Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-14 · Heft 50 (14.12.1900) · p. Seite 599

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
Seite 599 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228416--57093-3293446
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

599 Im Laufe des weitern Gesprächs entdeckte Heda dem jungen Manne. daß ein sehr häßlicher Schullehrer im Dorfe angekommen sei, der in ihrem Hause zu wohnen wünsche. „Eli bieii!“’ sagte Leon; „ich rathe, nehmt ihn auf!" „Die Mutter," antwortete Heva, „fürchtet, es sei nicht schicklich wegen meiner Schwester." Indem sie dies so hinwarf, entfernte sie sich mit einem Blicke, der zu sagen schien: Für mich ist nichts zu fürchten, denn ich liebe meinen Vetter. Als Heva nach Hause kam, traf sie Leon mit dem Vater, der Mutter und dem Bruder schon am Tische. Im Eintreten übergab sie die 50 Francs Kronele, die wie der Wind davonflog, um sie ihrer armen Freundin zu bringen. „Nun," sagte die Mutter, „es fehlt nur noch die Meinung Kroneles; denn wie ich sehe, hat dieser junge Schulmeister alle Stimmen für sich, sogar die Heva's." „Ich," versetzte Diese, „ich habe keine Stimme; der Vetter stimmt für mich." „Ihr seid also schon einig?" entgegnet« die Mntter. „Wißt Ihr, daß dies nicht erlaubt von Euch ist, besonders gegen meine ältere Tochter!" „Mama," erwiderte Heva, „ich verheirathe mich nicht vor meiner Schwester. Kronele aber hat's mir gestanden, daß sie nicht an den Vetter denkt." „Das heißt," unterbrach sie Leon, „ich denke nicht an sie, weil ich nur an Heva denke. Ich darf's wohl gestehen, meine Absichten sind rein und stimmen mit dem letzten Willen meiner seligen Mutter überein. Und da ich beschlossen habe, auf Heffele zu warten, und sollte ich graues Haar bekommen, so werdet ihr wohl einen Mann für Kronele finden." Herr Reich machte große Augen und schwieg wie gewöhnlich still. „Heva," sagte die Mutter, „Du bist unter einem glücklichen Stern geboren. Leon liebt dich wirklich." „Nur wünschte ich", antwortete Heva, „um meinem Vetter zu gefallen, Französisch zu lernen." „Alles kommt Dir nach Wunsch", meinte die Mutter, „sowohl der schöne Bräutigam wie ein häßlicher Schulmeister. Wir werden den Herrn Seidel ins Haus nehmen." „Nicht allein wird es mir Vergnügen machen", sagte Leon, „daß Heva Französisch lernt, sondern ich wünschte auch, sie nähme Gesang- und Musikunterricht. Sie hat eine schöne Stimme und viel Gefühl." Heva's Augen glänzten vor Wonne nnd Lust; sie war überglücklich. „Wo aber soll er wohnen?" fragte die Mutter; „denn wie ich sehe, ist die Bräutigamsstube aufs neue besetzt; Leon hat sich selbst mit Heva verlobt." „Ja wohl!" erwiederte Leon, indem er das Glas ergriff und mit Herrn Reich anstieß. „Ich wäre aber doch neugierig, darüber die Meinung meines Oheims zu erfahren. Herr David Reich, ich fordere von Ihnen förmlich Ihre Tochter Heva zur Heirath!" „Du iveißt, Leon," unterbrach ihn rasch die Mutter „Dein Onkel sagt nur mir allein feine Meinung. Abgemacht! Du heirathest, wenn Gott will, unsere Heffe, aber Du wartest aus sie, bis erst unser Kronele einen Mann sich auserwählt hat!" In diesem Augenblick trat Elias in die Stube und grüßte. „Herr Seidel," rief ihm die Mutter entgegen, „mein Neffe Leon, mein zukünftiger Tochtermann — denn er ist Bräutigam mit dieser meiner Tochter Heva —, hat Ihre Sache sich ans Herz genommen. Wir nehmen sie auf. Nur kann ich Ihnen die Oberstube nicht geben, die dem Neffen bestimmt ist, wenn er uns die Ehre erweist und einige Tage bei uns verweilt. Mein Sohn aber behauptet, daß man aus der Geräthstube durch eine Wand zwei schöne Wohnzimmer Herstellen kann. In dem einen hat man die schönste Aussicht im Hause, und während der Anwesenheit Leons können Sie Ihre Bücher und Ihre Sachen in seiner Stube lassen." „Werthe Frau," erwiderte Elias, „wenn ich nur die gute Luft Ihres Hauses einathme, bin ich schon zufrieden! „Mein Neffe," erwiderte die Mutter, „wird auch alles andere mit ihnen verabreden. Wir sind keine Leute, die ihr Effen und ihre Wohnung verkaufen; wir werden Sie wie einen Sohn behandeln, hoffen aber auch, daß Sie uns kein Fremder; bleiben werden." s So war denn Elias Seibel in das Haus der Familie Reich eingeführt und als Hausgenosse ausgenommen.! k * * r * '! Während Elias seine Effekten und seine Bücher holte, ließ j Frau Reich ihre Geräthstube zurecht machen und bestellte sich! ein geringes Dienstmädchen, weil sie es nicht für schicklich hielt, > daß Kronele, die bis jetzt die Haushaltung versorgte, einen j fremden Herrn bediene. Herr Seibel tras an einem Mittwoch; wieder im Dorfe ein, und die Magd konnte erst Freitag darauf ihren Dienst antreten. Zum ersten Male sah er so Kronele, die in einer mehr als j gewöhnlichen Dorftoilette die Küche besorgte, die Bücher und h die Kleider des jungen Schulmeisters ordnete und zurecht- : legte. Die Kleidung und das bescheidene, schüchterne Wesen i Kroneles stachen so sehr gegen den Hvchmnth Hevas ab, daß Elias sie für die Magd des Hauses hielt. Als er jedoch ihre j zarten Züge, die Anmuth ihrer Bewegungen und eine gewisie M Familienähnlichkeit in ihrem Gesicht mit de» Zügen Hevas und der Mutter bemerkt hatte, sagte er zu sich selbst: sie ist! gewiß eine Waise, eine verarmte Nichte, die, um ihr Brod ehrlich zu verdienen, die Haushaltung ihrer Tante übernommen hat. Unwillkürlich fühlt er sich von diesem Wese» angezoge»,; und um ihr die Arbeit zu erleichtern, bat er sie, sich nicht um! seine Stube zu beküuimer», da er die Gewohnheit habe, seine»; Hausrath selbst zu versorgen.; Während zweier Tage verließ Elias sein Zimmer und die 1 Oberstube nur um die Stunden des Mittagsnnd des Nachtessens. Freitag Morgens traf er im Hinuntergehen Kronele auf der Treppe und wagte es, sie anzuschauen. Das arme Kind, wie an ihre Stelle gebannt, wußte nicht, ob sie die i Treppe hinauf- oder hinabflüchten sollte. Sie schlug zuerst die ^: Augen nieder, da aber Elias selbst, wider seinen Willen, auf der Treppe stehen blieb, so begegneten sich ihre Blicke. Es war ein elektrischer Blitz, der zwei Herzen durchflammte. Kronele eilte endlich erröthend davon, und der junge Elias kehrte langsam lind nachsinnend in sein Kämmerlein zurück. Nie hätte er es gewagt, seinen Blick auf Kronele zu richten, hätte er ahnen können, daß sie die Tochter des Hauses war. | Seitdem er aber in diesem Hause war, hatte er Kronele immer k nur in einem Kleide von Kattun und mit Holzschuhen in der Küche gesehen, in der Stube, um sie auszukehren und das Essen auf den Tisch zu stellen. Sie aß am Tische und servirte dabei wie alle elsässischen jüdischen Mägde, die bei den frommen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.