Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- Seite 580 (sequence 6)
- Language
- German
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580 T“r Gleich nach Fällung jenes Todesurtheils hat die civilisirte Welt Protest dagegen erhoben, die Wissenschaft ist eingeschritten, und der verurtheilte Jude Hilsner ist nicht hingerichtet worden. Alle Geister der Humanität athmeten nach gefälltem Spruch des Kassationshofs erleichtert auf. da er durch Anullirung des Urtheils der moderne», Gesellschaft die Schande einer Hinrichtung wegen Ritnalmords erspart hat. Die Unterzeichneten sehen ihre Hoffnung ans die Weisheit Ew. Heiligkeit, die sie inständigst bitten, der, glorreichen Traditionen des päpstlichen Stuhles zu folgen und die Wiederkehr ähnlicher Greuel zu verhindern. Die Unterzeichneten können sich auf mehr als einen erlauchten Vorgänger Ew. Heiligkeit und namentlich auf die Päpste Gregor X., Martin V.. Paul III. und Clements XIV. berufen. Aber schon vor diesen drückte sich der große Papst Jnoceuz IV. wie folgt darüber aus: „Indem wir uns gegen die Verderbtheit und den Geiz schlechter Menschen erheben, befehlen nur, das; Niemand jüdische Gräber schänden und jüdische Leichen ausgraben darf, um bei ihnen nach Geld zu suchen. Daß ferner Niemand die Inden anklagen darf, sich zu religiösen Zwecken des Christenblntes zu bedienen. Das alte Testament verbietet ihnen den Gebrauch des Blutes überhaupt, geschweige denn des Meuschenblntes." „Da iii Fulda und in manchen anderen Orten viele Juden infolge dieser Anklagen getödtet »vurden, so verbieten wir hierdurch aus das Strengste, daß sich solche Ereignisse noch einmal wiederholen." Aber Publizisten hetzten die verblendete Menge mit solchen Verbrechen auf, und Behörden geben dem Drängen dieser Menge nach und verklagen und verurtheilen Inden wegen Nitualmorde. Alle Diejenigen. welche bemüht sind, dieser verbrecherischen Legende beim Volke Glauben zu verschaffen, befinden sich in offener Rebellion gegen den heiligen Willen des souveränen Papstthums, sie erheben sich gegen die Kirche, indem sie den XXIII. Artikel des Syllabns und das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit verletzen. Daher bitten die Unterzeichneten Ew. Heiligkeit. die christliche Welt an ihre Pflicht zu mahnen und dadurch die Wiederholung jener blutigen Szenen und Justizverbrechen zu verhindern, welche der Menschheit zur Schmach gereichen." Im Uebrigeu bringt gerade zur rechten Zeit die Mailänder „Perseveranza", ein ernstes und gewöhnlich gut unterrichtetes Blatt, folgende Mitteilung: „Der Papst hat an die Bischöfe von Oesterreich, Deutschland und Frankreich Instruktionen gesendet, damit sie sich jeder Unterstützung der antisemitischen Bewegung enthalten sollen. Sollten diese J»»struktio»»e»l nicht genügen, so wird der Papst eine Encyklika über die Frage veröffentlichen." Es wäre sehr erfreulich, wenn sich diese Nachricht bestätigen sollte. Wie mau ans Paris berichtet, hat der Ausschuß der Kammer für Alg ier einstimmig beschlossen, die Aufhebung des Cremienxschen Erlasses zu beantrage»», der den Juden Algiers 1870 die politischen Rechte verliehen hat. Es. ist wohl kaum a»»zuneh»neu,! daß die gegenwärtige Regierung diesen Antrag acceptireu j wird, und schon deshalb dürste er auch kau»n eilte Majorität! in der Kammer finden. In jedem Falle kann mau sich wieder ans eine erregte Kamrnerdebatte gefaßt machen, in der die antisemitischen Deputirte»» aus Algier ihr schweres Geschütz gegen die dortigen Juden aufführen werden. Hoffentlich sinder» diese aber auch in der Ka»nrner ihre Beschützer, die den sicheren Nachweis erbri»»gen werden, daß die Juden in Algier sich der ihnen verliehe»»en Emanzipation würdig gezeigt haben. * In verschiedene»» deutschen Blätter»» findet sich die folgende Notiz über die jüdischer» Kolonien in Palästina: „Wie bekarrnt, giebt es dort Kolonien bisher ausschließlich dank der Freigebigkeit des Pariser Rothschild. Jetzt ist Dieser nun offenbar zu der Einsicht gekommen, daß seine Freigebigkeit z»» theuer zu stehen kommt; er übertrug daher das Protektorat über die Kolonien der jüdischen Gesellschaft „Jka", die jedoch laut Mittheilung