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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-14 · Heft 50 (14.12.1900) · p. Seite 595

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
Seite 595 (sequence 9)
Language
German
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Volksbibliothek bestehe«. Oben sprach ich von Büchern für die Jugend, hier meine ich Bücher für den reifen Mann. Bücher, die belehren, erheben und erbauen. Solche Bücher müssen, wo sie schon vorhanden sind, gesammelt, und neue muffen geschrieben werden. Es ist eine Ehrenanfgabe des „Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes" armen Gemeinden zu helfen, solche Bibliotheken einzurichten. Der Aufsatz würde zu lang werden, wollte ich diesen Gedanken weiter ausführen. Es ist dies aber auch nicht nöthig. da Jedermann weiß, was ich meine. Wenn in dieser Weise gearbeitet wird, dann braucht uns um die Zukunft des Judenthums nicht bange zu sein. Es sind ja schwierige Aufgaben zu ersüllen. und Mancher wird meinen, diese Forderungen wären nuerfüllbar; aber was wäre einem festen Willen unmöglich? Und da es sich hier um das Heiligste des Judenthums handelt, nämlich um die Erhaltung der Religion, so glaube ich. daß mau alle Kraft zusammennehmen muß, um wenigstens einen Versuch zu machen. Vor allem aber müßte die Intelligenz des Judenthnms sich doch mehr als bisher um ihre Glaubcusgenoffen kümmern. Wir sehen ja leider, daß viele jüdischen Richter, Rechtsanwälte, Aerzte, Oberlehrer u. s. w. fast das ganze Jahr hindurch das Innere der Synagoge nicht sehen, daß sie Sabbath und Festtage nicht halten. Sie lassen sich am heiligen Versöhnungstage eine Stunde lang während der Todtenfeier im Tempel sehen «Manche auch dann nicht) und glauben dadurch dem religiösen Bedürfniß Genüge geleistet zu haben. Ihne» genügt's vielleicht. Aber was denkt der einfache Man», wenn er diese Beobachtung macht? Muß er sich nicht sagen: wenn der Gebildete, der so viel gelernt hat, so viel weiß, über alles nachgedacht hat, die Religion nicht hält, warum soll ich sie halte»? Das mögen die Herren bedenken. Es giebt ja rühmliche Ausnahmen, aber wie wenige sind's! Gebe Gott, daß es bald anders und besser werde! Briefe aus England. Von Nev. Dr. Chotzner. XXpä kommt wohl recht selten vor, daß innerhalb weniger Wochen und in einem und demselben Lande zwei be- deutende uichtjüdische Persönlichkeiten mit dem Tode abgehen, die während eines großen Theiles ihres Lebens höchst wohlwollende Gesinnungen für Juden und Judenthnm gehegt und gepflegt haben. Dies war jüngst hier in England der Fall, indem der gelehrte und hocharistokratische Marquis of Bute und der weitberühmle Professor Max Müller innerhalb einer sehr kurzen Zeit ihren segensreichen Levenslanf endeten, welche beide Herren öfters durch Wort und That ihre innigen Sympathien für die Inden und bereu günstiges Wirken und Schaffen öffentlich bekundeten. Dieser Umstand verdient um so mehr in diese»! Blattern erwähnt zu werden, als der Marquis of Bllte ein eifriger Katholik, und Max Müller in Gesinnung und Handlung stets ein Germane blieb, obschon er so viele Jahre in England gelebt und gewirkt hat. Möchte doch dieses glänzende Beispiel von Toleranz und allgemeiner Menschenliebe in jenen Theilen des Kontinents häufige Nachahmung fillden, wo jetzt iw so vielen gebildeten katholischen oder protestantischen Kreisen ganz verschiedene Ansichten über Juden und Judenthnm herrschen. Es ist interessant zu erfahren, daß der besagte Marquis jahrelang mit hebräischen Stndieli sich