Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 597 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228416--57091-3293444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
OCR text
597 gelehrten Generalgouverneurs Grafen Alexander Grigorjewitsch Stroganow, trat er sein schweres, verantwortungsvolles Amt in Odeffa an, wo er 28 Jahre zumWohle dieser größten jüdischen Gemeinde Rußlands segensreich wirkte. Odessa hatte bei seiner Ankunft hierher, allerdings dank den intelligenten jungen Leuten, die in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts von Brodh nach unserer Stadt übersiedelten, Schule, Hospital, geregelten Choralgottesdienst und dergleichen mehr. Aber es fehlten noch viele Institutionen, die die im Laufe der Zeit stark angewachsene jüdische Gemeinde ungemein benöthigte. Sofort nach dem Antritt seines Amtes sah Schwabacher die Nothwendigkeit ein, jene Anstalten ins Leben zu rufen, die unbedingt begründet werden mußten. Und Schwabacher ging ans Werk. Trotz seiner amtlichen Beschäftigungen als Seelsorger und Prediger entfaltete er auf diesem Gebiete eine große Thätigkeit, und so sehen wir in der verhältnißmäßig kurzen Spanne Zeit im Schoße der Gemeinde, dank seiner unermüdlichen Energie, das jüdische Waisenhaus, die Handwerkerschule „Trud", den jüdischen Wöchnerinnenverein. die Armenküche, das jüdische Greisenasyl, den jüdischen Kommisverein und noch viele andere gemeinnützige Institute entstehen. Durch seine zündenden, begeisterten und hinreißenden Reden, durch sein mannhaftes Auftreten, durch seine rastlose Thatkraft weckte er die guten Geister in der Gemeinde, und Alle, Alle kamen, die er rief. Ein Appell Schwabachers fand stets einen Anklang in den Herzen seiner Zuhörer. Er war es, der die Munifizenz der Gemeinde und der einzelnen hervorragenden Mitglieder aufrief; es war ein hocherhebender Anblick, diesen edlen Wettstreit im Wohlthun zu sehen! In den von früher her bestehenden Anstalteil ivurde unter seiner Leitung nach europäischem Muster Ordnung in die Verwaltung und in die Rechenschaftsberichte gebracht. Mit scharfem Verstände ausgerüstet, sah er sofort, daß er vor sich eine Gemeinde hatte, in der die bestell Absichten vorhanden waren, und der es blos an einem tüchtigen Führer mangelte. Deal unvergeßlichen Mann war es beschieden, die großartige Hauptsynagoge sowohl als die beiden prachtvollen Synagogen in der Puschkin- und der Ekaterininstraße, das neue jüdische Hospital und dessen Bethans, das Waisenhaus und noch andere wohlthätige Anstalten in feierlicher Weise einzuweihen. Einer der größten jüdischen Kanzelredner der Jetztzeit, verstand es der treffliche Schwabacher bei jeder Gelegenheit, die Saiten seiner ihm lauschenden Zuhörer zu rühren, sie in einer schönen, anmuthigen Blumensprache, in lebhaften Bildern und Gedanken zu belehren, und, was so selten geschieht, auch — zu entzücken. Es war ein Genuß, ihn sprechen zu hören. Eine schöne, imposante Gestalt, eine wundervolle, sonore Sprache, eine vorzügliche Diktion, mit einem Worte ein Prediger, wie er sein soll, so stand er auf der Kanzel und an dessen Lippen hing die große Versammlung... Wir haben während unseres langjährigen Aufenthaltes in Deutschland vielfache Gelegenheit gehabt, die ausgezeichnetsten jüdischen und christlichen Redner und Prediger zu hören, aber wir gestehen aufrichtig, daß wir wohl gelehrtere Männer vor uns hatten, aber durchaus keinen besseren Redner. Seine Rede war Musik, seine Sprache begeisternd und eindrucksvoll auf den Zuhörer. Dabei hatte er ein merkwürdiges Gedächtniß. Schwabacher hatte nie eine Notiz vor sich, was doch die