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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-30 · Heft 48 (30.11.1900) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 48 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
Seite 574 (sequence 12)
Language
German
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574 „Wie", versetzte die Frau, „Du verkennst auch mein Kronele? Die einzige —" „Was, die einzige?" unterbrach sie Herr Reich, indem er sich aufrecht setzte und seine Nachtmütze abnahm. „Kronele ist reizend schön," entgegnete die Mlltter; „sie hat sv etwas außerordentlich Einnehmendes, was unseren anderen Kindern abgeht." „Sie hat ihre Nedinin (Mitgift)," sagte der Vater, „und mut genug davon und laß mich schlafen!" „Ich kann nur gar nicht denken," rief jetzt Frau Reich ärgerlich, „wie ich mit diesem Manne so viele Jahre gelebt habe! Seit ich ihn kenne, hat er mir noch kein anderes Wort gesagt als „Laß mich schlafeil!" Aber heute soll er es llicht." Unb damit gab sie ihrem Manne einen leichten Schlag auf die Schirlter. Herr Reich, der nicht bester Laune lvar, evuneberte ihn. „Gütiger Gott!" schrie die Frau, „jetzt schlägt er mich gar! Ein Manll, den ich nie geliebt habe!" „Ah, Du gestehst es also. Du hast mich nie geliebt!" „Gelviß nicht! Ich habe nie eine Ahnung von Liebesglück gehabt! Einmal in lneinem Leben, glaub' ich, habe ich etwas gesuhlt, das der Liebe ähnlich war, aber an Dich habe ich nicht gedacht!" „So!" sagte der Mann, ohne sich jedoch zu rühren. „Und all lven hast Du gedacht.? Ich bin doch neugierig!" „An Jemand, der nicht so grob ist ivie Du," erwiederte die Frau fast herausfordernd und erwartete seine Antwort. Herr- Reich aber, der seit zehn Jahren nicht so viele Worte mit ihr gewechselt hatte, lvar bereits des Antwortens müde, imb um der Szene ein Ende zu machen, sagte er, indem er sich auf die andere Seite lvandte-. „Genug, gellug! Ich falle uul vor Schlaf und Du schreist, als sei Feuer im Hause." „Es brennt allch im Haufe!" „So lösch es ulld laß mich schlafen!" „Leon brennt für Heva. Er hat sie voll mir zur Frau gefordert." „Er hat Recht, der Junge!" sagte Herr Reich, indem er sich wieder aufrichtete. „Eh! Er brennt nicht für Dein Kronele; es ist ihm zll fein. Die Heffe A la bonne lieuro! die ist hell und stark unb Prächtig! Er hat Recht, der Leon, der versteht etwas! Dein Kronele, die lnuß man erst anzünden wie eine Schulkerze!" „Und doch bekonlmt Leon die Heffe nicht!" „Und warunl llicht?" „Weil ich nicht will! Gerade das Kronele muß erheirathell!" „Larifari! Und warum gerade Dein Kronele?" „Weil's lliir gefüllt! Ich verheirathe nleiue jüngere Tochter nicht vor der älteren, und da er sie nicht beide auf einmal llehmen kann „Mach' was Tll lvillst," nluruielte endlich der Mann, „ulld laß mir meine Ruhe!" „Das wollte eben ich wissen! Rull schlaf' Alter! Morgen sage ich Leon, daß er die Wahl hat, entweder Kronele gleich zu llehmen oder zu warten, bis sie mit einem Anderen verheirathet sei. Meill Kronele heirathet gelviß feilten Dorfburschen! Die ist llicht so dumul wie ich!" Herr Reich antlvortete nicht mehr, er schlief scholl wie ein Balken. Währelld dieses Gesprächs in der Stube rechts sllchte Heva ihre Schwester