Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 598 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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598 rede auf den humanen nnd edlen Dimilry, Erzbischof von Eherson nnd Odessa, die ausgezerchttete Denkrede auf die Heimgegangene Fürstin Elisabeth Laweriervna Woroitzow, die Wittwe des edlen Fürsten Michael Semenjenowitsch Woronzow, des Wohllhäters von Südrußland nnd speziell der Inden, seine vorzügliche Leichenrede aus den berühmten Eisenbahnkönig Geheimrath Samuel von Poljakow, aus den Stadtrath und Oberarzt des Odessaer städtischen Hospitals Dr. Emanuel Soloweitschik. ans den Verfechter der Juden, den berühmten Juristen und Gelehrteil Elias Orschansky, ltub endlich auf den Rechtsanwalt Albert, den: Gründer des Asyls für junge Sträflinge. Diese Rede war der Schwanengesaug des greisen Kanzelredners. Vergessen wir auch nicht seine Vorlesungen über verschiedene Themata, die die Zuhörer entzückten. In Wort, Schrift nnd That hat der unvergeßliche Mann im Lause von fast drei Jahrzehnten in unserer Stadt segensreich gewirkt. Als er im Jahre 1885 sein 25jähriges Amtsjubilänm feierte, da zeigte es sich, welche Liebe und Hochachtung er in allen Schichten der Gesellschaft genoß. Alles wetteiferte mit einander, ihm seine Achtung zu beweisen. Deputationen, Adressen, Telegramme, Briefe, eine Masse von Besuchern, ohne Unterschied der Konfession, eilte in das Haus des Jubilars, um ihm ihre Erkenntlichkeit anszildrücken. Einige Zeit nach der Jubelfeier des würdigen Greises erschien ein Gesetz, daß nur russische Unterthanen den Postelt eines Rabbiners bekleiden dürfen. Dr. Schwabacher, der deutscher Staatsangehöriger war, wollte um keinen Preis russischer Unterthan werden. Die Gemeinde sah zu ihrem größten Leidwesen beit ausgezeichneten und hochverdienten Mann aus dem Amte scheiden. — Während seiner Dienstzeit entstanden Unruhen in Odessa, und die armen Juden wurden im Jahre 1881 beraubt und geplündert. Sein Herz litt schreckliche Qualen beim Anblick seiner unschuldig verfolgten Brüder; er koitnte das große Leid seiner schwer gekränkten Glaubensgenossell nicht müßig ansehen. Er griff zu seiner Meisterfeder und schrieb eine ausgezeichnete Broschüre über die Ursachen dieser Wirren, die er dem hierher delegirten General Grafen Kutaissow überreichte. Ohne irgend eine Notiz über unfern verewigten, langjährigen Freund zu besitzen, haben wir diese Zeilen, die seinem ehrwürdigen Gedächtnisse gewidmet sind, aus unserer persönlichen Erinnerung niedergeschrieben. Wir erinnern uns ganz genau des vierzigjährigen Mannes, wie er in der Kraft seiner Gesundheit hierher kam, nnd einer seiner ersten Predigten im provisorischen Tempel auf der italienischen Straße hielt bei Gelegenheit der Gefangennahme von Schamyl durch den Fürsten Bariatinsky nach Beendigung des kaukasischen Krieges. Da war es in den letzten Tagen des November im Jahre 1888 (28. November-, als wir wie von einem Blitze aus heiterem Himmel getroffen die tieferschütternde Nachricht erfuhren, daß Dr. Schwabacher plötzlich aus dem Leben geschieden sei! Zwölf Jahre sind seit jenem Tage dahingeflossen, und heute noch empfinden wir den herben Schmerz des unersetzlichen Verlustes. Alles in Allem hat die hiesige jüdische Gemeinde in der Person des ausgezeichneten Dr. Schwabacher einen Führer und ein Oberhaupt verloren, das schwerlich je ersetzt werden wird. Ja, der treffliche Mann war vor allem ein Mensch im schönsten und edelsten Sinne dieses Wortes, dann ein Kauzelredner ohne Gleichen und ein Rabbiner, wie wir keinen zweiten im großen Rußland besitzen! Seine reichhaltige Bibliothek schenkte er der hiesigen Talmud-Thora. Sein großartiges Leichenbegäugniß fand den 30. November 1888, an einem der kältesten Tage, statt. Den ausführlichen Bericht hierüber brachten wir in der „Allgemeinen Zeitung des Judenlhnms" Nummer 3, Jahrgang 1889. Alle lokalen, wie die Petersburger Blätter brachten ehrende Nekrologe. Der bekannte hiesige rtlssische Schriftsteller Sytschewsky übersetzte viele seiner Predigten in russischer Sprache. Dr. M. Kayserling erwähnt in den „Gedenkblättern" sein Wirken in Odessa. M. Reichesberg gab im Jahre 1889 eine hebräische Biographie des Heimgegangen heraus. Herr Kommerzienrath Osias Chayös schrieb bei Gelegenheit des 25 jährigen Jubiläums von Dr. Schwabacher eine sehr interessante Broschüre. Bei Enthüllung des Denkmals des Verewigten auf dem neuen jüdischen Friedhofe hielt Herr Chayes eine vorzügliche Dankrede, die er später durch den Druck veröffentlichte. Im jüdischen Waisenhaitse sowohl als im „Trub" und in der „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter dert Juden" sind die Bilder des Verewigten aufgestellt. Die Blüthe und Entfaltung der hiesigen jüdischen Gemeinde datirt seit 1860, seit dem Momente als Schwabacher an die Spitze derselben gestellt wurde. Wir können das Lebensbild des Entschlafenen nicht anders als mit dem Wunsche schließen, es mögen die Leiter unserer intelligenten und fortgeschrittenen Gemeinde sich bestreben, in kürzester Zeit dem Verewigten einen würdigen Nachfolger zu geben. Möge derselbe den Verklärten sich als Muster nehmen und sich bestreben, in den Fußtapfen seines großen Vorgängers zu gehen. Daun Heil der Gemeinde! Dem verklärten Geiste Schwabachers sei ein ewiges, gesegnetes Andenken zu Theil! EUILLETON Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weill. IV. fjmu Reich hatte sich vorgenommen, einen Familienrath während des Abendessens zn halten, der aber durch die plötzliche Ankunft Leons überflüssig wurde.! Heva, welche wußte, daß Leon kommen würde, hatte aus i ihn außerhalb des Dorfes gewartet unter dem Vorwände, die kleine Schwester spazieren zu führen. Leon, der sie bemerkte.! eilte auf sie zu, drückte ihr die Hand und versicherte, er komme j nur ihrethalben. ‘ Sie benutzte diese Gelegenheit, um ihr gutes Herz zu bej weisen, und forderte von ihm die von Kronele verlangten i 50 Francs für Frau Sommer. „Meine Mutter," sagte sie,! „darf es nicht erfahren, daß ich Ihnen entgegengegangen bin. Ich habe ihren Willen nur dieser armen Frau wegen überschritten. Gutes thun geht allem vor." j O, dachte Leon entzückt, wie gut kenn' ich die Frauen! Wie rasch habe ich die schöne Seele in diesem schönen Mädchen entdeckt! Das kommt vori meinen Studien in Frankreich. Schade, daß meine wohlthätige Braut nicht Französisch spricht. Ich wünschte so gern, ihr Schönes und Gutes in Gegenwart ihrer Bekannten zu sagen, ohne daß die es verstünden.