Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- Seite 575 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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575 „Höre mich, Heva!" sagte Krvnele, die sich ihrerseits aufrecht setzte und mit der rechten Hand die Bettdecke über ihre Schultern hielt. „Ich lese in Deiner Seele. Unterbrich mich nicht! Antworte Ja oder Nein! Unsere Nachbarin, die Frau Sommer, ist in großer Noth. Obschon ihr Mann und sie selbst Tag und Nacht arbeiten, so fehlt es doch an allem in dieser Haushaltung; nicht einmal Windeln genug hat sie, nicht einmal eine Wiege für ihr Kind! Ich habe meine ganze Sparkasse für sie geleert, es bleibt mir kein Pfennig. Du bist reich, deiln Du giebst Niemand einen Heller, und der Vater giebt Dir immer Geld. Du hast gewiß mehr als 50 Francs in lauter Fünfsousstückchen." „Ich errathe," antwortete Heva. „Du bildest Dir ein, ich gebe mein Geld Deiner Französin, die sich über nnch lustig macht und mich einmal über das andere eine Sötte heißt." „Du irrst Dich," unterbrach sie Kronele. „Frau Sommer sagt Niemandem etivas Böses nach. Das Wort Sötte ist so ein französischer Provinzialausdruck." Dabei lächelte sie unwillkürlich und fuhr dann fort: „Uebrigens weißt Du, daß den Armen Gutes thun unserem Herrgott da oben wvhlgefällt. Die Armen sind seine lieben Kinder." „Das glaube ich nicht," antwortete Heva ernst, um ihren Geist zu beweisen. „Wenn sie seine lieben Kinder sind, warum giebt er ihnen nicht Geld genug?" Diese gotteslästerliche Antwort war für die fromme Kronele ein Stich ins Herz. „Ich sehe wohl," sagte sie, „Du giebst mir Deine 50 Francs nicht umsonst." „Gewiß nicht! Ich brauche ein neues Kleid." „Sieh' mich an!" sagte Kronele. „Ich verlause Dir den Vetter Leon für Deine 50 Francs, He?" „Man meint wahrhaftig." erwiederte Heva, „Leon gehöre Dir schon mit Leib und Seele. Er kann Dich nicht einmal leiden, er findet Dich häßlich." „Heva, ich bin die älteste Tochter, und wenn — ich auf Leon bestehe —" „Du irrst Dich. Er hat Dir bereits einen Korb gegeben. Ich will Dir's nur gestehen, Leon ist mir gut. Er hat es mir gesagt und der Mutter auch, Wozu etwas kaufen, was mein ist?" Kronele schlüpfte unter die Decke ohne zil antivorten; Heva blies das Licht aus. Um 1 Uhr des Nachts iveckte indeß Heva ihre Schwester und sagte zu ihr: „Ich gebe Dir die 50 Francs, aber Du sagst selbst der Mutter, daß Du Leon nicht heirathen magst." „Ich sage der Mutter," versetzte Kronele, „daß Du ihm gut bist." „Meinetwegen. Aber Du heirathest den Ersten, der um Dich anhält; denn die Mutter giebt mich nicht vor Dir ans." „Du bist thöricht." „Ich gebe Dir mein Geld nicht." „Gut!" sagte Kronele gereizt. „Morgen fordere ich sie von Leon selbst, der sie mir gewiß nicht abschlügt." „Ich gebe Dir die 50 Francs," sprach endlich Heva, „aber Du schweigst und — nimmst den Ersten, der kommt." lFortsetzung soigt.j Fitteraturbericht. Victor Castiglioni in Triest, der sich seit mehreren pjrQj Jahren mit dem schriftlichen Nachlasse S. D. Lnzzattos und dessen Verwandten, wie Rachel Morpnrgo. S. D. Loli u. A. beschäftigt. hat znm hundertsten Geburtstage dieses gefeierten Forschers unter dem Titel: Epistolae ad Sciadal a nonniilHs viris clarissimis ejusdem aetatis et teuiporis missae et scripta de variis rebusetne Anzahl bisher ungedrnckter hebräischer Briese, von bekannten Zeitgenossen an Luzzatto gerichtet, veröffentlicht (Krakan. I. Fischer, 1900). Es sind das 26 Briefe von I. M. Jost. 6 von M. Letteris, 7 von I. Goldenthal, 5 von S. H. Halberstam, 3 von Michael Rabbinowitz. 