. An unserer religiösen Ehre sei hier ein Verbrechen verübt worden, das sich zwar loürdig der großen Reihe von Verbrechen anschließe, deren Opfer die Juden im Laufe der Weltgeschichte gewesen, das aber als Resultat und Frucht des ersten Jahres des 20. Jahrhunderts von der nichtjüdischen Menschheit nie gebüßt werden könne. Auch in Deutschland folge das Unheil dem Antisemitismus auf dem Fuße nach. Gesetz und Rechte wanken, wo er sich breit mache, es lösen sich alle Bande frommer Scheu, wo er die Gemüther mit tollen Wahnideen zu erfüllen beginne. So sehr es auch die Juden mit Genugthnnng erfülle, wenn sie sähen, wie einzelne Einsichtige die Bezichtigung der antisemitischen Hasser weit von sich weisen, so lange nicht den Juden ihr Recht als Menschen und Staatsbürger rückhaltlos und ausnahmslos gewährt werde, so lange sie mit anderem Maße gemessen würden wie die nichtjüdischen Mitbürger, so lauge sie nicht den gleichen Schutz genössen wie die christliche Kirche, so lange werde dem Vaterlande nicht der Friede blühen, den es so dringend bedürfe, so lange erhöben die Juden den Klageruf, nnd die Menschlichkeit stimme mit ihnen ein: Das Judenthum ist vogelfrei! Und nun zu Rumänien! Hier müsse sich Europa sagen, daß es den an den Inden begangenen Recktsbruch nickt nur nicht gehindert, sondern durch sein vertragswidriges Stillschweigen geradezu gefördert habe. Doch womit man gesündigt habe, damit werde man gestraft. Am eigenen Leibe habe es in China denselben Haß, dieselbe Unduldsamkeit empfinden müssen, habe es erfahren müssen, wie es thue, wenn man schutzlos und hilflos der Uebermacht eines Mächtigen und Gewaltigen preisgegeben sei. „Wir aber," so schloß der Redner, „die Nur Alle leidend und duldend im Mittelpunkte dieser Ereignisse stehen, ob wir auch klagen, so zagen wir doch nicht, ob nur auch unnmthig werden, so verlieren wir doch nicht den Math, wir stehen auf der Warte, auf die unser Gott und unsere vieltansendjährige glorreiche Geistesgeschichte uns hingestetlt hat. Von dieser Warte erheben wir unsere Stimme und rufen es ohne Scheu in alle Land hinaus, was und wie an uns gethan wird. Wenn uns bange Zweifel beschleichen