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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-07 · Heft 49 (7.12.1900) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 49 (7.12.1900)
Date
1900-12-07
Page
Seite 587 (sequence 13)
Language
German
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587 übernehmen, die nur 800 Francs einträgt. Ich habe ihn soeben beim Maire gesprochen; alles ist bereits entschieden. Herr Seibel wünscht bei uns zu wohnen, weil er an der Brust leidet, und unser Haus seiner Lage und seiner guten Luft wegen ihm vom Maire selbst empfohlen wurde." „Was schwatzest Du mir da vor?" sagte die Mutter. „Du sprichst von einem jungen Menschen, der sich mein Haus und meine Kost auswählt, wahrscheinlich auch »»»eine Töchter. Das hieße den Wolf unter die Schafe rufen." „Mutter," antwortete der junge Reich, „Du brauchst nur den Herrn anzusehen, um deshalb ruhig zu schlafen. Es ist ein kleines, häßliches Herrlein, was wir einen Stümpen nennen; der denkt nicht an Deine Töchter." „Ich thu's nicht!" versetzte die Mutter. „Mein Haus ist kein Wirthshaus." „Du vergißt, liebe Mutter, daß Herr Seibel sehr geschickt ist und uns umsonst Unterricht in allem geben kann. Der Heva besonders, die auf Gottes lieber Erde nichts weiß und nichts kann." „Sieh' nlir einmal den frechen Burschen!" eiferte Heva, die auf der Hausflur gelauscht hatte. „Meinst Du, wenn ich wie Kronele mich hätte blaß lernen wollen, ich wüßte nicht so viel als sie?" „Möglich, Schwester," erwiederte der Bruder. „Ich will es Dir aber gerade heraussagen, Leon hat mir gestanden, daß Du ihm zu unwissend scheinst; besonders als geborene Französin solltest Du wenigstens Französisch verstehen und sprechen und schreiben." „Leon hat Dir dies gesagt?" fragte die Mutter. „Ja, Mutter! Ueberhanpt wirft er uns unsere Unwissenheit bei einem so ziemlich respektabeln Vermögen vor. „Ihr lebt wie Bauern," sagte er mir, „und habt nicht einmal einen französischen Schullehrer." „Aber," sagte die Mutter, „Leon dürfte nicht mit Dir einverstanden sein, wenn er wüßte, daß der Schullehrer bei uns wohnen will." In diesem Augenblicke trat der junge Seibel selbst, der den Sohn als Plänkler vorausgeschickt hatte, grüßend in das Zimmer. Heva, die ihn mit einen». Blick von unten bis oben musterte, blinzelte mit spöttischem Lächeln ihrer Mutter zu und lief davon. Frau Reich, die ebenfalls schnrunzelte, entfernte sich rasch in die Kammer, um ihre Haube gegen eine andere, stattlichere zu ivechseln. Dabei musterte sie durch die Vorhänge der Thür den kleinen Schulmeister, der, nachdem er dem Sohne die Hand gedrückt hatte, sich aus einen eichener» Stuhl »»eben den Ösen setzte und, mit seinen» Stückchen spielend, ruhig die Znrückkunst der Frau Reich abwartete. * * Elias Seibel war der Sohn eines Gerümplers von .Hagenau, der, nachdem er sich mehrere Jahre mit Armuth und Roth herumgeplagt und einen Bankrott von 23 Francs 23 Centimes gemacht hatte, den Bettelstab ergriff und unter die jüdischen Schnorrer — so nennt man im Elsaß die Bettler — ging, die von Dorf zu Dorf wandern, von den Vogesen bis zum Schwarzwald und weiter die Pfalz hinein, sich selbst bei ihren Glaubensgenossen zu Tische laden, Alle, die ihnen ein Almosen abschlagen, mit Schmähungen und Flüchen beladen und dabei das Geschäft eines Heirathsmäklers treiben, das man auf Hebräisch Schadchen nennt. Elias, der Sohn dieses Mannes, kam in einer jüdischen Herberge ans der Streu zur