Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-07 · Heft 49 (7.12.1900) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 49 (7.12.1900)
Date
1900-12-07
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228415--57076-3293428
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

3 und demgemäß den Vorstand zu ermächtigen, eine mit der Anstalt verbundene. von derselben räumlich getrennte M ft b dj-e n - Abth eil u n g zu errichten, und zu diesem Zwecke in der Nähe, an der anderen Seite der Straße, auf der nördlichen Parzelle des Anstaltsgrundstncks ein Gebäude anfzusühren. Die fehlenden Geldmittel sollen einstweilen durch ein Anlehen aufgebracht werden. Man ging von der Annahme ans. daß Ahlem wohl die für das Unternehmen geeignetste Oertlichkeit bietet. Der vorhandene Verwaltnngsapparat tritt ohne Weiteres in den Dienst der neuen Anstalt; selbst das Danienkonlitee hat sich bereits erboten, dem Mädcheninstitut, das auf weibliche Hilfe und Leitung noch mehr angewiesen ist, ihre Zeit und Thätigkeit 311 widmen. Gerade wie die Knabenanstalt in Ahlem, welche ihre Zöglinge schon von Kindheit auf für die verschiedenen praktischen Berufe erzieht, bisher in ihrer Art die erste und einzige jüdische Anstalt Europas ist und dadurch nicht allein für Deutschland, sondern auch darüber Hinalls vorbildlich gewordell ist, aus der die späteren Instruktoren für künftige ähnliche Institute hervorgehen, so darf gehofft werden, daß die Erweiterung des Erziehungswerkes auch auf deni neuen Gebiete Pionierdienste verrichten wird. Es ist zugleich beabsichtigt, bereits erwachsene Mädchen anfzunehmen, um dieselbell, ähnlich wie dies in der laudlvirthschaftlichen Haushaltnngsschule zu Celle (Provinz Hannover) geschieht, grüildlich in allen häuslichen und in denjenigen ländlichen Arbeiten, lvelche dem weiblichen Geschlechte angemessen sind, auszubitdell. Wie bei deli Knaben die Lehrer, so lvird bei den Mädchen eine tüchtige Lehrerin die Aufgabe haben, dieselben bei ihren geistigen und praktischkörperlichell Arbeiten genau zu beobachten, nur herauszufind eit, welche Fähigkeiten besonders entwickelt sind, und hierllach die Killder zu bestimmen, das betreffeilde Fach als Broderloerb zu erwählen; so z. B. sollen besonders begabte und im Schreiben und Rechnen gewandte Mädchen ermuthigt werdeil, sich zu Buchhalterinnen, Stenographinnen zc. anszubilden. Um den mehr oder nlinder mit Gtücksgütern Gesegneten die Möglichkeit zu geben, ihren Namen oder deiljenigen theurer Angehöriger dauernd zu verewigell, ist man geloillt, die eiilzelneil Gebälide der Nenanlagen ans Wunsch nach dem Namen einer Persönlichkeit zu benennen, welche von einem Schenkgeber, der den größeren Theil der Balikosten bestreitet, namhaft gemacht lvird. Schenkungen von 1000 Mark allfwärts sollen ans einer Ehrentafel in der Synagoge aufgeführt. Gaben von 100 Mark aufwärts in das Ehrenbuch, lvelches in der Shllagoge aufbewahrt lvird. verzeichnet werdeil. Für die mit 800 Mark und lnehr in dem Ehrenbuch Eingetrageneil lvird nur Sterbetage eiller zu beuellllenden Persönlichkeit das Kaddischgebet verrichtet und Jahrzeitlicht allgezüudet, für hervorragende Wohlthäter der Anstalt anl Sterbetage ein feierlicher Trauergottesdienst abgehalten. 0 Dresden, 29. November. Dem antisemitischen Reformer lind Stadtverordnetenvizevorsteher Hartlvig ist mitten in der Zeit seiner kommunalen Erfolge etwas recht Unangenehmes zngestoßen. Ein hiesiger Kaufmallll, Bargon, hatte ihn öffeiltlich beschuldigt, in einer Grundstücksangelegenheit zu Uilgnusten seines Nachbars gegen Treu und Glaubeil gehandelt, fein gegebenes Wort nicht gehalten nnt> zu feinen eigenen Gunsten Schiebungen gemacht zu haben, weshalb er llicht nlehr lvürdig sei, das Ehrenamt eines Stadtverordlletenvorstehers zu bekleiden. In einer öffentlichen Erwiederling hieraus ließ Hartlvig sich Beleidiglmgen gegen Bargon zu Schulden konnnen, Dieser klagte uild Hartwig strengte Widerklage an, Schöffengericht und Landgericht aber erkannten an, daß Bargou den Beweis der Wahrheit erbracht habe, er wurde kostenlos freigesprocheil, und Hartwig zu 100 Mark Geldstrafe verurtheilt. Gestern nun kam die Sache in der öffentlichen Sitzung des Stadtverordnetenkollegs zur Sprache, wo 23 Mitglieder die Erklärung abgaben. daß sie Hartwig nicht mehr für würdig hielten, in ihrer Mitte zu sitzen und ihn aufforderten, hieraus die Folgerungen zu ziehen. Oesterreich-Ungarn. □ Wie», 2. Dezember. Die Wahlen in den Kult u sv orst a n d sind leider bei sehr schwacher Betheiligung in erwarteter Weise ausgefallen. Von den bisherigen 8 Mitgliedern lourden 7 lviedergewählt. 