Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- Seite 586 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Gründen für den ersten Judentag besonders gut, es wird wohl auch kaum Jemand gegen die Wahl der Reichshauptstadt, die auch die nrrmerell bedeutendste jüdische Gemeinde birgt, etwas haben. Ueber die Zeit werden eher auseinandergehende Ansichten vorhanden sein, aber auch da kann ein geeigneter Termin gefunden werden; zudem muß bei der Wahl der einzelnen Delegirten sogleich auch die Bestimmung ihrer Ersatzinänner vorgenommeu werden. .Werden die Vorbereitungen für den Judentag in der in diesen Ausführungen angedeuteten Weise in Angriff genommen, dann hoffen wir recht bald von ihm ein Lebenszeichen zu sehen; in den jüdischen Gemeinden werden sicherlich schon die Veranstaltungen manch segensreiche Folgen zeitigen, und das Ganze wird sich zum Heile und Segen des Judenthums erweisen. Zur jüdischen Frauenfrage. Von Elise Elöss er. s mnthet beinahe wie Jrvnie an, wenn in Nr. 42 dieses Blattes, derselben Nummer, in welcher die Theilnahme an dem Judentage als nothwendiger Akt der Nothwehr gegen den bestehenden Druck dringend empfohlen wird, der geschätzte juristische Verfasser des Artikels „Zur jüdischen Frauenfrage" den Beweis zu führen sucht, das; uns Juden an Rechten auch nicht ein Gramm zu wenig zu Theil geworden ist, und daß sich demgemäß die Lage der jüdischen Frauen im Mittelstände nicht normaler gestalten konnte. Quantitativ ist dieser Beweis durch die Tabelle des Herrn Verfassers erbracht worden, gualitativ ist er uns diesen Beweis schuldig geblieben. Nicht das Wieviel der Erwerbenden entscheidet über den Stand unserer sozialen Stellung, sondern das Wie des Erwerbes, d. h. die Möglichkeit einer ungehinderten Entfaltung der Persönlichkeit durch die volle Freiheit der Berufswahl, und dieses war es ja auch, was der betreffende Aussatz in Nr. 40 vorwiegend betonte. Die Erwerbsverhaltnisse der Geschlechter proportional gegen einander zu vergleichen war wohl von vornherein nicht der richtige Vergleichungsmodus; um ein Urtheil über den Gesundheitszustand unserer modern-jüdischen Kultur zu gewinnen, müssen wir dieselbe an der germanischen Kulturwelt, an der herrschenden Staatskultur messen. Nach Maßnahme des jüdischen Bevölkernngssahes von rund 1 Prozent müßten bei normaler Entwickelung der Dinge die jüdischen Vertreter einer Berufsart etwa 1 Prozent der entsprechenden Berussart der Gesammtbevölkerung ansmachen. Nun ergeben im Handel die jüdischen Frauen rund fast 37a Prozent der nichtjüdischen in demselben Stande (Gesammtbevölkerung im Handel: weiblich 579 608, Juden weiblich 19 123), es herrscht also hier, wie in dein betreffenden Aussatz in Nr. 40 betont war, jetzt bereits eine Ueberfüllung von jüdischer Seite, und zwar beinahe um das 2',7 fache. Wenn der Herr Verfasser hier zu dem überraschenden Resultate eines Mankos kam, so konnte es sich wohl nur um das relative Verhältnis; zu der Anzahl der gewerbetreibenden Männer handeln, weil gegen die ungeheure Ueberfüllung im Handel von jüdisch männlicher Seite die Zahl der Jüdinnen freilich nicht Stand halten kann (Gesammtbevölkerung, Handel: männlich 1 758 903, Juden männlich 114 328, mithin rund 6'/s Prozent Juden, also eine Ueberfüllung um das 57» fache). Ebenso bezeichnet es »ur das relative und nicht das absolute Verhältniß, wenn der Herr Verfasser von einem verhältnißmaßigen Ueberwiegen der jüdischen Frau tu der Industrie spricht. Thatsächlich tritt sie in diesen; Fache hinter der'germanischen Frau zurück (Gesammtbevölkerung, Industrie: weiblich 1521118, Juden weiblich 10 363, mithin ergiebt die Jüdin hier nur rund 2/3 Prozent) und überwiegt nur gegenüber den hier außerordentlich schwach vertretenen Männern, welche nur V» Prozent der industrietreibenden Gesammtbevölkerung ausmachen (Gesammtbevölkerung, Jndirstrie: männlich 6 760 102, Juden männlich 35 630). Was nun den Punkt öffentliche Dienste m;d freie Berufe anbetrifft, so ergiebt derselbe zwar bis ans ein unbedeutendes Minus das erforderliche 1 Prozent, wie viel davon auf die öffentlichen Dienste kommt, ist hier durch Znsammenziehnüg beider Erwerbsarten nicht zu erweise»; nach den bisherigen Erfahrungen habeil wir jedoch gerechte Ursache anzunehmen, daß das überwiegende Hindrängen der Inden zu den freien Bernsen, hervorgerufen durch das Zurückdrängen aus den öffentlichen, zum großen Theil die Ursache dieses günstigen Prozentsatzes ist. Dazu kommt, daß sich noch eine Anzahl Juden aus der freisinnigen Aera Falk, 1874, in; Amte befindet, und daß die nicht offiziellen Bestiminungen gegen die Juden in den letzten Jahren eher geschärft als geschwächt sind. Wenn das so fortgeht, so möge n;an nur das Jahrbuch für Statistik nach 10 oder 20 Jahren ansehen! So zeigt sich überall die jüdische Frauensrage, wie bereits betont, als das historische Ergebniß der Judenfrage überhaupt. Es ist ein vergebliches Bemühen, uns glauben zu inachen, die beiden Kulturivege, der germanische und der semitische, gingen parallel und regulär neben einander her wie die Gänge eines altfranzösischen Parkes; nein, unser Weg verliert sich bedenklich abseits. Veranlaßt uns auch einerseits die innere Neigung des Persönlichen, die eigenartige Veranlagung unseres nativnalen Charakters, in bewußter, freier Wahl und Entwickelung unsere eigenen Wege zu wandern, sv ist es doch andererseits der die Regungen des Jndividunuis niederzwingende äußere Druck, welcher uns gewaltsam und ohne unseren Willen ins Schiefe treibt. Sollten wir uns darüber täuschen wollen?- EUILLETON Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weill. 4, III. mf m Tage nach diesem Nachtgespräch kam ein Bruder der Schwestern nach Hanse und sagte: „Mutter, eine Nachricht! Der beste elsässische Schullehrer will sich in nnserm Dorse niederlassen und, was noch mehr, in unserm Hause zn Kost gehen!" „Wie? Was?" rief die Mutter. »Ich sage Dir, daß Herr Seidel, der alle ersten Preise des öffentlichen Schullehrerunterrichts davongetragen, nild der bereits einer Schule Vorstand, die ihm 1500 Francs eintrug, sich seiner Gesundheit wegen entschlossen hat, unsere Schule zn