Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- Seite 583 (sequence 9)
- Language
- German
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583 erklärt die Zustimmung des Vorstandes zur Wahl von Miethsränmen, an welche sich jedoch sehr leicht Uuzuträglichkeiteii knüpfen können. Das Snbventionsgesuch der Lesehalle sei auf Beschluß der Bibliothekskommission bis zur Eröffnung der Bibliothek zurückgestellt worden. Die Einrichtung der Bibliothek sei für den Vorstand ein ganz neues Feld, auf dem keine Verquickung mit der Lesehalle gewünscht werde. Herr Benas Levy bedauert die Zurückstellung der Subvention der Lesehalle, welche das Geld dringend brauche und nicht noch einige Jahre darauf warten könne. Die Debatte schließt mit der Annahme des Geig er'scheu Antrages, unter Ablehnung des Alltrages des Vorstalides, denselben zu ersllchen, durch die Bibliothekskommission anderweitige, möglichst parterre gelegene Räume miethsweise besorgen und über die eventuelle Uebernahme des Vereins „Jüdische Lesehalle" baldmöglichst der Versammlling Mittheilung zugehen zu lassen. — Die Vorlage betreffend den Beginn des Sabbathgottesdienstes in den Orgelsynagogen lvird ans formalen Gründen vertagt, die Satzungen der Vibliothekskonnnissiou von der Tagesordnung abgesetzt. Damit schließt die öffentliche Sitzung. Aus der geheimen Sitzung erfahren wir, daß au Stelle des verewigten Lehrers Raphael Cohn Herr Willy Simson gewählt worden ist. Die Neuwahl von Mitgliederir der Bibliothekskomniissioil sowie des wissenschaftlichen Beiraths derselben mußte der Vertagung verfallell, da die Satzungen der Kommission noch nicht genehmigt worden waren. Me Stellung der Uabüiner und die Neliktenkasse. Von einenl Laien. err Rabbiner Dr. Maybaum hat die Einrichtung einer Reliktenkasse für Rabbiner in die Wege geleitet. Von Laien sind schon 50000 Mark für die Kasse beigetragen. Die Frage berührt die jüdische Allgemeinheit llach vielen Richtungen. Herrn Dr. Maybaum gebührt unter allen Umständen Dank, daß er sie einer praktischen Lösung entgegeuführt. Die Ziele, die anscheinend die Kasse verfolgt: Hilfe für die Rabbiner, die in ihrer Existenz gesichert und dadurch unabhängiger werden sollen, Hilfe für arme Gemeinden, die einen Rabbiner nicht lebenslänglich allstellen können, sind durchaus lvbenswerth. Ob diese Ziele aber durch die Reliktenkasse erreicht lverden können, hängt wesentlich von der Organisation und den Statuten der Kasse ab, und hierbei handelt es sich um sehr vielseitge Fragen, die einer Besprechung werth sind. Es wäre vielleicht gut, durch eine Vertrauenskonunission das Einkommen der Rabbiner Deutschlands feststellen zu lassen und dadurch 31t ermitteln, wie groß ihr Einkommen durchschnittlich pro Kopf wäre. Schwierigkeit würde das nicht machen, da in ganz Deutschland nur 225 Rabbiners amtiren, deren Einkommen übrigens kein Geheimniß ist, sondern von der Staatsbehörde wie das aller Gemeindemitglieder zur Einschätzung den Gemeindevorständen mitgetheilt wird. Selbst wenn berücksichtigt wird, daß der Rabbiner manche Verpflichtungen hat, dürfte das Durchschnittseinkommen sich wahrscheinllch nicht ungünstig stellen ch. Der wesentliche Fehler liegt darin, daß unter den Mitgliedern dieses Standes das Einkommen schlecht vertheilt ist, vielleicht ungleicher vertheilt als in anderen Stünden. So lange eine Statistik nicht vorliegt, kann marr nur Vermuthungen äußern, aber aus der kleinen Zahl *) Das ist nicht richtig, in Preußen allein sind ca. 240 Rabbiner. (Die Red.) ") Das ist wieder nicht richtig. Nur in den wenigen Großgemeindell sind die Rabbiner auskömmlich gestellt. (Die