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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-14 · Heft 50 (14.12.1900) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
Seite 596 (sequence 10)
Language
German
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59 6 Anblick des Tempels im Hintergründe andererseits machen ans die jüdischen und nichtjüdischen Zuschauer einen recht angenehmen Eindruck, der sicherlich lange in ihrer Erinnerung unverwischt bleiben wird. Hätte der bekannte Novellist Zangwill in seinem im vergangenen Jahre in London ausgeführten Drama „The Children of the Ghetto" ähnliche anziehende Scenen dem Publikum vorgeführt, und nicht statt dessen manche jüdische Ceremonien und Gebräuche darin ins Lächerliche gezogen, so würde fein Stück ohne Zweifel viel günstiger vom Publikum ausgenommen worden sein, als es in Wirklichkeit der Fall war. — Das laufende Heft der „Jewish Quarterly Revieiv" enthält einen recht interessanten Bortrag über die Juden in China, den Mr. Marcus Adler (Bruder des Chief Rabbi Dr. Adler) vor einigen Monaten im litterarischen Verein des „Jew's College" gehalten hat. Daraus entnehmen wir, daß die ersten authentischen Nachrichten über die Existenz von Juden im sogenannten „himmlischen Reiche" im Jahre 1615 von römischkatholischen Missionaren nach Europa gebracht worden sind. Ebenso erfahren wir daraus, daß etwa ein Jahrhundert späterwichtige Einzelheiten über dieselben Juden und über deren Sitten und Gebrauche durch einen katholischen Priester Namens Ricci, der ebenfalls Missionär war. bekannt geworden sind. Letzterer theilte unter anderen: mit. daß er einen höchst gebildeten chinesische,: Juden gesprochen, der ihn: sagte, daß er einer jüdischen Geineinde in China angehörte, die eine Gesetzesrolle besaß, welche vierhundert Jahr alt war. In neuester Zeit, heißt es in: selben Vortrage, sind gewisse, auf chinesische Juden bezügliche Inschriften aufgefunden und entziffert worden, woraus zu ersehen ist, daß Juden jedenfalls schon im Laufe des ersten Jahrhunderts der gewöhnlichen Zeitrechnung in verschiedenen Theilen des chinesischen Reiches als angesehene Bürger gelebt haben. Ob der Prophet Jesajah China schon gekannt und im 49. Kapitel seines Buches darauf hingewieseu hat (Vergl. daselbst Erez Sinim), ist nicht mit Bestimmtheit anzunehinen. In der Londoner „Fortnightly Review" des jetzigen Monats ist ein Artikel abgedruckt, der insofern für Juden in: Allgemeinen von Interesse ist, als er den Ursprung der allerersten Blutbeschuldigungen den Juden gegenüber zu erklären versucht. Darin wird nämlich auf ein geschichtliches Werk hingewiesen, das in: Jahre 416 von einem damals im Orient lebenden Autor Namens Thevphanes unter dem Titel: „Chronvgraphia" veröffentlicht wurde, und worin derselbe nüttheilt, daß zu seiner Zeit die Juden alljährlich kurz vor den: Passahseste ein anderes Fest unter großer Belustigung feierten. Während dieser Feier, meinte er, wurden Christenkinder ergriffen und ans Kreuz geschlagen, um dadurch den Stifter der christlichen Religion zu verhöhnen. Nun glaubt der Schreiber des fraglichen Artikels, daß das besagte Fest sicherlich das Purimfest war, und daß die Juden, um das Aushängen Ha mans so recht veranschaulicht zu machen, keine lebende Person, sondern vielmehr eine menschliche Abbildung, die den fraglichen Erzfeind der Juden repräsentirte, auf den improvisirten Galgen brachten und daselbst scheinbar mißhandelten. Dieser