Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- Seite 573 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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573 EUILLETON ^I Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weill. II. fas Haus des. Herrn Reich hieß ehemals das kleine Schlösset, weil es vor der Revolution dem Ortsherrn gehörte. Es hatte freilich nichts Schloßartiges, als daß es, auf die Spitze des Dorfhügels gebaut, von seinen Fenstern aus eine herrliche Aussicht auf eine weite Ebene von grünen Wiesen und gelben Rapsfeldern gewährte, die von kleinen Bächen durchschnitten und rund herum von einem Eichen- und Buchenwäldchen begrenzt war. Das Schlüssel war wie die anderen Häuser des Dorfs nur einen Stock hoch, jedoch unterschied es sich von ihnen durch sein holländisches steiles, spitzes und von allen Seiten gleiches Dach, das auf jeder Seite zwei Dachfensterchen hatte. Herr Reich hatte es mit neuen Ziegeln und Schindeln bedecken lassen, nnd auf der Hauptseite las man die Zahl 1840 mit Ziegeln ven verschiedenen Farben eingelegt. Die Zimmer zu ebener Erde waren höher als die in den anderen Häusern und von unten bis oben mit Fichtenholz betäfelt, sogar die zwei Mittelvatkeu der Decke. Wie alle Elsässer Dorfivohnungen hatte das Schlösset eine Flur im Viereck, in der rechts und links zwei Thüren zu zwei Stuben führten und die Küchenthür der Hausthür gerade gegenüber lag. Ebenso war die Eintheilung des ersten Stocks unter dem Dach, mit Ausnahme der Küche. An ihrer Stelle war ein großer Speicher, für Holz und Früchte mit verschiedenen Mehl- und Obstschränken, auf dem immer zwei Seile, um die Wäsche zu trocknen, aufgespannt waren. Von dem Speicherfenster übersah mau die ganze Ebene, wohl eine Stunde weit. Herr nnd Frau Reich wohnten unten an der rechten Seite in der großen Stube, mit einem Kämmerchen daneben. Hier standen zwei kleine, deutsche Betten, hoch mit Unterbetten ausstaffirt und zwischen beiden eine große Wiege. Kronele und Heffele schliefen in der Stube links zusammen in einem Bett. Der Sohn des Hauses schlief im ersten Stock, in einem Dachkännnerchen über seinen Schwestern. Die schönste Stube des Hauses im ersten Stock mit drei Fenstern hieß die Bräutigamsstube. weil gewöhnlich die Bräutigame der zahlreichen Töchter -der Familie in ihr wohnten, so oft sie ihrer Braut und ihren Schwiegereltern einen Besuch abstatteten. Alle diese Zimmer waren auf Bauernart möblirt. Ein Tisch, ein Schrank, eine Kommode, ein Ofen und vier eichene Stühle. In der Bräutigamsstube aber >var alles vornehm und städtisch. Nicht allein befand sich darin ein französisches Bett mit gesteppten Decken und Eiderdaunen, sondern auch ein Kanapee, ein Ofen von Porzellan mit kupfernen Reifen, ein venetianischer, in Hagenau gekaufter Spiegel, ein Nachttisch von Mahagoniholz und statt der Kommode von Nußbaumholz ein Sekretär mit geheimen Schubläden. Kronele erhielt diese Stube in all ihrer gewöhnlichen Sorgfalt. Sie scheuerte regelmäßig zweiinal die Woche de» Dielboden und bestreute ihn mit Goldsand; die Vorhänge der Fenster waren immer schneeweiß und die Möbel alle hell gebohnt und geputzt. Statt wie die anderen jungen Mädchen des Smnstags und des Sonntags im Wäldchen spazieren zu gehen und die Schmeicheleien der Burschen anzuhören, setzte Kronele gewöhnlich sich in die Ecke des Kanapees, von der aus ihr Auge das ganze Thal umfaßte, und überließ sich ihren Träumereien oder las in den Psalmen; denn außer einigen durch Zufall in ihre Hände gefallenen Blättern hatte sie in keinem anderen Buch als in der Bibel gelesen, die sie auf Hebräisch las und deren Text sie sich durch die gegenüberstehende deutsche Uebersetzung klar zu mache» suchte. Im Elsaß ist der Brauch — er stammt wohl noch aus dem Mittelalter —, daß die Braut dem Bräutigam, wenn er sie besucht, bis an die Thür seines Schlafgemachs leuchtet. Es ist dies wohl ein Anfang der Emanzipation des Mädchens, denn die Braut trägt ihrem Bräutigam ganz allein de» Lichtstock. Dabei ist sie jedoch immer entweder von der Mutter oder von einer Schwester überwacht. Als die ältere Schwester Kroneles ihrem Bräutigam einmal zum Schlafengehen leuchtete, sagte Frau Reich zu ihr: „Kronele, mein Schatz, wenn Deine Schwester den jungen Herrn in sein Zimmer führt, so schleichst Du ihnen leise nach, und wenn Deine Schwester nicht gleich wiederkommt, so rufst Du sie bei ihrem Namen." Obschon Kronele 16 Jahre alt war. so konnte sie sich gar nicht einbilden, warum sie ihrer Schwester nachschleichen sollte. Auch blieb sie unten an der Treppe stehen. Da plötzlich hörte sie etivas ivie einen Kuß. Unwillkürlich stieß sie einen Schrei aus und lief in ihr Stübchen. Gleich darauf erschien die Mutter, die lächelnd fragte, was vorgefallen sei, und dann die Braut selbst, die zornig über Kronele herfiel und ihre eine derbe Ohrfeige gab. Kronele ließ sich schlagen, ohne zu wissen, warum. Aber bei sich selbst nahm sie sich vor, nie einen Dorfburschen zu heirathen. Ohne sich Rechenschaft von den Stadtsitteu geben zu können, fühlte sie doch instinktartig, daß die Art zu lieben auf dem Dorse ihr zuwider sei und daß alle Dorsschmeicheleien nur der Ausdruck grober Gefühle seien. Da sie nun die älteste Tochter war, so gehörte ihr von Rechts wegen die Bräutigamsstube. Auch hatte sie dieselbe ganz nach ihrer Art umgewandelt. Alles Grelle wurde verbannt; an seine Stelle traten zärtlichere, keuschere Farben. Die rothen Ueberzüge wurden weiß, die grellgelben rosenfarbig, bis alles in ein harmonisches Ganzes mit den Gefühlen Kroneles zusammenfloß. * * * An demselben Abend, wo Leon mit seiner Tante von Heva sprach, fanden im Hause Reich zwei Auftritte statt, der eine rechts, zwischen Herrn und Frau Reich, der andere zwischen Kronele nnd Heffele in der Stube links. Herr Reich schlief bereits, als seine Frau mit ernster Miene sich ihr Nachthäubchen zurechtsetzte und stille Betrachtungen über die Männer im allgemeinen und über den ihren insbesondere anstellte. „Genug geschnarcht!" rief sie plötzlich mißmuthig.. „Es scheint, als habest Du durchaus keine Sorgen mehr. Jst^s möglich, so zu schlafen, wenn man noch drei junge Töchter zu verheirathen hat?" „Was, was!" murmelte der Mann, indem er sich wie ein Fisch plötzlich herumdrehte. „Was giebt's? Es wird noch Männer genug geben für Deine Töchter; sie ftub reich und schön — Kronele ausgenommen."