Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 Pflegepersonals eine sorgfältige Auswahl unter den Bewerberiunneu." Außer der Leistung der gesummten Krankenpflege im Asyl konnten in den letzten vier Monaten des Berichtsjahres drei Schwestern in die Privatpflege entsandt werden. Von ihnen wurden 340 Pflegelage geleistet. — Leider konnten nicht alle Ansprüche befriedigt werden, zumal der Verein es sich angelegen sein läßt, seine Schwestern je nach der Dringlichkeit der Fälle nach auswärts mit nicht geringerer Bereitwilligkeit zu entsenden wie in hiesige Familien. Als Wohnung für die im Asyl thätigen Schwestern und Pflegeschülerinnen wurde von diesem ein anstoßendes kleines Hans zur Verfügung gestellt; für die in Privatpflege thätigen Schwestern wurde eine nebenan gelegene Etage gemiethet. Die Beköstigung sämmtlicher Schwestern hat das Asyl übernommen. — Die Oberill hat neben der Aussicht über die Krailkenpflege auch die Leitung der gesummten Hauswirthschaft und die innere Verwaltung im Asyl, wobei sie von der dienstältesten Schwester als ihre Stellvertreterin lrnterstützt wird. — Den Ullterricht der Pflegeschülerillnen habell die beiden Oberärzte mit» der Assistenzarzt übernommen. Die Einuahmell aus Mitgliederbelträgen betrugell 4927 Mark, alls Vergütung für Pflegen 2557 Mark. Die Ausgaben (Gehälter, Kleider, Einrichtnllg rc.) 6639 Mark. Deal Pensiollsfvllds lvurdell an Geschenken 7000 Mark zugewandt. Bei ben sehr liberalen Bestimmungen des Pensionsreglements mußte der Vereill, da der Pensioilsfonds voraussichtlich nicht sobald die nöthige Höhe erreicht, sich gegen unvorhergesehene dringende Zufälle schützell, ulld er hat deshalb seine Schwesteril gegen Krankheit und vorzeitige Invalidität versichert. I.. W. Nürnberg, 21. November. Nach kurzem Krankseill ist unser Oberkailtor Moritz Rosen Haupt anr 16. d. M. plötzlich an einem Herzschlag gestorben. Seit nahezu 20 Jahren als erster Kantor und Religionslehrer in der hiesigeli Gemeinde thütig, ist der erst 59jährige Manll seiner ihm ans Herz gewachsenen Wirksamkeit und seiner trostlosen Familie jäh entrissen worden. Am Sonntag wurde er zur letzten Ruhe bestattet unter einer außerordentlichen Betheiligung. Voll der dichtgefüllten Halle bis zunl Grabe drängte sich die Masse Derer, die von Nah und Fern gekommen waren, dem Verblichenen die letzte Ehre zll erweisen und Zeugniß dafür abzulegen, in welchem Maße er sich der allgemeillen Werthschätzuug erfreute. Eille große Familie, eine trauerllde Gemeinde umstand feine Bahre, und auf allen Gesichtern konllte man den Schmerz über den so unerwarteten Verlust lesell. — In ergreifender Rede schilderte Rabb. Dr. Ziemlich die Thätigkeit des Verblichenen, der während zweier Dezennien in ungetrübter Eintracht und Harmonie mit ihm im Dienst des Herrn zusamulellgewirkt. Er pries ihll als den wahrell Vorbeter, der, ausgestattet mit einem tiefreligiösen Gemüth und einer herrlich sonoren Stimme, erfüllt von der Erhabenheit seiiles Berufs, es wie fein Zweiter verstand, die Herzen zur Andacht zu stimmen. Seille itinfaffeuben Kenntnisse ans allgemeinem musikalischeu. speziell liturgischem Gebiet machten ihn zll einem unvergleichlichen Interpreten der religiösen Gesänge. Er pflegte die traditionelle Weise mit der ganzen Wärme seines künstlerischen Empfindens. Er gestaltete sie in seiner originellen Art aus ulld schuf gleichzeitig aus Eigenem liturgische Koulpositionen voll lluvergünglichelll Werth. „Jll seinen Werken lvird er weiter leben/1 so schloß die voll Herzell komlllellde ulld zll Herzen gehende Rede. Geheimrath Josephthal, der trotz eigenen Unwohlseins es sich llicht versagell wollte, den Heimgegangeneil zur letzten Ruhe zu geleiten, sührte hierauf als Vorsteher der Gemeinde in beredten Worten aus, welcher! Ullersetzlichell Verlllst die Gerneillde durch das Hinscheiden Rosenhaupts erlitten, dessen lnustergiltige Pflichttreue, Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit nur ihres Gleichen fand in der faszinirenden künstlerischen Eigellart, mit der er seilles Kantoramts waltete. Alls lvarmem Herzen ries er ihnl ben Dank einer Gemeinde nach, in deren Mitte seill Andenken ein gesegnetes bleiben lllld nie erlöschen werde. Als Nächster nahm Lehrer Carl Strailß aus Furth im Namen der dortigen Freiulaurerloge (welcher der Verblichelie allgehörte) wehmuthsvollen Abschied voul treuen Freunde, dem in Liebe ulld Zuneigllllg die Herzen der Logellmitglieder elltgegenschlugeil, deneil er in feinem biederen, wahr hastigen Charakter, in seillem schlicht bescheidenell Wesen ein Vorbild maurerischer Tilgend war, u»ld die er so oft in Vorträgen durch sein reiches Wissen oder durch die Schöuheit seines Gesanges gefesselt llvd erbaut hatte. Als Letzter legte Musikdirektor Rillgter einen