Welt, und um ihm gleich etwas Kostbares zn geben, gab ihm sein Vater den Namen Elias. Wie Rachel, die große Schauspielerin, reiste der junge Elias von Dorf zu Dorf auf dem Rücken seiner Mutter. Die Zigeunerinnen unb die jüdischen armen Weiber tragen ihre Kinder in einem weiten Leintuch, das sie sich über die Schultern wie eine Hängematte knüpfen. Der junge Elias liebte seine Mutter herzlich, und kaum war er drei Jahre alt, so sagte er zu ihr, so oft er sie weinen sah — bertit man hatte es ihr nicht au der Wiege gesungen, daß sie einst betteln gehen würde —: „Mutter lieb', bald bin ich groß, und dann mache ich Dich reich." Die arme Frau blickte dann gen Himmel, als wollte sie sagen: Gott dort oben möge Dir Deine Bitte gewähren — und bedeckte das Gesicht ihres Sohlles mit Küssen und Thränen. Als Elias drei und ein halbes Jahr alt war, wurde er in die Armenschule von Hagenau zugelassen, wo er Deiltsch und Französisch lesen lernte und auf Kosten der jüdischen Gemeinde erllährt wurde. Seine Eltern richteten es immer so ein, daß sie die jüdischen! Festtage in Hagenau bei ihrem Sohne verbrachten. Seine! Mutter bewirthete daun ihren Lieblillg immer mit einem j guten Stück Kugelhopf und zlvei weichgesottenen Eiern, und l so oft später Elias gesottene Eier aß, meinte er, es wäre j Feiertag. Von frühester Kindheit an hatte Elias nur die eine Sorge, Geld zu verdienen, nur seine Eltern zu erllährell. Er hätte leicht, wie so viele aridere arme Kinder, betteln gehen können, aber er war so stolz, als wäre er der Sohn eines Edelmanns j gewesen, und kaum sieben Jahre alt, zwang er seinem Vater das Versprechen ab, dem Schnorren 31t entsagen und sich aufs neue ill der Stadt Hagenau niederzulassen. Der unglückliche Vater, der feinen Sohn anbetete, gehorchte auf Kosten seines Lebens. Denn obschon bejahrt, so starb er nur aus Verdruß uild Krimmer, llicht lllehr mit feinen Schnorrbrüdern sorgenlos Stadt und Feld singelld und rudellld — ebenfalls ein elsässischjüdisches Zeitwort — durchwandern zu können und, lvie der - Jagdhund das Wildpret, die Hochzeits- und Verlobungsschmäufe j schon auf zwei Stunden lveit zir riechen. i j Der junge Elias hatte eine schöne, helle Stiulme und wurde bald dem Synagogensünger vou Hagenau als erster i Sänger — Begleiter mit der Stimme — beigegeben. Kaum neun Jahre alt, konnte er monatlich feineu Mutter schon zehn st Francs geben, die er mit seinem Singeu sich erworben hatte. j Der Rabbiner von Hagenau, von der Frömmigkeit des ' jungen Elias gerührt, nahm ihll in seine Taluuldschnle auf, um ihn später in die Rabbiuatsschule von Metz zu senden. Tag und Nacht stlldirte fortan Elias Hebräisch und Chaldäisch, die Bibel und den Talmud, ohne das Französische und Deutsche? zu vernachlässigen, so daß feine Gesundheit nach einigen! Jahren fast ganz darüber zu Grunde ging. Er sollte bereits! als erster Talmudstudent auf Kosten des elsässer Konsistoriums nach Metz geschickt werden, als er von einer schweren Brustkrankheit befallen wurde. Kaum genesen, verboten ihm die Aerzte, seine Ober-Rabbinatsstndien fortzusetzen, derrn dazu! hatte er Griechisch und Lateülisch nöttzig; und da er während; seiner langsamen Genesung Schiller und Rousseau gelesen, so! verzichtete er freiwillig auf den jüdischen Priesterstand, ließ sich als Schullehrer eiuschreiben und trug in kurzer Zeit die ersten j Preise und ein ausgezeichnetes Zeugniß als Lehrer davon.

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