allerdings närrische, aber immerhin unschuldige Spaß scheint der ursprüngliche Grund gewesen zu sein, der der: Verdacht bei den Christen hervorgerufen hat, daß die Juden jedes Jahr kurz vor Ostern Christenkinder einfangen, sie tödten und deren Blut zu religiösen Zwecken benutzen. X Dieser Verdacht wurde von gewissen zeitgenössischen nichtjüdischen Geschichtsschreibern als wirkliche Thatsache beschrieben und festgestellt, und lline illae lacrknae! Wie viele Thränen und Verfolgungen haben nicht derartige Historiker zu verschiedenen Zeiten bis jaus die Gegenwart herab den unschuldigen Juden in allen Welttheilen verursacht! Ar. S. L. Kchwabacher. Bon Leon A. Trachtenberg. Nailre est peu de chose; utiliser Ja vie, c’est beaucoup. (Fürst Metternich an Alexander v. Humboldt.) einem kleinen württembergischen Flecken, Oberdorf bei Tw Stuttgart, war es, daß in der Familie eines braven, wackeren Landwirthes^am 24. April 1819 (5. Tischri 5580) ein Knabe geboren wurde, der, als er in den heiligen Bund des Judenthums ausgenommen wurde, die Namen Simeon Leon erhielt. Und dieser Knabe, in einem entlegenen deutschen Dorfe geboren, sollte mit der Zeit der Reorganisator einer der größten jüdischen Geiueinden Rußlands werden und zu gleicher Zeit als Prototyp den zukünftigen Rabbiner in Rußland dienen! Der intelligente, aufgeweckte Knabe wuchs zur Freude seiner Eltern heran, entwickelte sich immer mehr und mehr, bekain, wie es zu damaliger Zeit Sitte war, eine religiöse Erziehung, und zwar in Birnbaum; dann bezog er das Gymnasium und später die Universitäten Heidelberg, München, dann ging er nach Tübingen, wo er im 22. Jahre seines Lebens sich den Grad eines Doktors der Philosophie erwarb. Der um die Odesfaer jüdische Gemeinde vielfach verdiente Dr. Schwabacher wurde hierauf als Prediger nach Prag berufen, wo er blos ein Jahr wirkte, dann ging er als zweiter Rabbiner nach Hamburg, wo er drei Jahre blieb, und von dort nach Landsberg und Schwerin a. d. W., wo er acht Jahre als Rabbiner und Prediger amtirte. In Schwerin heirathete er im 34. Jahre seines Lebens Fräulein Johanna Stern, die Tochter eines reichen Mannes. Seine Schwiegermutter war eine geborene Güterbock aus der alten Familie gleichen Namens. In Berlin existirt noch jetzt die Eüterbock'sche Stiftung, aus der arine Verwandte dieser Familie unterstützt werden. Die große Lemberger Gemeinde, nachdem sie das Unglück hatte, den ausgezeichneten Rabbiner und Prediger, den aus Hohenems (dem Geburtsorte des berühmten Oberkantors Professor Salomo» Sulzers) stauunenden edlen Abraham Kohn s. A. in so tragischer Weise zu verlieren, lenkte ihre Aufmerksamkeit aus den redegewandten Schwabacher. Trotz der traurigen Erfahrungen, die sein unglücklicher Vorgänger im Amte dort machte, dessen noch,so junges Leben den: Fanatismus der Dunkelmänner zum Opfer fiel, schreckte Dr. Schwabacher nicht zurück, den verwaisten Rabbinatsstuhl in Lemberg einzunehmen. Vier Jahre blos (1856 bis 1860) wirkte er segensreich in Lemberg, bis er im Herbst destJahres 1859 den ehrenvollen Ruf erhielt, nach Odessa zu kon:men. Ohne die geringste Kenntniß der russischen Sprache, keine blasse Idee von seinen russischen Glaubensgenossen habend, folgte er dennoch dem an ihn ergangenen Rufe, wohl wissend, welche große Schwierigkeiten und welche, schwere Ausgaben ihm bevorstanden. Im Jahre 1860, unter der Verwaltung des humanen,

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