jüdischer Blätter bald die Ueberzeugnng gewann, daß die K o l o n i st e n nichts weiter als Müßiggänger sind, die nur aus Kosten der Gesellschaft leben, und zog es daher vor. jedem Kolonisten 1000 Francs ansznzahlen. wenn er nur Palästina verläßt. Infolge dessen hat jetzt eine verstärkte Auswanderung der Juden nicht nach Palästina, sondern ans Palästina begonnen." Es braucht wohl nicht erst versichert zu »verden. daß die ganze Nachricht von Anfang bis zürn Ende erlogen ist. Aus -er Berliner Gemeinde. S. Berlin, 2. Dezember, ie heutige Rep r ä sen t a n t e u ne v f a m nt l u »i q, die vor gut besuchten» Hanse stattsand, bot wieder außerordentlich interessante Momente. Scho»» der erste P»»nkt, ei»» von Vertreter»» beider Parteien, den Herren Laudgerichtsrath Löwe, Professor Blaschke, Professor Lelvin und Leo»»hard Sachs, eingereichter, nicht auf der Tagesordn»mg befindlicher Antrag, für welchen die Dringlichkeit erbete»» und erhalten wurde, zog das attge»»»eine Interesse auf sich. Es handelt sich hierbei um den in nuferem Blatte bereits zur Zeit seines Erscheine»»s »viedergegebenen und durch die trefflichen Ausführungen des Rabbiners Dr. Maybaum scharf znrückgewiesenen Artikel von Benedict»»s Levita über die Erlösung des Judenthuins. Der A»»trag lautet solge»»der»»»aßen: „Die R epräs e»»t a nt ei» Versammlung »veist die im Oktoberheft der „Preußische»» Jahrbücher" anonym er s ch i e»»e»»e»» Ansführu »»gen gegen die jüdische Religion und de»» jüdische»» G o t t e s d i e n st als u»»z»»tr e f s e n d z»» r ü ck u »» d bezeichnet es als wi derspruchsvoll nnb »: ichl ehre»»hast, d a ß El t e r n i hre K» u de r ei n e m G l a n b e n zr» fü hre n. den sic selbst als nicht a»»neh»nbar erachten." In der Diskussion geht Landgerichtsrath Löwe davon ans, daß der Prozentsatz jüdischer Schüler ai» de»» höheren Schulen in auffälligem Maße zurückgegangen sei m»d findet die Erklärung dari»», daß häufig die jüdischen Eltern ihre Kruder dem Christenlhnnre Zufuhren. An dieser Strömrurg, die. »vie man es nicht leugnen könne, in Berlin rveit verbreitet sei, und zu deren Anwalt sich jetzt ein Anonymus aufgeworfen hätte, dürfe mau nicht achtlos vorübergehen. Die Berechtigmrg. daß sich die Repräsentanz »»och mit dem Artikel befasse, obwohl derselbe bereits in mehreren Zeitschrifte»» eine Entgegnung erfahre»», sei daraus berznleite»», daß die Versan»n»l»n»g inrmerhii» ein Fünftel der deutschen Jude»» repräsentire daß der Artikel in Berlin in einer angesehenen Zeitschrift erschienen sei. u»»d daß endlich a»»ch die Nothwendigkeit vorliege, das gekenn ze»ch»»ete Uebel zum Gege»»stande einer Besprechn,»g zu mache»», di sei»»er Ansicht nach nur vo»» Nutze»» sei»» könne und einen Widerhall i», der deutsche»» Judeuheit finden »verde. Die gege»» die Besprechung möglichen Einwände, daß dem Artikel dadurch eine erhöhte Aus merksamkeit zngewendet »vürde. und daß viele Eltern deshalb vorn Judenthume sich abwenden könnten, feien nicht stichhaltig. Die jüdisch Gemeinde verliere d»»rch die Abkehr dieser Eltern recht we»»ig. wem sie a»»ch mimerisch u»»d fi»»a»»ziell dadurch gesch»vächt »vürde. Dev Redner »ve»»det sich nun z»»nächft gegen die E»npselil»»»»g. die der Heraus geber der Jahrbücher dem Artikel mit auf de»» Weg gegeben hat, un^ bedauert es. daß der Artikel nur deshalb von der Redaktion getadett »verde, »veil er Angriffe gegen das Christenthum enthalte, während enur eil» Akt der Objektivität gewesen sei»» »vürde. menn auch gegen die Ai»griffe. die gegei» das Judenthnm erhoben feie»», ein Wort de Verlvahrnng eingelegt »vorden »väre. Das Wesentliche sei jedoch, das der Herausgeber in feiner Empfehlungsnote fordere, daß die Juden schlechtweg Deutsche »verde»» sollen. Mei»»e er ettva damit, daß man um Deutscher zu sein, ein Christ sein müsse? Die Jude»» seien läncst nach Sprache. Sitten nnb Kultur Deutsche, und es gebe keine ei»»zig' Seite deutsch-nationalen Lebens, an der sich die Juden nicht be^ theiligten. Im Frieden bethätigen sie sich in der Litteratnr, der Wissenschaft u»»d Kunst, im Kriege nehmen sie ebenso freudig und »villig »vie die Andersgläubige»» die Verpflichtungen ans sich. Gegen