Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Nutzt and. S. 1. Odessa, int Dezember. Im „Odeßky Listok" finden wir eine sehr interessante Notiz, die wir in deutscher Sprache hier wiedergeben: In diesen Tagen, namentlich am 10. Oktober, waren es 25 Jahre, daß Dr. Emannel Michails witsch Soloweilschik gestorben ist. Ueber ihn kann und muß mmi einige Worte sagen. Er war ein sehr populärer Arzt in Odessa und ein hervorragender Mann auf dem Gebiete der Gemeindethätigkeit. Viele von den Odessaern werden sich seiner erinnern, und die Anderen haben wohl von ihm gehört. Soloweitschik kam nach Odessa in der Epoche der Neformen, als bei uns große Nachfrage nach energischen, ehrlichen und tüchtigen Männern war. Mit der Einführung der neuen Städteordnnng wurde Soloweitschik zuerst als Stadtverordneter und dann als Stadtrath gewühlt. Zu jener Zeit saßen in der Munizipalität und in der Uprana (Magistrat) solche Männer, wie Nowosselsky. Jachnenko, Paschkow, Sundy, Welikanow, Professor Bogdanowsky, Abraham Brodsky u. m. A.. denen unsere Stadt alles dasjenige zu verdanken hat. worauf dieselbe mit Recht stolz sein kann. Nicht eine gute That, nicht eine gute Initiative, die nicht ihre Verwirklichung dem verewigten Soloweilschik verdanken. Von den Arbeiten Desselben zum Nutzen und Frommen unfern Stadt und deren Bevölkerung legt unter anderem, auch die angebrachte Tafel im städtischen Hospital Zengniß ab. Soloweitschik starb auf seinem Posten; der Tod erreichte ihn in Petersburg, wo er für die Realisirung einerstädtischen Anleihe beschäftigt war. Wir sind am Vorabende der Wahlen voll Stadtverordlleten. nnd ist es mehr als passend, jener Männer zu gedenken, denell unsere Stadt alle guten Einrichtungen zu verdanken hat den alten Leuten zur Erinnerung und den jungen Leuten zur Nachahmung. — Am 15. November starb in Cherson Herr Jehuda Begak. Der Verewigte beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit dem hebräischen Schristthunie. Die von ihm veröffentlichten Werke schufen ihm einen Namen als einem Kenner und Kommentator dieser Wissenschaft. Gerade vor drei Monaten feierten seine Verehrer in Cherson den 80. Geburtstag des greisen Gelehrten. Von dieser Feier nahm die sämmtliche jüdische Presse Notiz. Trotz des hohen Alters fühlte sich der ehrwürdige Greis bis in die letzten Tage seines Lebens noch ganz rüstig. Der Tod ereilte ihn plötzlich in der Orlower Handelsbank. Die Nachricht vom Tode dieses hochgeachteten Mannes durcheilte rasch die ganze Stadt. Die Vertreter der jüdischen Gemeinde versammelten sich sofort zu einer Sitzung und beschlossen die Bestattung des Heimgegangenen auf Gemeindekosten zu veranstalten, selbstverställdlich wenn die Familie des Verblichenen damit eiuvelstanden sein wird; außerdem wurde beschlossen, die nöthige Summa sowohl für ein Denkmal auf seinenl Grabe als zur Beendigung des Druckes seines letzten Werkes 311 sammeln, welches die Frucht seiner llenesten gelehrten Forschungen ist. SegenseillemAndenken! — Am 4./17. v. M. beging O. K. Notowitsch, Redakteur der Petersburger „Nowosti" sein 30jähriges litterarisches Jubiläum. Derselbe hat stets die Rechte der Inden vertheidigt. — In Petersburg soll ein Verein begründet werden zum Gedächtniß des verewigten W. S. Solowjew, der sich zum Zwecke stellt, den Zustand der Nationalitäten zu stndiren, die Rußland bewohnen, sowohl vom ethnographischen Gesichtspunkte, als auch von Seiten der Kultur und den Bedingungen ihrer Lebensweise. Das Projekt der Statuten dieser Gesellschaft ist, wie die die „Nowosty" berichten, bereits ausgearbeitet nnd wird in kürzester Zeit der zuständigen Behörde zur Bestätigung vorgelegt werden. — Am 21. Oktober hielt in der Sitzung des Odessaer Komitees der „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden" der Doktor der Rechte Jakob Saker eine Vorlesung über W. S. Solowjew und sein Verhältnis zum Judenthum. Der Judaismus, in dem Solojew die größte Synthese des Ostens und Westens fand, mußte nach der Meinung des Vortragenden auf ihn einen starke»! Einfluß hervorgebracht haben. Von Nah und Fern. ----- In Sachen des Konitzer Mordes hatte am 2. Dezember der Rechtsbeistand des Vaters des ermordeten Winter. Rechtsallwalt Dr. Hahn - Charlottenburg, sowie der Rittergutsbesitzer Schra der - Prechlau beim Justizminister eine Audienz. — Die Strafkammer in Könitz vernrtheilte am 21. v. M. beu Gutsbesitzer Szukalski aus Wilkowo wegen Beleidigung der mit der Untersuchung in der Konitzer Mordaffäre betrauten Behörden zu zweihundert Mark Geldstrafe. Sznkalski hatte Aenßerungen gethan, die