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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-30 · Heft 48 (30.11.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 48 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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64. Jahrgang. Nr. 48. Berlin. 30. November I960. Wertage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. . Deutschland. Berlin, 27. November. Eine hiesige Zeitung bringt heute im Sperrdruck unter dem Titel „Aerzte-Proletariat" die sensationelle Mittheilung. daß bei der hiesigen jüdischen Gemeinde mehr als 5 0 U n te r stü tzu n g s g es u ch e von n o thle id en d en Aerzteu in der letzten Zeit eingegangen seien, und daß fast ausnahmslos beu Gesuchen nach Maßgabe des einzelnen Falles und der hierfür flüssigen Baarnlittel stattgegeben worden sei. Auf unsere sofort bei der zuständigen Stelle, der Armendirektiou der jüdischen Gemeinde, eingezogenen Erkundigungen sind wir zu der Erklärung ermächtigt worden, daß die Nachricht völlig aus der Luft gegriffen ist. Aus privaten Stiftungerl sind in der letzten Zeit nur zwei Aerzten die Mittel zur Etablirrrng gewährt worden. Man sollte doch mit derartigen Nachrichten etwas vorsichtiger sein, die nur geeignet sind, das Ansehen des ärztlichen Standes noch mehr herabzudrücken. 8. Berlin, 25. November. Unter herzlicher Antheilnahme der gesanrmterr deutschen Frauenwelt beging heute Frau Lina Morgenstern, eine der volksthümlichsten Persönlichkeiten Berlins, die ihre unermüdliche Arbeitskraft und ihren vielseitigen Geist seit Iahrzehnterr in den Dienst zahlreicher humanitärer Institutionen gestellt hat. ihren 70. Geburtstag. Es war nur eine verdiente Anerkennung, daß ihr aus diesem Anlaß aus allen Theilen der Welt zahllose Belveise des Dankes und der Verehrung dargebracht wurden. Auf deur ihr zu Ehren in der Philharmonie veranstalteten Barrkett fanden sich die Deputatiorren der zahlreichen Wohlthätigkeitsanstalten und Vereine ein, zu denerr die Jubilarin in Beziehung steht, und überbrachten kunstvolle Adressen und prächtige Blunrenarrangemerrts. Aus der stattlichen Zahl der eingegangenen Telegramme heben wir das der Großherzogiu von Baden hervor, die mit lebhafter Dankbarkeit aller der Dielen Wohlthätigkeitsanstalten und Einrichtungen gedenkt, welche der Thatkraft der Jubilarin ihre Entstehung schulden. Aus Anlaß des Festes spendete der Verein Berliner Volksküchen 1000 Mark für eine Morgensternstiftung. ein Frauenkomitee, an dessen Spitze Frau Oberbürgermeister Dr. Kirschner stand, überreichte eine größere Geldsumme zur freien Verfügung der Jubilarin. Auf dem wohlgelungenen, zahlreich besuchten Baukett dankte Frau Morgenstern in launiger Weise für die ihr gewidmeten Ehrungen und gab in gedrängter Kürze einen Ueberblick über ihr Leben und Wirken. Möge es der trefflichen, jugendfrifchen Frau noch lange vergönnt sein, im Dienste der Humanität und Menschenliebe mit unveränderter Thatkraft Großes und Schönes zu wirken! 8. Berlin, 21. November. Heute Mittag fand im Israelitischen Kinderheim die Trauerfeier für die verewigte Vorsitzende Frau Rabbiner Dr. Emilie May bäum statt. In den würdig geschmückten Räumen, in denen sich das von Blattpflanzen umgebene Bild der Heimgegangenen wirkungsvoll abhob, hatte sich eine auserlesene Schaar von Mitgliedern und Freunden des Vereins eingefunden, denen sich außer dem Gatten noch mehrere Angehörige der Familie beigesellt hatten. Nach dem von dem Chor der Neuen Synagoge ausgeführten einleitenden Gesang (Selig sind die Tobten) nahm Rektor Dr. Holzmann das Wort zu einer ergreifenden Gedächtnißrede. Von dem Gedanken ausgehend, daß das. was die Verstorbene geschaffen, in den Ueberlebenden bewußt und unbewußt fortlebe und fortwirke, schilderte der Redner das Wesen der Begründerin des Kinderheims, die die Forderung des Dichters: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" im schönsten Sinne erfüllt habe. Die Klarheit ihres Denkens habe sich in der Art ihres Wohlthuns, in der Auffassung des Begriffs der Wohlthätigkeit gezeigt. Ihr Wohlthun habe sich nicht beschränkt auf die augenblickliche Beseitigung des Augenscheinlichen, das Mitleid erregte, sie habe vielmehr darnach getrachtet, Menschen in den Stand zu setzen, sich selbst fortzuhelfen