Kranz im Namen des Syuagogenchors llieder. Der Verblichene, desserl Bedelltung lveit über feine Gemeinde hinausragte, erwarb sich dlirch seine liturgischen Arbeiten „Schire Ohel Jacob", die seit 1879 tn mehreren Bänden erschienen sind und allgemeine Verbreitung gefunden haben, einen allgeseheneil Raulen ullter den religiösen Komponisten der Gegenwart. Auch litterarisch trat er oft und mit gediegenen Leistungen hervor. Seine große Begabung. sein vortrefflicher Charakter, sein edler Sinll wurden von Allen gerühmt, die beit trefflichen Mann näher kannten, dessen Nanie in der Geschichte des modernen Syuagogellgesanges stets einen guten Klang behalten wird. Das Andenken Rosenhaupts bleibe ein gesegnetes! — Ans Württemberg, 25. November. Bei dem großen Eisenbahnunglück des Südexpreßzuges in der Nähe von Bayonne hat auch der Kaufmann Eduard Levi von der Firma Levi & Kocherthaler in Madrid sein Leben eingebüßt. Vor etlva 20 Jahren ging er nach Madrid und suchte dort seine erworbenen Kenntnisse als Kaufmann praktisch zu verwerthen. Er erhielt frühzeitig die Vertretung der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft in Berlin und hat an der Errichtung der zahlreichen Unternehmungen dieser Gesellschaft in Spanien thätig mitgelvirkt. Er lvar auch Vertreter der Waffenfabrik von Ludwig Löwe in Berlin, auch Leiter deutscher Minengeschäfte in Spanien. Levi hatte erst kürzlich seill Lebell versichert, uachdenl er auf der nänrlicheu Bahnstrecke bei einer Entgleisung am Bein verwundet worden war. Jetzt ist er ein Opfer der neuesten Katastrophe gelvorden. Der Verstorbene war ein hervorragender und lvürdiger Vertreter des deutschen Kaufmannstandes im Auslande. Er war in Madrid allgemein beliebt und hochangesehen. Sein vorzeitiger Tod ist ein großer Verlust für die deutsche Kolonie der spanischen Hauptstadt. Einer seiner Brüder leitet seit vielen Jahren ein Zlveiggeschäft in Barcelona. Sein früherer Theilhaber llnd Schlvager Kocherthaler ist seit einigen Jahren Direktor der Gesellschaft für elektrische Unternehlnuugen in Berlin. Die französischen und spanischen Zeitungen widmen dem Verstorbenen spaltenlange höchst ehrenvolle Nachrufe. Letztere bringell sein Bild ulld bemerken: „Der Tod des Sr. Don Eduardo Levi ist ein Verlust für ganz Spanien." Es ist erstaunlich, zu welch hoher Achtung sich Eduard Levi auch in politischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Kreisen emporzuschlviugen verstanden hat. Er lvar thatsächlich der Vertrauensmann der spanischen Regierung, und auch die deutsche Reichsvertretung beklagt in ihm den Verlust ihres sachnläunischen Rathgebers in kommerziellen Angelegenheiten. Für sich lebte Levi sehr einfach. Sein Haus lvar aber offen für die Vertreter der Knust, der Wissenschaft und der Publizistik. Vor einiger Zeit kam am Versöhnungstage ein zerlumpter Russe zu ihm, stellte sich als Glaubensgenosse vor Ulld bat um Arbeit, da er Jugenienr sei. Levi gab ihm einige hundert Pesetanoten mit der Weisung, sich neu zu kleiden und sorgfältig Toilette zu machen und wieder zu kommen. Nachher stellte er den Mann, der sich als tüchtig erwies, mit auskömmlichem Gehalt in seinem Büreau an. Eduard Levi ist in Rexingen (Schwarzwald) als der vierte Sohn eines einfachen schlichten Handlverkers und Oekouomen Jesaias Levi geboren. Letzterer starb erst vor zlvei Jahren im Alter von 87 Jahren. (Wir haben damals demselben einen Nachruf gewidmet. D. R.). Und nun folgte ihnl sein illuftreu Sohn schon im Alter von 45 Jahren als das beklagenswerthe Opfer einer Eisenbahnkatastrophe. Eine Witwe und zwei Töchterchen trauern um den ihnen früh Entrissenen. Sein Neffe, Don Julio Levi (von dem lvir einst im Feuilleton der „A. Z. d. I." „Eine Postfahrt in Südspanien" veröffentlichten. D. R.) reiste zur Unglücksstelle und beerdigte die sterblichen Ueberreste seines Onkels in denl benachbarten Biarritz, lvo die Familie des Verstorbenen ihren Sommersitz hat. Eine Schwester ist in Essen (Ruhr) an Herrn Hauptlehrer Graf verheirathet, und ein Bruder ist unser geschätzter Mitarbeiter, der Rabbinatsverlveser L. Levi, der bis vor kurzem in Hechingeil in Amt und Wurden stand, und nun in Stuttgart im Ruhestalld lebt. Ullsere Leser lverden ihn als Verfasser der „Briese aus Malaga, Tanger, Cordoba und Toledo" kennen. Eduardo Levi war ein seit' macle mau ttt des Wortes edelster^ Bedeutung. Die Königin von Spanieil verlieh ihnl vor einigen Jahren das Ritterkreuz des Militär-Verdienstordens I. Klasse. Der König v. Württemberg ließ bei der Nachricht von dem tragischen Ende des Herrn Eduard Levi aus Madrid dessen Bruder Rabbinatsverlveser Levi in Stuttgart, der Wittwe und ben Töchtern des Verstorbenen sowie sämmtlichen anderen Hinterbliebenen „Allerhöchst Seine aufrichtige Theilnahme" ansdrücken.