durchblicken ließen, als hätten die Behörden zu Gunsten derJnden nicht jede Spur verfolgt. — An der Universität Brest an bestand am 27. v. M. Fräulein Klara Jmmerrvahr die philosophische Doktorprüfung mit Auszeichnung. — In Kiel lvnrde Professor Dr. Pappenheim von der juristischen Fakultät zum Rektor der Universität gewählt. — In Hamburg wurde Dr. Emannel Plato von der Verwaltung der Levill Snlomon-Klaus an Stelle des verewigten Rabbi Jesaja Wohlgemuth zun, Ktausrabbiller gelvählt. — In B0chum wurde Dr. Moritz David zmn Rabbiner gewählt, der seine Studien in Breslau und Berlin an der Lehranstalt absolvirt und auch als Lehrer an der II. Religionsschule gewirkt hat. — In Elberfeld lvnrde die Oper „Der polnlsche Jude" von Camille Erlanger llach der bekannten Erklrlanll-Chatriall'schen Volkserzählnng mit Erfolg anfgesührt. — Der außerordentliche Professor Dr. Georg Landsberg in Heidelberg, ein Schwager des Herrn Rabb. Dr. Maybaum, erhielt einen Lehrauftrag für darstellende Geometrie. — Am 21. v. M. besuchte der bekailnte Erzpriester Johann Sergijew aus Kronstadt das Frauenkloster in Teolin, neben dem Flecken Sopozkin. Snlvalkes Gouvernement. Außer den orthodoxen Christen begrüßte ihn eine jüdische Deputatioil. wobei der dortige Rabbiner Nabbinowitsch all ihn folgende Ansprache hielt: „Im Talmud (Midrasch) findeu wir, daß eiuft ein Philosoph den Rabbi Gamliel folgendes fragte: „Es giebt bei Ihnen Feiertage und auch bei uns; giebt es aber auch einen solchen Tag, den wir gemeinsam feiern?" Rabbi Gamliel alltwortete: „Es giebt einen solchen Tag, und nämlich denjenigen, wann Regen geht, den man benöthigt, weil derselbe für Alle nützlich ist." Dasselbe können wir zu Ehren Ew. Hochwürden sagen. Es giebt ehrwürdige Männer, die sich nur um ihre Glanbensgenossell kümmern. Ew. Hochwürden aber, wie es uns Allen mällniglich bekannt ist, künlmern sich um alle Leidenden, ohne Unterschied der Nationalität und der Religion. Und deshalb verdienen Sie die Liebe u»ld Verehrung Aller. Und ich erlaube mir. Ihnen im Namen der hiesigen jüdischen Gemeinde uilsere Anerkennung und tiefste Hochachtung auszudrücken." — Das Ministerium der Laudwirthschaft mld der Staatsdomäneil gestattete Herrn Jan Bersoil in seinem Gute Tscheustonew, Warschauer Gouvernement, eine landwirthschaftliche Schule zweiten Ranges zu errichten. Die Statuteil dieser Schule werden gegenwärtig im gelehrten Komitee dieses Ministeriums dnrchgesehen. — Im Ministerium des Innern wird jetzt die Frage der Gründulig einer landwirthschaftlichen Farm in Minsk für jüdische Kinder erörtert. — Die zwei jüdischen Studenten, die sich in der theologischen Fakultät der Universität Dorpat eingeschrieben hatten, sind in andere Fakultäten übergegangen. — Unter ben am 28. Juni d. I. bei Tja n - Zs in Getödteten ist auch der Jäger des 10. Ostsibirischen Regiments Herschko Schajewuzis aus dem Podol'schen Gouvernement, Olgopoljer Kreis. — Wie die Warschauer Zeitungen berichten, vermachte der in Warschau verstorbene S. Wolfowitsch zu Gullsten der dortigen jüdischen Gemeinde 36 000 Rubel als eisernen Fonds, mit der Bedingung, daß die Zinsen von 12000 Rubel für jüdische Religionsschulen verwendet werderr sollen und die Zinsen von 24 000 Rubel für Unterstützung armer Leute; 6000 Rubel sind für das jüdische Hospital testirt worden; 3000 Rubel 311 Gunsten der Synagoge an diesenl Krallkenhause und 8600 Rubel sind für das jüdische Siechenhaus bestimmt. — Aus B alta berichtet mau, daß am 17. v. M. dort in feierlicher Weise das jüdische Hospital eröffnet wurde. — Nach eingelanseneu Depeschen aus Jerusalem herrschen im heiligen Lande Blattern nnd Diphtheritis in fürchterlichem Umfange, und silld Tallsende unserer Glaubensgenossen durch Krankheit und elltsetzliche Roth heilngesucht. Schleunige und ergiebige Hilfe ist daher dringend geboten. — In New-Iork ist das Testament des Abraham Wolfs von der Firma Kuhn, Loeb & Cie. am 10. v. M. eröffnet worden. Dasselbe trägt das Datum vom 14. August 1899 und verfügt über ein enormes Vermögen von 80 Millionen Mark, von denen der größte Theil den beiden Töchtern des Verstorbenen zufällt. Dabei silld aber auch sehr erhebliche Sunlmen für verschiedene wohlthätige Zwecke und Institutionen vermacht worden; zwanzig jüdischen Institutionen von New-Uork fiel im Ganzen eine Summe von V4 Million Mark zu. Die Herren Salomon Loeb, Jacob H. Schiff. Lewis S. Wolfs, Otto H. Kahn, Henry P. Wertheim nnd Felix M. Marburg sind als Testamentsvollstrecker eingesetzt worden. Drrrck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.