befaßte, und daß er infolge dessen mit einigen jüdischen Gelehrten — darunter war auch der Chief-Rabbi Dr. Adler — häufig in freundschaftliche Berührung kam. Dies mochte wohl theilweise der Grund gewesen sein, daß er eine höchst günstige Meinung vom Judenthum und von dessen Vertretern hatte, und daß er auch nutzreiche jüdische Zwecke öfters fördern half. Höchst charakteristisch nach dieser Seite hin ist ein permanentes Stipendium, das derselbe Marquis testamentarisch gestiftet hat, welches alljährlich einem würdigen jüdischen Stilderlteu zugetheilt werden soll, der die Universität in St. Alidrews (Schottland) besucht. Aehnliche Gründe waren es auch, die Professor Max Müller zum Fürsprecher lind GöNiier der Juden machterr. Als tüchtiger Orientalist ivilßte er erstlich den geistigen Werth ihrer Litteratur nach Gebühr zn würdigen, niid dann zählte er auch unter ihnen einige seiner besten Freunde. Letztere Thatsache theilt er selbst in feilten vor einiger Zeit im Druck erschienenen „Erinnerungen" mit,worin ernameutlich mit besondererLiebe und Achtiiiig voti seinem JugendfreundeM e n d e ls s o h u - B a r t h o l d y spricht, dessen Rath er mit bestem Erfolge gefolgt ist, indem er sich iiicht dem ©tubium der Musik, sondern vielmehr dent der orientalischen Philologie gewidmet hat. In deiiselbeu „Erinnerungen" loird and) Heine erwähnt, den der Verfasser einmal in Paris besuchte und als den Freund seines Vaters, des Dichters der rühmlichst befamtteit „Müller-Lieder" herzlich begrüßte. Mar Müller war einer der wenigen in Deutschland Qeboreneu und erzogenen nichtjüdischen Gelehrten ersten Ranges, die Heines hochpoetisches Dichtertalertt öffentlich anerkannten niid dessen unsterbliche Liedersammlung nach Gebühr lobten Mid schätzteri. Für den in Deutschland in so schrecklicher Weise herrschenden Antisemitismus hatte derselbe Professor nur Worte des größten Abscheus. Das Andeiiken solcher edlen Männer wird wohl stets unter den Judeii in Ehren gehalten werden. — Seit Kurzem wird in Her Majesths Theatce in London ein Schatispiel arifgeführt urid dürfte voraussichtlich daselbst recht lange fortgesetzt werden, das ein interessantes jüdisches Thema zum Gegenstaiide hat und in den gebildeten Kreisen der englischen Metropole augenblicklich vielfach besprochen wird. Das fragliche Theaterstück, „Hervd" titulirt, behandelt einige der wichtigsten Momente im Leben des unter dem besagten Nanten wohlbekannten Königs der Inden, beffeu Thun und Lassen von Josephils, Strabo und einigen andern Aut«ren des Alterthums mehr oder weliiger ausführlich beschrieben worden ist. Die ganze Vorstellung ist höchst spannetid von Anfang bis zu Eiide und reißt die Zuschauer zur größteil Bewiiiidertliig hin. „Herod" ist keiiteswegs ein religiöses Drama, doch kommen darin einige Scenen vor, die manche jüdischreligiöse Ceremonie ziir Alischannng bringen, niid zwar in eitler Weise, die höchst gefällig und anziehend ist. Schon int ersten Akte sieht man z. B. beu jugendlichen, zum Hohepriester gewählten Aristobulus vom Tentpel zu Jerusalem zurückkehren, wo dessen Wahl kurz vorher stattgefnndeli hatte. Dies war gerade am Hüttenseste, und die zahlreicheit, festlich gekleideten jüdischeil Begleiter des jiiiigen Hohepriesters Nagen daher als Zeichen dieses Festes Palmenzweige und Citronen in ihren Händen, während ringsumher die Häuser mit verschiedenartigell Blumen, Gewächseli utid Früchten reichlich geschmückt sind. Dieser imposante Aufzug einerseits und der herrliche

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