Kronele in der Stube links wegen ihrer Absichten auf Leon auszuforschen. Kronele legte sich gewöhnlich vor ihrer Schwester nieder. Einmal in ihrem Bettchell und bis an das Kinn zugedeckt, sah sie gewöhlllich stillschweigend ihrer Schwester zu, die sich vor dem schräg über dem Nachttisch hällgenden Spiegel stückweis langsam auszog und sich belvunderte. An jeilem Abend dauerte die Nachttoilette Hevas länger als eine halbe Stunde; denn während des Auskleidens dachte sie theils an Leon, theils an die List, mit der sie ihre Schwester versuchell wollte; denn geistig war Heva sehr beschränkt. Diese Leere ihres Innern verbarg sich unter einenl beständigen Lächeln und einer gewissen Kopfbewegung, die zu sagen schien: Wenn ich wollte, könnte ich euch schon antworten. Ich habe so viel Verstand und Geist wie ihr. Nach langem Grübeln legte sie sich jedoch zu Bett, ohne das Licht auszulöschen und ohne zu wissen, wie sie es mit ihrer Schwester anfangen sollte. Da sie aber falsch war, so war sie, wie alles Falsche, schleichend und schmeichelnd. Sie küßte daher ihre Schwester llnd sagte zu ihr: „Wie gern Hab ich Dich, Kronele!" „Wirklich?" versetzte diese. „So thu' mir einer! Gefallen." „Herzlich gern, Schwester! Gelviß denkst Dir au den Vetter?" „Alt Leon? Der fällt mir nicht ein. Ich denke nie an einen Mann." „Leon ist unser Vetter," erwiederte Heffe. „Die Mutter sagte mir, er sei Dir zum Ehemann bestimmt." „Mama hat Dir das gesagt?" „Leoit ist ein hübscher, reicher, junger Mann. Ich an Deiner Stelle würde ihn mit beiden Händen nehmen." „Du denkst also schon an das Heirathen?" fragte Kronele. „Vater und Mutter denken nicht daran, inich vor Dir auszugeben. Leon ist Dir bestimmt." „Ich hoffe, daß ohne meinen Willen meine Eltern mich nie einem Manne versprechen." „Sieksi doch!" sagte Heva. „Ja, inan wird mit Dir eilte Ausnahme machen, weil Du es bist! Haben sie unsere älteren Schwestern lange gefragt? Wenn Maina zu mir sagte: „Du bist Brattt mit Leon oder auch mit einem Anderen," nie würde ich es wagelt, ihr eine Bemerkung dagegen zu rnachen." „Ei, Heffe, wie Du gesprächig bist! Seit langer Zeit hast Du nicht so viel auf einmal geredet. Bist Du etwa schon in Leon verliebt?" Heva, die sich errvthen fühlte, verslichte es, ihr Gesicht mit der Bettdecke zu verbergen. Dann sagte sie: „Und ivenn ich den Vetter gern hätte? Ich bin noch nicht 16 Jahre alt, obschon man mir immer 18 giebt. In feinem Falle kann ich es mit Dir aufnehnren. denn wenit ich auch schöner bin —" sie hielt inne, denn sie bemerkte an einem irorrischen Lächeln Kroneles, daß sie ihre Herzensmeiuung zu bloß gelegt, nttb fuhr rasch fort: — „Gerade heraus, Schwester, man hat mir's tausendmal gesagt, ich sei frischer und schöner als Du. Ich aber weiß, daß Du inehr Geist hast als ich." „Das ist sehr schön von Dir," jagte Kronele mit scharfem Blick auf ihre Schwester, „Und warum schlveigst Du jetzt." „Ich weiß nicht mef>r, was ich sagen wollte." „Von Leon war die Rede." „Ach ja. Es fallt mir nicht ein, mich vor Dir zu verheirathen. Uebrigens denkt Leon nicht an mich." „Und wenn er doch an Dich dächte?" „Ja, vorerst müßtest Du auf ihn verzichten und es der Mutter gestehen." X

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