Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 49. tttl? ßaitri, 7. Dezember 1900. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. S£g Berlin, 4. Dezember. In der Nacht zum Sonntag ist Dr. Ludwig Iacobowski, einer unserer begabtesten und tüchtigsten jüngeren Dichter, einem Typhusanfall erlegen. Iacobowski war am 21. Januar 1868 in Strelno geboren. Er hat in Leipzig und Berlin studirt und machte seinen Namen zuerst durch den ausgezeichneten Roman „Weither der Jude" in weiten Kreisen bekannt; vorher hatte er, kaum 20 Jahre alt, schon einen Band Gedichte und einige litterarwissenschaftliche Arbeiten herausgegeben. Von seinen späteren Werken sind „Loki, Roman eines Gottes", die Novellensammluug „Satan lachte" und die Komödie „Dyab der Narr" zu nennen. Besonders am Herzen lag aber Iacobowski, der als Redakteur der „Gesellschaft" in Berlin lebte, in den letzten Jahren die Herausgabe der „Neuen Lieder für's Volk"; in dieser periodischen Sammlung wollte er den Schatz unserer Dichtung selbst dem Aermsteu erschließen, um so dem vernichtenden Einfluß der Kolportageromane entgegen zu arbeiten. Es war ein Ziel, das in seinem selbstlosen, träumerischen Idealismus so ganz den Mann zeichnet, der sich das Ziel gesteckt hatte: die stille, grundehrliche und hochstrebende Poetennatur Jacobowskis. Auch mit einer größeren wissenschaftlichen Arbeit war Iacobowski in letzter Zeit beschäftigt; der erste Band sollte in kurzer Zeit erscheinen. Iacobowski war zeitlebens ein guter Jude. Es dürste vielleicht interessant sein, zu erwähnen, daß die erste Anregung zur Begründung von jüdischen Litteraturvereinen 1891 in mehreren Aufsätzen für unser Blatt von ihur ausgegangen ist. Als Redakteur der „Mittheilungen zur Abwehr des Antisemitismus" hat er Jahre lang den Kampf des Rechts gegen Bosheit und Schlechtigkeit geführt. Sein Leben und Wirken nach verschiedenen Richtungen hin wird noch ausführlich zu schildern sein. Ehre dem Andenken des edlen und begabten Genossen! 22 Berlin, 2. Dezember. Die ordentliche Generalvers a,n m l u n g der Wissenschaftliche,! Vereinigung jüdischer Schulmänner z u B er l i n findet am 8. De z e mb er Abends 8^2 Nhr m Vereinslokale statt. Tagesordnung: 1. Erledigung der im 8 7 der Statuten vorgesehenen Punkte. 2. Vortrag des Kollegen Golde: „Die Sozialpädagogik und ihre Bedeutung für den Religionsunterricht." Gäste herzlich willkommen! g. Berlin, 2. Dezember. Der Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands (um Mißverständnissen vorzubeugen, machen wir darauf aufmerksam, daß dieser Verein nicht identisch ist mit der „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate", die bisher fast ausschließlich die Förderung des Handwerks erstrebt hat), wird, tute bekannt, in diesem Winter eine große Propaganda über ganz Deutschland entfalten, um seiner segensreichen Idee in allen jüdischen Kreisen Eingang zu verschaffen. Eingeleitet wurde diese Thätigkert durch eine Reise des Generalsekretärs des Vereins, Herrn Dr. Ernst Tuch, durch die Provinz Posen, wo er in zahlreichen Städten Vorträge hielt, in denen er die zwingende Nothwendigkeit hervorhob, welche heute vorliegt, einen größeren Theil der deutschen Inden zur Landwirthschaft überzuführen, und auf den großen Segen hiuwies, der hieraus für die Gesammtjudenheit Deutschlands ersprießen wird. Sein Mahnruf, dieses gewaltige Werk kräftigst zu fördern, fand überall begeisterten Wiederhall. In Posen sprach Dr. Tuch im Stern'schen Saale vor einem auserwählten Publikum. Der Gemeindevorstand war anwesend. Herr Postrath Salz leitete die Versammlung. Nach dem Vortrag, welcher mit großem Beifall ausgenommen wurde, folgten verschiedene warme Sylupathiekundgebungen für die Bestrebungen des Vereins. Herr Rabbiner Dr. Bloch forderte in nachdrücklichster Weise zum Anschluß an den Verein auf, ebenso der Rechtsanwalt Placzek, der als Vorsitzender des Posener „Vereins zur Förderung des Handwerks und des Ackerbaues unter den Juden" darauf hiwies, daß der Bodenkulturverein, der sich ausschließlich der Ueberführung der Juden zur Landwirthschaft widme, und diese große Aufgabe