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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-14 · Heft 50 (14.12.1900) · p. Seite 592

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
Seite 592 (sequence 6)
Language
German
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592 Bomst allein hat noch Spuren antisemitischer Demagogie aufzuweisen. Meseritz-Bomst hat noch alle Spielarten der rassefeindlichen Bewegung von ihrer Entstehung bis zum heutigen Tage oder, nach den Führern benamset, von Liebermann von Sonnenberg bis zu Ahlwardt und zu dessen einstigem Protektor Bruhn. Da kam die Neichstagsnachwahl, die für die Außenstehenden ein so seltsames Schauspiel bot. Welcher Wissende aber konnte nach der Entwickelungsgeschichte des Antisemitismus daran zweifeln, daß sich die Anbahnung freundlicher Beziehungen zwischen den deutschen Reformern oder Sozialen uitb den Polen wiederholen würde? — Wilhelm Bruhn, dessen Judenhaß vielleicht noch von dem Ehrgeiz übertroffen wurde, Reichstagsabgevrdneter zu werden, hatte nicht einmal die Priorität für die Passivität der deutschen Antisemiten bei einer sogenannten nationalen Gefahr. Er und, oder — das weiß ich nicht —- seine Hintermänner handelten nur im Sinne der Schrittmacher ihrer Bestrebungen, als sie passiv oder aktiv die Wahl des Gegners der Deutschen unterstützten. Das war kein Novum. Und doch war es gut, daß dem Wandel der Zeiten zum Trotz, der Antisemitismus in praxi bewies, daß er derselbe geblieben ist. Wie hätte das Blatt des Reichstagskandidaten a. D. wohl gezetert, wenn die Juden dasselbe gethan hätten? Wie hätte es gehöhnt und gespottet über die Leichtgläubigkeit des Deutschen, der den Juden nationale Gesinnungen zutraut? Es hätte in diesem für uns undenkbaren und unmöglichen Falle Recht gehabt. Das geben wir zu. Aber der Antisemitismus muß schon gestatten, daß man jetzt über ihn genau so urtheilt. Mcseritz-Bomst hat es bewiesen. Der Antisemitismus begann feine Laufbahn im Osten antinational. Und er ist es auch heute. P. Der Unreinzur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands. Bon Obeiamtmcnin 8, Cohn. err Rabbiner Dr. E. Finkel-Pasewalk hat in Nr. 47, S. 561 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" einen Aussatz unter dem Titel: „Ahlem und der Verein zurFördernng der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands" veröfseutlicht, auf welchen ich mir im Interesse der Sache Nachstehendes zu erwiedern erlaube. Er beginnt damit, daß er, obwohl er die Tendenzen des Vereins billigt, deinselben den Vorwurf macht, daß er trotz seines mehrjährigen Bestehens noch keine Erfolge anfzuweisen habe, und daß die Ursache dieser betrübenden Erscheinung vor allem in der Art der Propaganda zu suchen sei. Er zeigt in längerer Ausführung, ivie wenig neu der Gedanke der Uebersührnng der Juden zur Landwirthschaft sei, und vertritt dann die Allsicht, daß der Entwickelung des Vereins die Erziehungsanstalt Ahlem im Wege sei, und daß der Verein viele Freunde der Landwirthschastsidee vor den Kopf gestoßen habe, weil er Ahlem nicht jenes Wohlwollen angedeiheli ließ, welches der Anstalt von rechtswegen gebührt. Schließlich glaubt er, daß es Aufgabe des Bodenkulturvereins wäre. Ahlem in seine Obhut zu nehmen, bezüglich sich als Centrale zu gestalten, wohin die Beiträge und Spenden aller Gönner der Landwirthschastsidee fließen rc. Wir begrüßen es freudig, daß Herr Dr. Finkel dieser ernsten Frage Aufmerksamkeit schenkt, und wenn wir auch seine Ansicht in mancher Beziehung nicht theilen, so hoffen wir durch nachstehende Ausführungen, daß er als Freund der Sache sich zu den unseren bekennen wird. Der Vorwurf, daß der B. K. V. seit der Zeit seines Bestehens nichts geleistet habe, ist ungerecht und kann nur von Denjenigen erhoben werden, die sich um die Angelegenheit wenig bekümmern. Wir haben allerdings insofern noch keinen Erfolg zu verzeichnen, als wir noch kein Gut zum Zwecke der Parzellirung erworben und Ansiedelungen geschaffen haben. Dazu gehört aber Geld und zwar viel Geld und woher daffelbe nehmen? Ueberall werden unsere Glaubensgenossen zu wohlthätigen Zwecken stark herangezogen, und wenn man nun gar mit einer so großen Idee kommt, die praktisch noch nicht erprobt ist und der man deshalb sehr skeptisch gegennbersteht, da ist es sehr schwer, Geld zu erhalten. Daher war es unsere Aufgabe, in Wort und Schrift den Gedanken der Uebersührnng der Inden zur heimischen Bodenkultur unter unseren Glaubensgenossen zu verbreiten, was wir gethan haben und was in immer größerem Maßstabe geschehen wird, und das ist der Ersolg, den wir bis jetzt erzielt haben. Herr Dr. Finkel hat ganz Recht, daß die Idee der Uebersührnng der Inden zur Bodenkultur nichts Neues ist, aber praktisch ausgeführt hat man sie noch nicht, und wir werden in kurzer Zeit, wenn es uns gelingt, die Mittel leihweise zu beschaffen, unsere Theorie in die Praxis überführen, da der Vorstand des B. K. V. beschlossen hat. Mittel zum Ankauf eines Gutes aufzubringen, und nach einem Vorschläge der Herren Nvsenthal und Werner in Posen die Ansiedelungen zu beginnen. Ist dies nicht die beste und wichtigste Propaganda? Wenn man den Juden Deutschlands beweist, daß jüdische Ansiedelungen blühen und gedeihen in unserem deutschen Vaterlande, dann wird es uns nicht an Mitteln fehlen, das begonnene Werk fortzusetzen. Und welches Material haben wir für unsere Ansiedelungen? Die ansgebildeten und fertigen Zöglinge von Ahlem. Ja, dies ist das Programm des B. K. V,, daß er in erster Linie den in Ahlem ausgebildeten Zöglingen zur Selbständigkeit verhelfen will. Und darin erblickt man den Gegensatz und das geringe Wohlwollen, welches unser Verein Ahlem entgegenbringt. Aber nicht nur Herr Dr. Finkel stellt eine derartige Behauptung auf, sondern in Süddeutschland ist diese Annahme gang und gäbe, und viele Zuschriften hervorragender Männer weisen darauf hin, daß man dort der Ansicht ist, daß der B. K. V. mit Ahlem nicht genügend Hand in Hand gehe. Dies gab Veranlassung, in der am 28. Oktober cr. stattgefundenen Vorstandssitzung des B. K. V. diese Angelegenheit zur Sprache zu bringen, und folgender Antrag des Herrn Rosenthal-Posen wurde einstimmig angenommen: „Mit Rücksicht auf den heutigen Beschluß zu Punkt 1 der Tagesordnung erklärt der Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands, daß derselbe den Willen hat, mit der Anstalt Ahlem Hand in Hand zu gehen und die dort ausgebildeten und von der Anstalt Ahlem empfohlenen Zöglinge bei Aufnahme und Ansiedelung in den zu begründenden jüdischen Kolonien zu berücksichtigen." In der Diskussion wurde ausdrücklich anerkannt, daß Ahlem als Mittel zum Zwecke fast ideal zu nennen sei, als

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