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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-14 · Heft 50 (14.12.1900) · p. Seite 600

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
Seite 600 (sequence 14)
Language
German
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600 Inden am Herrentische selbst wie ein Famrlienglied speisen. Heva hingegen, die, beständig ausgeputzt, beu ganzen Tag mit der kleinen Schwester im Dorfe wie ein Pfau umherging, erschien nur zum Essen im Hause, um ihrer Mutter die Dorfneuigkeiten zu erzählen. Dazu nannte Heva ihre Mutter nicht anders als Mutterlieb oder Mutterherz, während Kronelen nie ein solches Schmeichelwort entschlüpfte. Endlich hörte Elias Frau Reich oft mit Kronele zanken, während sie für Heva nur Süßigkeiten auf den Lippen hatte. Nach alter Gewohnheit stiller, einsiedlerischer Menschen pflegte Elias seine Bemerkungen und Anschauungen über Menschen und Dinge in ein Buch einzuschreiben mit Sprüchen aus der Bibel und dem Talmud. Des Freitags, ehe er sich zum Sabbath rüstete, setzte er sich, auch diesmal, vor seinen Schreibtisch und schrieb unter den hebräischeil Spruch Salomonis: „Wer ein Weib gefunden, hat Gutes gefunden", folgende Zeilen: „Ich weist nicht, lvas mich mit einer so unüberwindlichen Kraft zil diesern armen Mädchen zieht, das man Kronele heißt. Die Armuth, die wir miteinander gemein haben, ist es nicht, denn in dem Dorfe, das ich verliest, sah ich mehr als ein arnles schönes Mädchen, schöner als Kronele, und die trotz meiner Häßlichkeit mir zu gefallen suchten. Seitdem ich dies Haus betreten, bin ich ein anderer Mensch. Mir ist bestimmt, jung zu sterben, und ich hatte mich, ohne zu murren, diesem Geschick unterworfen; seit ich aber dieses Waisenkind gesehen, fühle ich in mir eine bis jetzt noch nie gekannte Lebenskraft. Ich will leben, und ich werde leben, weil ich es lvill! „Welch eili Adel in den Zügen dieses Mädchens! So war Rebekka, voll der Moses sagt.- „Sie war schön von Gestalt und reizend zum Ansehen." Und wie glänzt ihre schöne Seele durch ihre zarten Züge! Man lllöchte ausrufen; „Sie ist ein Duft, den man sieht!" I „Solche Geschöpfe beweisen eben das Wort des Talmud, ' daß Gott sich eher in den Niederwlgen als auf den Höhen! offenbart. Um deswillen erschien er Moses im Dornenbusche j und nicht auf dem Wipfel einer Ceder. Er zeigt den Metlschen,! daß die Anmuth — diese Offenbarung der Seelenschönheit j nicht erblich ist, daß so manche Königstochter daran von einem j armen Mädchen aus dem Volke übertroffen wird. Kronele ist j ein solches Kind Gottes. So war Ruth, als sie zu Naemi sagte; „Ueberall, wo Du hmgehst, werde ich gehen. Wo Du lebst, will ich leben, wo Du stirbst, sterbe ich, und wo du begraben wirst, soll man luich begraben." „Kronele kennt sich nicht. Sie ist ein Demant unter Kieseln, j Ach, warum ist es mir nicht vergönnt, diesen Demant zil! schleifen und ihn in mein Herz zu fassen! Gott gebe mir I Leben und Gesundheit, und ich werde dieser armen Waise j ihren Werth zu erkennen geben, und wenn ich ihr mit Gottes 1 Gnade nicht zu häßlich scheine, so werde sie mein Weib in! Gott, und ich gelobe, für sie und meine liebe Mutter allein zu arbeiten und zu sterben." Es war vor Sonnenuntergang. und er durste — denn die orthodoxen Juden spielen kein Instrument am Samstag — noch zu seiner Guitarre die Zuflucht nehmen und sang eine Romanze. Seine Tenorstimme war rein und voll Schmelz; heute besonders drückte sie melodisch alle zarten Gefühle seines Herzens aus. Frau Reich und ihre beiden Töchter standen lvie bezaubert unten an der Treppe und verschlangen mit naiver Bewunderung das Lied bis auf den letzten Ton. „Wie glücklich wird Leon sein," sagte die Mutter zu Heva, > „wenn er Dich dieses Lied singen hört! Denn Elias muß Dir; es so oft Vorsingen, bist Du es auswendig kannst." Auch Kronele blieb bis zu Ende an der Treppe und kehrte! still in ihr Kämmerlein zurück, um ihr Feiertagskleid anj zulegen. (Forts, folgt.) Zu Gstanukah 1900. Von Henriette H i rs ch b e r g. interstille hüllt die Wälder, Starr und öde steht die Flur; Dunkel die erstorb'nen Felder. Nirgends neue Lebensspur. Hier bei uns doch hell erglänzen Freude ihre Schwingen läßt: Ehanukah, mit Sang und Tänzen Feiern wir dich, Lichterfest! Mag der Kampf heut arg noch wüthen — Sorgsam, in der Liebe Hut, Unser Kleinod wir behüten, Unsres Schriftthums köstlich Gilt! Ob manch' grau Gespenst rings gleitend Uns das Licht verscheuchen mag: Unser Schrifttbnm, tapfer streitend, Wird eroberil uns — den Tag! Einst, so lehren weise Meister. Kündend Israels Missioll, Einst dem Reich der freien Geister Juda brillgt die Religion. Einst die Welt, die herzensstarke, Führt aus unsrem Stamm ein Sohn: Dann strömt Mark von unsrem Marke Durch d i e Weltenreligion! Mehr als zwei Jahrtausend schwanden Seit Makkabis Heldenstück; Ob auch fern den heil'gen Landen, Jst's doch Judas Stolz und Gliick. Wie die Freiheit eiuft errungen Jener Helden kühn Geschlecht: Noch kein Lied hat ausgesungeu Jene Größe schlicht lind echt. Neu System stets will erbauen Sich das rege Menschenhirn; Als ein Wunderwerk zu schauen, Stürzbs. wenn Sturm bläst von der Firn. D a r w i n i st i s ch und monistisch, Denkeli sie doch einen Gott: Ties im Grund monotheistisch Haeckel ist gleich Moleschott! SomLger Tag dann wird erscheinen Uns'rem duiiklen Erdenrund. Huldigend dem Einzig-Einen Schließt die Welt den Friedensbund! Gott und Welt dann — Bild und Rahmen — Man erkennt als eins zur Frist: An dem Tage ist Sein Namen Einzig - G ott der Einz'ge ist! — Wir, die Erben, weiter tragen Durch den trüben Strom der Zeit, Zwar mit Murren oft und Klagen, Doch zuin Kanipse stets bereit, Noch den Schatz, den kühn ersieget Uns der Hasmonäer Ruhm Keiner Zeitenmacht erlieget Unsres Buches Heiligthum' Wir, vom Sinai hernieder Brachten wir das Gotteslicht! Durch der Zeiten Gänge wieder Sprühen seine Blitze dicht. Aller Völker Glaubenshöhen Sonnen sich in diesem Schein: Weltenreligionen stehen Doch auf unsrem Grund allein. Winterstille hüllt die Wälder; Eis und Schnee bedeckt die Flur Einst ergrünen alle Felder, Blütsn in lichter Lebensspur. Dann die Freude hell erglänzen Ihre gold'nen Schwingen läßt: Chanukah, mit Sang und Tänzen Feiern wir dich. Lichterfest! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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