Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 591 (sequence 5)
- Language
- German
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591 einer Religion erziehen mufj, in der der Landeskirche aufwachsen läßt bis zu dem Zeitpunkt, wo sie selber itjven Glauben bestimmen können. Nachdem das Repräsentanten-Kollegium ein solches Verjähren, das doch kein Vater aus anderen Gründen wählt, als weil er es zum Besteil seines Kindes für das richtige hält, sogar als uuehrenhaft verurtheilt hat, luevbeu die betreffenden Mitglieder der jüdischen Gemeinde vor die Frage gestellt, ob sie lällger einer Gemeinschaft angeboren können, derer: berufene Vertreter sie in dieser Weise in die Acht erklären. Die absolute Haltlosigkeit dieses Standpunktes ist schon oft genllg gekennzeichnet worden. Die Drohung des Blattes kann uns Juden nur wenig erschrecken. Wir haben schon andere Dinge erlebt. * Inzwischen ist in den „Preußischen Jahrbüchern" selbst eine ebenfo gediegene wie geistvolle Zurückweisung der Angriffe ilnd Jrrthürrrer des besagten Benedictns Levita durch Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettiu erfolgt. Das Schlußwort behält natürlich Herr Levita, dem unserer Meinung nach viel zu viel Ehre in jüdischen Kreisen erwiesen lvird. Diese Nachbemerkung ist so lendenlahm und unwahr, daß es sich wahrlich nicht mehr lohnt, darauf zu erwidern. Sollen wir erst noch einmal Nachweisen, daß die „Weltanschauung" des Christenthums, auf die er jetzt pocht, den israelitischen Propheten entlehnt ist, daß alle die theologischen Begriffe: G o t te tzreich, Weltgericht, Werth der einzelnen sittlichen Persönlichkeit re. dem nachexilischen Judenthum schon eigen waren? Das müßte man eigentlich gegen Harnack thun, der mit diesen „Werthen" dein Laienpublikum inseinen Vorlesungen über das Wesen des Christenthums sehr imponirt, nicht aber gegen dessen Nachplapperer, der sich im Jahre 1900 auf die im Jahre 1868 erschienene 1. Auflage der Grähffchen Geschichte beruft, und der dem Juden schließlich „bei ben jetzigen Zeitläuften ein etwas trotzigeres Hervorkehren seinjes Judenthums empfiehlt". Am Besten: wir legen nunmehr auch Herrn Benedictus Levita zu den Akten. Die Meldung der Mailänder „Perseveranza", wonach der Papst in einem Rundschreiben an die Bischöfe von Frankreich, Oesterreich irnd Deutschland Stellung gegen den Antisemitismus genommen habe, wird jetzt — wie es ja vorauszusehen war — scharf dementirt. Die „Jtalie" schreibt darüber: „Obgleich der Papst die antisemitische Propaganda persönlich mißbilligt, so sieht er sich doch keinesfalls veranlaßt, darüber eine offizielle Kundgebung zu erlassen. Er wird es um so weniger thun, als er genau weiß, daß alle führenden Geister des Vatikans sich mit Haut und Haaren dem Antisemitismus verschrieben haben. Als Beweis möge die in Ancona erscheinende klerikale „Patria" dienen. Dieses Blatt griff die Juden in so aufreizender Weise an, daß die Staatsanwaltschaft sich gezwungen sah, das Blatt zu verklagen, urrd als das Gericht ein freisprechendes Urtheil fällte, gegen diesen Spruch zu appelliren." * Die infolge der Interpellation über Algier im vorigen Jahre von der französischen Kammer eingesetzte Untersuchungskommission hat, wie bereits kurz gemeldet, ihre Arbeit beendet und Herrn Pourquery de Boisserin, Deputirter für Baucluse, mit der Berichterstattung über die Lage der Juden in Algier beauftragt. Derselbe schlägt nun vor: 1. Die Aufhebung des Cremieuxffchen Gesetzes, welches den Juden von Algier die! Gleichberechtigung verleiht. Die Aufhebung soll jedoch keine! rückwirkende Kraft haben. 