Red.) voll 225 Rabbinern — wobei ja noch in den größten Städten mehrere Rabbiner arntiren — kann man annehmen, daß die schlechten Stellen ungleich weniger zahlreich sind als die mittleren und gutell *). Als Gemeinden, die nicht in der Lage sind, ihre Rabbiner auskömmlich zu stellen, dürsten hierbei vor allem die mehr und mehr entvölkerten Kleinstädte des Ostens unserer Monarchie in Frage kommen. Ob der Rabbiner lebenslänglich angestellt lvird, hängt mit der Reliktenfrage oder der Frage des Einkommens nur sehr beschränkt zusammen 2). Soweit es hieß, ftelleii nur 10 Gemeinden ihre Rabbiner lebenslänglich all. Die Zahl der gut dotirten Stellen, beziehentlich der Gemeindell, die vor der lebenslänglichen Anstellung aus finanziellen Gründen keine Scheu zu tragen haben, ist aber wesentlich größer. Zwei Thatsachen scheinen der Stellung des Rabbiners abträglich zu sein. Einmal das große Angebot befähigter ausländischer Bewerbers. So segensreich der Einzelne wirken mag, und so sehr Viele voll ihnen unseren Gemeinden zur Zierde gereichen, rein wirtschaftlich wird nicht zu leugnen sein, daß die Neigung zu lebenslänglicher Anstellung bei sonst gleichen Verhältnrssen um so geringer sein wird, je leichter verhältnißmäßig eine Kraft zu ersetzen ist. Sodarm — lmd das ist vielleicht der Hauptpunkt — die Stellung des Rabbiners, wird dadurch beeinträchtigt, daß er weitaus mehr im Dienste der einzelnen Mitglieder der Gemeinde thätig ist als im Dienste der Gemeinde selbst. Quantitativ hat der Rabbiner einer Großgemeinde weitaus mehr Zeit auf Trau- und Leichenrede:: zu verwellden als auf die Funktionen eines Gemeinderabbiuers, wie auch diese Accidenzien für sein Einkommen stärker ins Gewicht fallen als sein Gehalt4). Da in den allermeisten Fällen kein persönliches Band den Rabbiner den Schmerz oder die Freude der Familie empfinden .läßt, welchen er auf solche Weise seinen geistlichen Beistand leiht, hat das Amt dadurch nicht gewonnen. Und der Laie, der dem Stande ein größeres Ansehen wünscht, darf auf diesen Schaden Hinweisen, da er hierill mit den Gefühlen vieler Mitglieder des Standes — und nicht der schlechtesten — sich eins wissen kann. Bei beu christlichen Geistlichen liegen die Verhältnisse insofern günstiger, als durch das Parochialweseu persönliche Beziehungen zu den Familien häufiger sind, denen er Trost im Schmerz oder gute Wünsche auf ihren Lebensweg zuspricht5). Zudem werden unsere christlichen Mitbürger im Frieden ihrer Kirche llicht so beunruhigt oder bedroht wie wir, sondern im Eegentheil durch die Staatsmacht beschützt. Die Abwehr der Unbill, welche unserer Religion von Feinden zugefügt wurde, ist ausschließlich^) von Laien geleistet worden die schlecht und recht thaten, was in ihren Kräften stand, denen es aber an der richtiger: Kenntniß unseres Schristthums doch fehlte. Wir verfügen doch wahrhaftig nicht über solchen l) Diese Annahme ist falsch: die schlechten überwiegen. (Die Red.) -) Das Gegentheil ist richtig. Auf eine Umfrage bei den Gemeinden kam die Antwort: „Nehmt uns die Sorge um die Relikten ab, dann stellen wir die Rabbiner definitiv an." (Die Red.) 3) Ausländische Bewerber können in Prenßen überhaupt nicht berücksichtigt werden. (Die Red.) 4) Das ist selbst für Berlin eine kolossale Uebertreibung! (D. Red.) b) Der Herr Einsender hat hier wiederum nur Berlin im Auge, wo übrigens auch nur derjenige Rabbiner von der Partei bevorzugt wird, der ihr persönlich nahe steht. (Die Red.) 6) Das ist wiederum nicht richtig. Man denke nur an die Rabbiner, die in den Grenzbezirken für die Auswanderung Großes geleistet haben. (Die Red.)