11 ln das achte Mandat wird am nächsten Sonntag eine engere Wahl zwischell den Herren Hern,. Ellbogell und Dr. Leop. Kahn stattfinden. Da beide Kandidaten Jüdisch-Nationale sind, wird also eill Vertreter der letzteren jedenfalls in den Knltnsvorstand eintreten. Darob natürlich große Frellde unter den Ziollistell. Aber es ist doch ein beschämendes Resultat ihrer großen Kraftanstrengung! Nicht welliger beschämend ist die Thatsache, daß von mehr als 15 000 Wahlberechtigten nur ca. 3150 all der Wahlurile erschienen sind. — Der H i l s n er - Pr 0 zeß ist vorbei, aber die Nachwirkung desselben macht s'ch auf dem Lande fühlbar, wo die arnle jüdische Bevölkerung sehr zu leiben hat; im übrigen macht sich antifemitifebe Rohheit auch in der nächstell Nähe von Wiell stark belnerkbar, — so haben jüngst in Stockerau eiil paar antisenlitische Raufheldeil einen 74jährigell gebrechlichen Greis, der mit seiner ärmlichen Waare voll Halls zu Halls wandern und alle Unbill ertragell muß, derart mißhaildelt. daß der Arme ins Spital gebracht werden lllnßte, und ihn überdies noch feineu Maare beraubt! — Der Kaiser hat dem Prokuristen des Bankhauses Rothschild, Enlil Horner, das Ritterkrellz des Franz Josefs-Ordens verliehen. — Der Großindustrielle David Ritter v. Glltmaun hat anläßlich des Ablebens seilles in Baden verstorbenen Sohlles Dr. Ludwig v. Glltmailn der Badener Kultusgemeinde den Betrag von 30000Kronen zum Tempelban. sowie den Betrag von 1000 Krollen für die Armen von Baden ohne tlnterfcbieb der Konfession gespendet. — Am 23. v. M. verschied in Jägerndorf Fabrikallt Herr Julius Pollak, Chef der Firma Adolph Pollaks Sohn. langjähriges Mitglied der Jägerndorser Gemeindevertretung. Repräsentallt der israelitischen Kultusgemeinde. Haudelskammerrath. Präsident des. Jägerndorser Gewerbevereins u. s. w. Der Verblichelie war eine durch sein humanitäres ulld gemeinnütziges Wirken allgemein verehrte und geachtete Persönlichkeit. B. Budapest, 2. Dezenlber. Jnr Laufe dieses Monates lvird in Allwesellheit eilliger Vertreter der ungarischen Regierung die Einweihung eines neuen jüdischen Waisenhauses ftnttfinbeu, das sein Entstehen der selbstlosen Thätigkeit des Herrn Jakob Deutsch verdallkt, der die bedelltende Snnlme von einer Viertel- Million für diesen edlen Zweck aufgebracht hat. Der Neubau — ein Werk des Architekten Alfred Wellisch — ist ein imposantes Monnmentalgebäude. dessen inllere Rülime den moderilen Anforderungen in jeder Hinsicht vollkommen entsprechen. Im Souterrain, wo sich außer der Küche eiil großer Speisaal. eine Turnhalle und eill Badezimmer befinden, ist allch ein Ankleidezimmer ulld ein separates Lokal zum Schuhreinigen. Im Parterre sind außer den Räunlell für den Präsidenteil und den Vorstand die Arbeits- und Krallkensäle. das Bibliothekzimnler und Wohluulgen für den Arzt nild den Leiter der Anstalt. Im ersten Stock sind sechs Lehrsäle für die sechsklassige Normalschule und eine prächtige Shllagoge. In dem zweiten Stockwerke sind geräumige Schlassäle luld zwei Badezimuler llutergebracht. Die Allstalt wird im nächsten Jahre auch eine eigene Bürgerschule haben, so daß sie dann den meiften ihrer Zöglinge vollkommene Ausbildung wird bieten fönnen. Die Anstalt präsentirt sich als ein glänzelldes Zeugniß der Opferwilligkeit und des Genleillsinnes der hiesigen Jlldenschast. Schwei;. N.W. St. Gallert, 29. November. Im Allgemeinen wird der „Zeitung des Judenthums" ans der Schweiz llicht viel berichtet. Es fommt das natürlich daher, daß der Antisemitismus, soweit von ihm überhaupt gesprochen werdeil kann, sich höchstens nur ganz harmlose und der Aufzeichnung nicht würdige Demonstrationen gestattet.' Wenn also ans St. Gallelr ein Bericht an Sie gelangt, so ist er gewöhnlich als Ausdruck der Befriedigung über ein Geschehlliß aufzllfassen. So auch heute. Am 27. Noveulber hielt unser Rabbiner Dr. E. S ch l es i n g e r vor einem sehr zahlreicheil Auditorium im Verein „Erholung" einen Vortrag „über den Talmild". der allgemein das höchste Interesse erregte. Dell Versuch, den der Verein „Erholung" mit dieseul Vortrag machte, ist als vollständig gelungen zu bezeichnen. Vivat sequens! — In der Schweiz werden bekanntlich die Richter durch das Volk gewählt, vor welches, wie bei den Wahleil der Regrerungsbeamten, jede politische Partei mit ihren Vorschlägen tritt. Am 11. d. M. fand in Basel die Wahl eines Civil- und Strafrichters statt. Zlinl Civilrichter wurde der voll den Liberalen vorgeschlagene Herr Dr. Prosper Wolf gewählt, der im ersteil Wahlgange 3300 Stimmeil erhielt. Rühmend hervorzuheben ist.. daß, obgleich die Konservativen und Sozialisten Gegenkandidaten aufgestellt haben, das Wort „Jnde" während oes -ganzen Wahlkampfes nicht gehört wurde und auch die Gegner allerkanliten, daß Dr. Wolf, der sich durch einen Kommentar Zur Bundes-Gesehgebnllg rühmlich hervorgethall hat, des Richteramt-s würdig sei.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.