2. Die Streichung aller in den letzten fünf Jahren in die Wählerlisten eingetragenen algerischen z Juden. Die Kommission beschloß die Streichung oer Juden I ans den Wählerlisten zu verwerfen, die Aufhebung der! Emanzipation ohne rückwirkende Kraft aber der Kammer zur! Annahme zu empfehlen. Im Anschluß daran soll der Kammer i empfohlen werden, das Gesetz von 1889 über die Naturalisation; voll Fremden in Frankreich, wonach alle Fremde, deren Ahnen! einnial französische Bürger lvaren, ohne weiteres in Frankreich I zur Naturalisation zugelassen werden inüffen, in Bezug aus | die Juden in Algier außer Kraft zu setzen. Der Borschlag! dürfte wohl kaum von der Kammer angenommen werden;! die Antisemiten werden ihn nnr als Abschlagszahlung! arrnehmell und nach lvie vor durch Gervaltakte die weitere; Verfolgung der Juden zu erzwingen suchen, die Kannner lvürde! aber, ohne die Antisemiten zu befriedigen, au einem der Grund- , Pfeiler der französischen Republik, der Gleichheit aller Franj zosen vor dem Gesetze, rütteln. I! ->#<- Meserrh-Bomst. I | /I^T^ach einander haben sie im deutschen Osten alle debutirt, die Leuß, Liebermann von Sonnenberg, Hans von Mosch, Ahlwardt und die vielen kleineren Leuchten jener „Parteien", die die Welt verbessern wollen, und die sich in abwechselungsreichor Reihenfolge bald Reformer, bald i Soziale, bald sogar Alltisemiten nannten. Man konnte sie förmlich eintheilen in billigere und theuere Weltoerbesserer,! nach den Preisen, die sie für ihre Vorträge nahmen. Der Kurs! hierbei war schwankend, fast so schwankend wie der sittliche; Halt mancher der Redner. Sie kamen und gingen, hier und da eine schwache Spur zurücklassend in Gestalt von Reforrn- Deutschsoziälen-Antisemitischen Vereinen, die zürn großer: Theil im „Ueberschwange der Gefühle" das Lampenlicht erblickten, dann noch kurze Zeit vegetirten und schließlich so bedeutungslos wurden, wie mancher ihrer Gründer. ' Es folgte, wie die „lokalen Führer" der rrur auf reinen ■ Judenhaß abzielenden Bewegung selbst zugeberr mußten, eine i Periode des Niederganges der weltverbessernden Bewegung.! Ahlwardt fand bei nnr 20 Pf. Eintrittsgeld leere Häuser.! Die „Elite" der Antisemiterr blieb fern, und die Kraftproben, die bei der: Wahlen und bei sonstigen Gelegenheiten angestellt wurden, verlieferr geradezu kläglich für den Antij semitismus. Wohl begegneten sich hierxund da die rrrteutschen j Deutschsozialen mit den Polen im Jrrdenhaß. Nur an den! Polen aber lag es, daß das Fraternisiren zwischen der, wie | die Führer sagten, „deutschesten" aller Parteien und bett | deutschfreundlichen Polen nicht eine größere Gestalt anuahrn Ich weiß genau, wie enragirte Polen, Agitatoren sans plirase, zum Eintritt in Reformvereine gepreßt wurden, ich rveiß auch, daß man sie zu Vorstandsmitgliedern wählte in kleinen Städten, in denen ein Mensch den anderer! genau kannte und genau wußte, was er von ihm zu halten hatte. Der Antisemitismus war immer international, im Osten begann er seine Laufbahn an t irrational. Aus der Provinz ist der Antiseurilismns trotzdem verschwrmden, der absolute Judenhaß trotzdem gewichen. Meseritz-