durchaus modern auffasse und zu erfüllen sich bestrebe, hierzu das berufene Organ sei. Die Begeisterung für die Sache war allgemein, und noch am selben Abend schloß sich der größere Theil der Anwesenden mit namhaften Beiträgen an. Aber auch weiterhin versprachen die Herren, Jeder in seinem Kreise weiter zu werben, so daß in Posen eine starke Ortsgruppe für den Verein gegründet werden konnte. Aehnliche Erfolge wurden auch in den anderen Städten erreicht, wo Dr. Tuch sprach, in Gnesen, Jnowrazlaw, Tremessen,! Thorn. Rogasen, Schneidemühl, Schoenlanke, Filehne. Hervorgehoben! sei noch, daß in Thorn, wo eine besondere Hinneigung der Jndenheit für diese Pläne besteht, auch der Landrath Gras von Schwerin ein ' geladen und erschienen war. Er sprach nach dem Vortrag dem Redner und dem Vorstande der Versammlung in anerkennendster j j Weise seine Befriedigung aus und das Interesse, das er an diesen! Bestrebungen nähme. Zwei Thorner politische Zeitungen brachten längere, sehr sympathisch gehaltene Berichte. Doch auch das Satyr-! spiel sollte nicht fehlen. In einer der Städte war durch ein besonderes!; Mißgeschick — durch das Zusammentreffen verschiedener Verl! austaltnngen — der Besuch des Vortrages schwächer, als man gehofft! und erwartet hatte. Sofort meldete dies die „Staatsbürger-Zeitung"! und knüpfte daran die Bemerkung: „Wie kann man sich aber auch ein! Thema wählen, bei dem nicht einmal ein Jude dem andern zuhören! mag." Wir lassen dem Organ die kindliche Freude, konstatiren mit Befriedigung, daß die Bewegung schon die Aufmerksamkeit unserer! Gegner aus sich gelenkt hat, machen jedoch die „Staatsbürger-Zeitung" gebührend darauf aufmerksam, daß sie aus Versehen unterlassen hat, Berichte über den Besuch der Vorträge in den anderen Städten zu bringen, wo zahlreiche Inden nicht nur „zuhörten", sondern auch die werbende Kraft der Idee bewiesen, indem sie bereitwillig dem Vereine beitraten. Heute läßt sich noch nicht bestimmen, wie viele neue Mit-! glieder der Verein gewonnen hat, da überall noch neue Zeichnungen!! erfolgen, so viel jedoch läßt sich heute schon ersehen, daß die Idee und die Art, in welcher sich der Bodenkultnrverein ihre Verwirklichung denkt, in der ganzen Provinz Posen Anerkennung und Zustimmung! gefunden hat, daß man überall eingesehen hat, daß hier ein neues! segenversprechendes Kulturwerk in Angriff genommen wird. So hat! denn schon diese eine Agitationsreise des Generalsekretärs bewiesen, j daß die Hoffnungen des Vereins, im kommenden Winter eine große > Bewegung innerhalb der deutschen Judenheit hervorzurnfen, wohl be- ' rechtigte sind. Eine starke Grundlage erhalten diese Hoffnungen durch >! den Umstand, daß der Verein binnen kurzem im Stande sein wird, mit i einem festen und sofort ausführbaren Projekt vor das Publikum zu treten. Schon vor einiger Zeit ging durch die Presse ein Aufsatz des! Herrn Mühlenbesitzers Rosenthal aus Posen, in welchem die praktische ,! : Inangriffnahme der Ueberleitung der Juden zun, Ackerbau besprochen! '] I wurde. Den dort gegebenen Anregungen und Hinweisungen folgend,; hat Herr Werner-Posen einen Plan entworfen und ihn in der letzten! j Vorstandssitznng vorgelegt, welcher allseitig aufs freudigste begrüßt! .; wurde. Es ist darin ein Modus der Geldbeschaffung vorgeschlageu, i ' welcher erhoffen läßt, daß man in nicht allzulanger Zeit an den j Ankauf eines Gutes wird herantreten können, wo jüdische Kolonisten l beweisen werden, was sie auf deutschen, Boden zu leisten im Stande! j. -j sind. Das Projekt wird augenblicklich von einer Kommission unter! j Hinzuziehung eines Juristen bearbeitet. Sobald die Vorarbeiten er"! ledigt sind, werden wir weiter darüber berichten. Wir zweifeln nicht! - j daran, daß sich das Interesse der Gesammtjudenheit Deutschlands diesem Verein zuwenden wird, der in so einschneidender und radikaler Weise ] eine Lösung der „Judenfrage" erstrebt. ...; jj £2 Berlin, 4. Dezember. Behufs Gründung eines israeli-!! E tischen Altenheims mit ritueller Pension in, Berliner Westen hat / j? ß Herr Rentner Isidor Joachiin, Elisabethkirchstraße 2, in, Verein mit 'l! i