und so ihre Menschenwürde zu bewahren. Echte Herzensgute, Verstandesklarheit, ein fester, starker Wille sei der Verblichenen zu eigen gewesen, das Rechte und Gute unermüdet zu schaffen und dem als gut erkannten Ziele mit nimmer rastendem Eifer zuzustreben. Nachdem der Redner alsdann in ausführlicher Weise den Werdegang Emilie Maybanms entwickelt und ihren bereits in Saatz ausgeübten Liebeswerken gerechte Anerkennung zu Theil werden ließ, rühmte er ihre segensreiche Thätigkeit und Autheilnahme an den hiesigen Schöpfungen, als Begründerin der Chanukkah-Bescheerungen für arme Kinder, als Vorstandsmitglied der Böhm- und Dina Nauen- Stiftung, vor allem aber als Begründerin des Israelitischen Kinderheinis, dem sie ihre ganze Fürsorge und Liebe gewidmet habe. Immer und überall sei ihre sinnende und ausdauernde Thalkraft hervorgetreten, der nichts zu schwer erschienen sei und die selbst ihrem leidenden Zustande Trotz geboten. Mit thränenerstickter Stimme gedachte Dr. Holzmann ihres Wirkens im trauten Heim und ihrer zarten Beziehungen, die sie mit nahen und entfernten Angehörigen ihres Hauses gepflegt habe. Die Verstorbene habe nur in Anderen und für Andere gelebt, und weil sie im Leben ihrer selbst vergessen, bleibe sie nach dem Tode unvergessen! „So soll von ihrem Geiste fortan gelten: er lebt inmitten unserer Gemeinschaft!" Ein Schlußgesang endete die stinimungsvolle Feier, die auf alle Theilnehmer einen sichtlichen Eindruck hinterließ. 8. Berlin, 25. November. Aus dem Jahresbericht pro 1899/1900, den der Verein Mädchenhaus Pankow soeben versandt hat, entnehmen wir, daß das letzte Jahr ein arbeitsames und erfolgreiches! gewesen ist. Die Ausbildung der Mädchen ist intensiver gestaltet, die! Auswahl derselben bei der Aufnahme eine strengere geworden. Angeuj blicklich befinden sich 25, Zöglinge im Hanse. Die mit dem Verein in! Verbindung stehenden Frauenvereine und Waisenhäuser senden fortj laufend ihre Schützlinge zur Aufnahme zu. Eine Erhöhung der Aufi nahmeziffer ist in Aussicht genommen worden. Die gnte Ausführung j der den Zöglingen übergebenen Arbeiten ist von mehreren Seiten > lobend hervorgehobeu worden. Die fünf im verflossenen Jahre entlassenen Zöglinge befinden sich sämmtlich in Berlin im Dienst und das Ergebniß ihrer Erfolge ist durchaus befriedigend. Die Mehrzahl derselben hat ihre Ersparnisse dem Verein anvertraut. Zwei Mädchen konnten für ihre Leistungen prämiirt werden. Die Verpflegungskosten für die Zöglinge betragen Pro Kopf und Tag 48% Pfennig. Die Zahl der Mitglieder hat sich um 50 vermehrt, zu den bisherigen 12 Frauenvereinen sind weitere sechs Vereine hinzugetreten. Eine wesentliche Verminderung ist leider in den einmaligen Beiträgen und letztwilligen Zuwendungen eingetreten, und es sind deshalb im Interesse des Gedeihens j des Vereins, der bei gesteigerten Leistungen natürlich auch gesteigerte Ausgaben aufwenden muß, eine Erhöhung der Mitgliederbeiträge und einmalige Zuwendungen recht wünschenswerth. — In der heutigen ordentlichen Generalversammlung werden zunächst auf Vorschlag des Heren Emil Mosse die Satzungen, deren Aenderung zum Zwecke der Eintragung des Vereins in das Vereinsregister erforderlich war, eu bloe angenommen. Alsdann gab der Vorsitzende, Justizrath Breslauer, an der Hand des gedruckten Berichtes einen kurzen Ueberblick über die Thätigkeit des Vereins, dessen Mitgliederzahl seit der Versendung der Eirknlare sich wiederum um 15 vermehrt hat. Die Anzahl der Zöglinge ist nunmehr aus 27 gestiegen, die 28. Meldung liegt jetzt vor; fünf Zöglinge scheiden zum Januar aus dem Hause aus. Der Vorsitzende hofft, die Zahl der Zöglinge zu Beginn des nächsten Jahres bis auf 80 erhöhen zu können. Nach dem Revisiousbericht, der von Herrn Pariser erstattet wurde, wurde dem Vorstand Decharge ertheilt. Zu Vorstaudsmitgliedern, deren Neuwahl auf Grund der neuen Satzungen erforderlich war, wurden die bisherigen Damen und Herren wiedergewählt. Auch die Revisoren nahmen die beantragte Wiederwahl an. B. Berlin, 27. November. Unter dem Namen: Allgemeine Vereinigung ehemaliger Jacobsonschüler in Deutschland (Centralstelle Berlin W., P o tsda merstra ße 82 d), besteht seit einigen Monaten aus ehemaligen Zöglingen der bekannten

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