meisten Prediger haben. Zu bewundern war es bei ihm, daß er über jedes beliebige Thema mit der größten Leichtigkeit sprach. Wir erinnern uns speziell eines Falles, den wir persönlich vcranlaßten. Bor vielen Jahren war es, daß einem unserer intimsten Freunde und Verwandten seine Gattin nach langwieriger Krankheit an einem Freitag Abend starb. Der tief bekümmerte Gatte, der vor Kurzem erst nach Odessa gekommen war, wünschte, daß die Beerdigung am Sonntage stattfinden und daß Dr. Schwabacher eine Leichenrede halten solle. Wie gesagt, Dr. Schwabacher kannte diese Frau nicht, wußte nichts von ihrem Leben und ihrer Wirksamkeit in ihrer Gemeinde. Wir waren es, die wir die traurige Mission hatten, ihn zu dieser Leichenrede einzuladen. Wir begaben uns Samstag Abend zu ihm und trugen ihm unser Anliegen vor. Er erklärte sich sofort bereit, diese Rede zu halten, nur erbat er sich einige Notizen über die Heimgegangene und ihre Angehörigen. Nur dürftige Notizen konnten wir dem Prediger geben. Wie erstaunt waren wir aber, als wir Tags darauf am Friedhofe eine vorzügliche, längere Leichenrede hörten; er sprach so beredt als ob er die Dahingeschiedene eine lange Reihe von Jahren gekannt hätte! Das war Schwabacher als Prediger. Seine bezaubernde Persönlichkeit, sein Auftreten und seine hinreißende Sprache imponirten Christ und Jude. Die höchsten Beamten der Stadt, der Generalgouverneur an der Spitze, waren von dem deutschen Prediger begeistert. Als der verewigte Kaiser Alexander II. nach Odessa kam. ward dem trefflichen Prediger die hohe Ehre zu Theil, den erhabenen Monarchen an der Pforte der Hauptsynagoge zu begrüßen und ihn in die Hallen des Gotteshauses zu geleiten. — Als der russischtürkische Krieg des Jahres 1877—78 ausbrach, widmete Dr. Schivabacher seine Thällgkeit zu Gunsten des „Rothen Kreuzes". Die Behörde in Petersburg wußte geine Bemühungen und Leistungen zu schätzen, und er bekam eine Reihe von Auszeichnungen, nämlich: einen diamantenen Ring, den St. Stanislaus- und St. Anna-Orden wie das rothe Kreuz, das ihm von der kaiserlichen Huld zu Theil wurde. — Inmitten seiner rastlosen Thätigkeit zum Wohle seiner ihm anvertrauten großen Gemeinde und seiner zweiten Vaterstadt und ihrer Bürger traf Rußland an jenem grauenhaften 1. März 1881 das größte Unglück, welches unsre Geschichte aufzuweisen hat. Der Menschenfreund auf dem Throne, der milde, edle Alexander II. siel als Opfer unter Mörderhändeu. Bei dieser Hiobsnachricht, die Rußland und die ganze gesittete Welt in tiefste Trauer versetzte, und alles, was Mensch heißt, erbebte und erzitterte, empfand der treffliche Schwabacher den herbsten Schmerz und Kummer, dem er in der denkwürdigen Gedächtnißrede am Begräbnißtage, den Manen des verklärten, gütigen. Kaisers gewidmet, in herzzerreißenden Worten Ausdruck verlieh. Man mußte diese tiesergreifende Rede hören, aus deren Worten der wahre, aufrichtige Schmerz klang. Die tiefempfundenen, aus dem Herzen des Redners kommenden Worte drangen in die Herzen der zerknirschten Zuhörer, und als Echo hörte man von allen Seiten schluchzen... Außer seiner seelsorgerischen Thätigkeit sand der unermüdliche Dr. Schwabacher noch Zeit, sich litterarischen Arbeiten hinzugeben. Beweis dafür sind: „Die drei Gespenster", „Der Sieg der Menschheitsidee über den Nationalitätsbegriff", „Von Heliopolis nach Berlin" und noch viele andere Arbeiten. Von seinen Predigten und Reden sind hervorzuheben: „Einst im Einst" über klassisches Studium, die er in Gegenwart des Ministers der Volksausklärung Grafen Tolstoi hielt, „Der Kaiserpark", „Vater, Sohn und Enkel", die treffliche Gedächtniß-