2 von Osias H. Scharr und 6 von Salonion Rosenthal, einem wohlhabenden und gelehrter» Privatmalme in Pest. Diese Briese liefern schätzbare Beiträge ebensowohl zur Zeit- und Litteratnrgeschichte wie zur Charakteristik der Korrespondenten. lvelche, wie die meisten jüdischen Gelehrten, sehr enipfindlich sind, sich gegenseitig anklageu, aber auch bald wieder versöhnen. Jost erscheint in seinen Briefen als ein sehr bescheidener, friedfertiger und offenherziger Mann. Alls Julius Fürst in Leipzig, den Redakteur des „Orient", ist sowohl Jost lvie auch Rosenthal nicht gut 511 sprechen. Dieser kann es ihm nicht verzeihen, daß er Leon da Modenas „Ari Noham", das voll Rosenthal mit vieler Mühe für den Druck vorbereitet mld mit Einleitung versehen. voll ihm, ohne ihr» zll neilnell. veröffentlicht hatte; „dieser jäh-! zornige, stolze und hochnlüthige Mann." heißt es in einem Briefe an Luzzatto, ben der voll ihm geschmähte Heinemann — »licht Heinmson, lvie Seite 56 gedruckt - öffentlich einen Thoren nannte; der sonst so ruhige Jost läßt sich in den härteste!» Ausdrücken wie CDTDPT tTKI BDJJ ^"Onb ‘"DHl (Seite 21, 29) über ihll aus. und einige Jahre später war er — Mitarbeiter des „Orient". Jost theilte Luzzatto unter anderem mit, daß seines Jugendfreundes Zunz Gutachter» über; die Beschneidung von den» reichen Meyer Goldschmidt in Frankfurt a. M. : und auf dessen Kosten zum Druck befördert worden ist. Der erste in dieser Sammlung veröffentlichte Brief Josts ist vom 20. Ab — I 31. Juli 1839, nicht 1837, datirt; er berichtet darin, daß er die j „Annalen" au den Prediger Mannheimer in Wien geschickt habe, und > die „Annalen" erschienen erst seit 1839. — Dem alten Rosenthal. de»»; Luzzatto einmal eine»» „alten Narren" nennt, war der Professor an» i Collegium rabbinieuni nicht glänbig geuug, »vas er ihn» in seillen» „Beth Omen" deutlich zu verstehen gab. — Israel Michael Rabbinowitz flicht Lnzzattos Einwendungeil gegen seine voll Abraham! Geiger empfohlene hebräische Grammatik zu widerlegen. Rabbinowitz,! der Sohn eines Rabbiners im Gouvernement Grodno, hatte, wie er : Luzzatto schreibt, bis zn seillen» zwanzigsten Jahre den gallze»» babyj Ionische»» Talmud mit dem Konunentare des R. Ascher und des Alfasi zlveimal d»»rchstudirt, dann gege»» de»» Willen seiner Eltern sich »»ach : Breslau begeben, wo er Gymnasialstudien betrieb »u»d die Universität j besuchte. Bol» dem Erlös seiner hebräischen Grammatik fristete er das j Leben, und mit innigem Dank nahm er die fünf G»llde»l an, welche ihm der arme Luzzatto geschickt hat. Bol» litterarischem Interesse sind die Briefe Halberstams. Jacob Goldenthal zeigt sich auch iit einen» Briefe an Luzzatto als derselbe Projektenmacher, als der er sonst bekannt ist. Er schickte Luzzatto der» 1847 von ihm edirten „Maphteach" des R. Rissim bei» Jakob und ersuchte ihn, ihm dafür ein Rabbinatsdiplom, mit den» Siegel des Collegium rabbinieuni versehen. z»» senden; dasselbe köi»ne ihn» von u»aterielle»n Nutze»» sein. Ein anderes Mal meldete er ihm, daß Balaban ans Brody. seil» Landsmann, willens sei. Lnzzattos handschriftlichen Divan des Jehuda Halewi drucken zu lassen und ihn da»ln auf dem Wege der Kolportage zu verkaufen. Darn» schlug er ihm vor, den Dilvau der k. k. Bibliothek in Wien zum Geschenk zu mache»». Luzzatto antwortete ihn» darauf in eii»em in» Besitz des Herrn Dr. Friedlieber befindlichen, in» Original mir vorliegendeil i»och ullgedruckten Briefe: „In quanto al reguläre el Divauo die Giuda Levita all" J. R. Biblioteca Le fo osservare eh' io 5 figli e una figlia, e die s'io musjo oggi essi non trovano in casa nemmeno da paggare la mia tumulazione, senonche cum pochi di Jibri. Potrei io donarli? II Divano poi non lo cederei nemmeno per una graude somma, poiche non ne lio tratto copia/ Aus einen» Briefe Lutteris erfahren wir, daß er tvährend seines Aufenthaltes in Prag täglich eine Stunde Unterricht im Griechischen bei Dr. Wolfgang Wessely nah,m, unb Schorr, der wie er von seillen Freunden genannt wurde, beklagt sich bitter über die