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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-14 · Heft 50 (14.12.1900) · p. Seite 593

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
Seite 593 (sequence 7)
Language
German
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593 Zweck selbst aber ungenügend. So ist das Verhältniß des B. K. D. Ahlem gegenüber, und wenn wir die Frage auf. werfen, wieso man wohl zu dem Glauben gekommen ist, daß zwischen beiden, gleiche Ziele verfolgenden. Humanitären Bestrebungen ein Mißton obwaltet, so liegt die Antwort daraus in verschiedenen Umständen. Wir möchten nicht näher auf die weiteren Ausführungen des Herrn Dr. Finkel eingehen, vor allem nicht auf seine Behauptung, daß dem Schöpfer von Ahlem. Herrn Konsul Simon, unlautere Motive vorgeworfen würden. Sie ist wirklich zu absurd, und es mangelt ihr gerade sowie den vorhergehenden Behauptungen an irgend welchen Beweisen. Wir unsererseits können aber das Gegentheil dadurch beweisen, daß wir uns glücklich schätzen, Herrn Konsul Simon als Vorstandsmitglied unseres B. K. B. zu wissen, der lebhaften Antheil an unseren Bestrebungen nimmt und selten eine Vorstandssitziing versänmt. Ebenso ist der Vorsitzende des B. K. V. Vorstands- Nlitglied der Erziehungsanstalt Ahlem. Eine viel wichtigere Frage hat Herr Dr. Finkel aber damit angeschnitten, ob es nicht richtig wäre, den B. K. V. als Centrale zu betrachten, unter deren Obhut auch Ahlem gestellt werden müßte. Wir wollen diese Frage heute nicht beantworten, sondern damit warten bis der B. K. V, durch Mitglieder und Mittel stark genug sein wird, die Macht zu entfalten, daß unter seiner Obhut dieses ideale Werk der Wohlthätigkeit, Ahlem, gesichert erscheint; dann wollen wir dieser Frage näher treten. Jedenfalls ist es nothwendig, daß zur Erlangung so weit gesteckter Ziele sich die gesammte Jndenheit verbinde, daß ein Jeder nach besten Kräften mitarbeite zur Ehre des Jndenthums mit Selbstlosigkeit und in Eintracht. Nur dann darf man hoffen, das Ziel zu erreichen, denn wo ein Wille ist, giebt es auch einen Weg! Wie können wrr den religiösen Niedergang aufhalten? Von Lehrer Naftaniel in Pakosch. ™n einem Artikel in Nr. 37 der „Allgemeinen Zeitung des XI/ Judenthums" hat Herr Grünfeld - Schwersenz auf den finanziellen Rückgang der kleinen Gemeinden hingewiesen und Mittel und Wege angegeben, wie diesem Rückgang der Finanzen und damit auch dem Niedergang der kleineren Gemeinwesen Einhalt geboten werden könnte. Solche Vorschläge sind gewiß mit Freuden zu begrüßeil. Aber — sind denn bloß die Finanzen der kleinen Gemeinden im Rückgänge? Können ivir nicht auch einen - unaushaltsamen Niedergang der wahren, echten Religiosität auch in den kleineren Gemeinden wahrnehmen, ein Niedergang, welcher das Herz jedes wahren Israeliten mit aufrichtigem Schmerz erfüllen muß? Diejenigen, welche noch an der Religion festhalten, werden auch in beii kleineren Gemeinden immer seltener. Wohin soll ein solcher Zustand führen? Wodurch soll denn das Judenthum seine Existenz zeigen, wenn die Synagogen leer stehen und die Feste nicht gefeiert werden? Und dahin kommt es gewiß, wenn die Gleichgiltigkeit gegen das Judenthum in derselben Weise weiter um sich greift. Woher kommt diese erschreckende Gleichgiltigkeit? Natürlich aus der Unkenntniß der Religion. Die meisten unserer Brüder und Schwestern kennen das Judenthum nicht genügend, sie kennen nicht seine glorreiche Geschichte, sie kennen nicht Zweck und Bedeutung unserer heiligen Gebete, unserer Ceremonien, sie wissen vor allem zu wenig von dem geistigen Inhalt unserer Religionslehren. Die älteren Generationen besaßen lloch wenigstens Pietät, aber auch diese fehlt meistens unseren Zeitgenossen; daher vermissen wir die wahre Religiosität, wenn sie vielleicht auch mehr Religion gelernt haben. Ich gebe zu, daß sie Religionskenntniß besitzen, aber, wie schon hervorgehoben, diese Kenntniß genügt keineswegs, um ein fortwährendes, dauerndes, reges Interesse für das Judenthum zu erzeugen, was aber gerade das Wichtige ist. Es mag ja sein, daß der Schüler, so lauge er Religionsunterricht genießt, Interesse für das Judenthum und seine Geschichte hat: aber dieses Interesse geht verloren, wenn er die Schule verlassen hat. Ich denke hierbei nicht an das Kind wohlhabender Eltern, welches das Gymnasium absolvirt, sondern an das Kind, welches nur die Volksschule besucht. Verläßt nun der Knabe die Schule und tritt ins Leben hinaus, so kümmert sich kaum Jemand um sein religiöses Leben, um sein religiöses Wissen. Was Wunder, daß er bald alles vergißt, das Interesse verliert, die Ausübung der Religion als Fessel betrachtet und diese bald abstreift. Bei der für den Religionsunterricht knapp zugemessenen Zeit und bei der Fülle der anderen Arbeiten konnte der Wissensstoff nicht derart ausgenommen werden, daß ein dauerndes Interesse erregt worden wäre, woraus es aber doch gerade ankommt. Das dauernde, gleichmäßige Interesse für das Judenthuin muß erregt werden, dann wird auch die Religiosität erhalten bleiben. Wie erreichen wir dies? Bei der Beantwortung dieser Frage denke ich nur an den einfachen Mann aus dem Volke; ihm soll die Religion erhalten werden, denn sobald auch dieser unreligiös wird, hört das Judenthum bald auf; die Intelligenz des Judenthums kümmert sich ja in den meisten Fällen, Gott sei es geklagt, schon lange nicht mehr um unsere Religion. Auf welche Weise erreichen wir also, daß zunächst bei dem Kinde, sei es Knabe oder Mädchen, welches die Schule verläßt, das religiöse Interesse erhalten bleibt, daß das religiöse Wissen erweitert und vertieft wird? Zur Fortführung, Erweiterung und Vertiefung des profanen Wissens hat mau für die Kinder der Volksschule Fortbildungsschulen eingerichtet. Warum dies geschieht, ist ja bekannt. Eine Art Fortbildungsschule wäre auch für das religiöse Wissen nöthig; ich meine natürlich nicht, daß wirkliche Fortbildungsschulen eingerichtet werden sollen, das würde dem Zwecke, den ich im Auge habe, nicht entsprechen. Was ich hierbei mit dem Ausdruck Fortbildungsschule zu bezeichnen mir erlaubt habe, ist etwas anderes. Es soll allerdings eine Fortbildung, eine Fortsetzung des Religionsunterrichts sein, aber in ganz zwangloser Weise durch geeignete Lektüre und durch das lebendige Wort. Betrachten wir zunächst die Lektüre: Die der Schule entwachsenen Kinder sollen Bücher in die Hände bekommen, welche in ganz einfacher, vocksthümlicher und anregender Weise die Lesenden mit der Geschichte des Judeuthums, seinen religiösen Satzungen und Gebräuchen geiiauer bekannt machen, ihnen vor allem den Grund und die Ursache der Ceremonien und Feste, die Bedeutung der Gebete

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