Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- Seite 572 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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572 Brüderpaar. Doch der Baxa ist wohl selbst nicht so dumm, dies zu glauben. Wer aber erkennen will, was Dummheit und Bosheit in „unserer fortgeschrittenen Zeit" leisten können, der lese die Rede des in „Ritualmord" machenden Baxa. Dieser Herr wurde, nebenbei bemerkt, als er studirte, von jüdischen Kollegen tschechischer Nationalität unterstützt; er hat jetzt den Juden den Dank ausgedrückt. Baxa ist nun reif im Parlamente zu sitzen neben Ehren-Schneider, und aus den Exemplaren des „Deutschen Volksblatt", der „Narodni lisch" und der „Deutschen Zeitung" wird mau ihm dort einen Thron errichten, den Vergani, Bielohlawek und Genossen jubelnd umtanzen werden. Schneider, Du bist geschlagen, Baxa hat Dich besiegt. Ein rührendes Verbrüderungsfest wird nun gefeiert zwischen Wiener und Prager, deutschen und tschechischen „Ritnalmordkoustruirern". Nicht die Wahl Mae Kinleys, nicht China, nicht das künftige Parlament haben die öffentliche Meinung in den letzten Wochen in Oesterreich aufgeregt; was kümmert uns auch Amerika, was China, was unser Parlament, glückliches Oesterreich, du hast deine Chinesen und hast — Hilsner. — Sowie Homer, nachdem sich Achilles grollend in sein Zelt zurückgezogen hatte, die kleineren Heldchen anftrcten laßt, so hatterr für unsere Zeitungsleser — und wer ist dies .heute nicht — alle großen Ereignisse der Zeit keinen Werth, nur Hilsner allein füllte die Spalten. Der 17. Juli 1898, der 29. März 1899 sind gewichtige Daten dieser Weltgeschichte geworden. Peschak, Lang, Miffek, sie haben mehr Bedeutung in diesen Tagen erlangt als der Kaiser von China, der Burgtheaterdirektor Schlenther und, was mehr sagen will, als Dr. Lueger und seine antisemitischen Mameluken. Hat Hilsner an jenem 29. März graue, blaue oder grüne Hosen getragen? Vor dieser Frage verschwand die große Politik, das Eisenkartell und der südafrikanische Krieg. Salisburys Politik, die Börse, selbst die Kohlentheuerung, was bedeuten diese Gegenstände und Tagesfragen dagegen, ob Hilsner am 17. Juli 1898 in Jglau war oder in Zhor tanzte. Auch der Sozialistenhut Hilsners ist ein berühmter Hut geworden und alle Cylinder der Welt, selbst der einstige glänzende und elegante des ehemaligen französischen Präsidenten Faure, können sich mit ihm'nicht messen. Die Kleider der Hruza wurden chemisch zergliedert, aber Baxa genügte das nicht, denn Baxa begreift schwer, und er mußte seinen „Ritualmord" haben, warum sollte er nicht auch berühmt werden? Papste haben jenes Märchen vom „Ritualmord" verdamnit, aber Baxa weiß alles besser, er straft Gelehrte und Fürsten und Päpste Lügen. Herrlich weit haben wir es gebracht, wir Juden. Das ganze Mittelalter rollte Baxa vor uns auf, und nun verstehen wir so recht den Inhalt unserer alten Selichot. Also hinter Hilsner, hinter diesem Tagedieb steht das ganze Judenthum. Glaubt dies der Herr Baxa wirklich? Das arme, verhöhlite und verspottete, von Renegaten gelästerte und von herzlosen und boshaften und dummen sogeiiannten Gebildeten, Halbgebildeten und Ungebildeten verfolgte Judenthum wehrt sich nur seiner Haut, Hilsner aber geht uns garnichts an, Herr „Rechtsanwalt" Baxa! Wir wissen nicht, ob jerier Taugenichts, der keine Erziehung genossen, der dem Herrgott die Tage lvegstahl, die verruchten Mordthaten ausgeführt hat. Aber eines wissen wir! Aus den so widersprechenden Zeugenaussagen von Dienstmädchen, Kerkerzellengenossen, und anderen interessanten dunklen Ehrenmännern, aus den Aussagen des erschrecklich weit sehenden Peschak und des „wahrheitsliebenden", sich selbst bestätigenden und Beifall spendenden Kerkermeisters Miffek hat sich seine Schuld nicht ergeben. Die keusche Susanna konnte auch nicht verurtheilt werden, denn einer der alten Sünder sagte, sie habe ihr Verbrechen unter einer Eiche, der Andere behauptete, sie habe es unter einem Mastixbaume verübt. Da war der alte Richter Daniel gerechter, er konnte nicht verurtheilen auf widersprechende Zeugenaussagen hin. „Bedenket wohl, was Ihr thnet," sprach der alte König Zidkijäh zu den levitischen Richtern, „nicht für Menschen, sondern für Gott richtet Ihr, sein ist das Recht." — Wer aber hätte daran zweifeln können, daß die tschechischen Geschworenen, diesen Lo-eliefez Hilsner verurtheilen werden? Auf sie wirkte ein unerhörter Terrorismus von Seite der großen und dummen Pöbelmasse. Der Herr Pevny, Vertreter der Familie Klima, will sagen, zweiter Vertreter Aller in „Ritnalmord" machenden, meinte mit augenverdrehender Frömmelei: „Volkesstimme ist Gottesstimme," wir aber sagen, hier war das, was Pevny und Baxa als „Gottesstimme" hinstellten, die Stimme eines durch Haß, Lieblosigkeit und atavistischen Aberglauben, durch die Erregung der ärgsten thierischen Instinkte zu den furchtbarsten Ausschreitungen bereiten rohen Pöbels. Hinter Hilsner steht das Judenthum nicht, aber durch diesen Hilsner, durch die Mordthat, deren man ihn schuldig erklärte, haben wir Juden furchtbar zu leiden, und noch unsere Kinder werden darunter zu leiden haben. Wundert ihr euch, wenn die Chinesen — dafür sind .sie ja Chinesen — sich der fremden, ihnen aufgedrängten „Kultur" der christlichen Völker erwehren, der Kultur, welche uns glücklich bis nach Polua und Knttenberg und Könitz gebracht hat? Es wäre aber traurig, wenn wir nicht aus den Ereignissen der letzten Wochen lernten. Alles schweigt, alles ist gleichsam todt, wenn der rohe Antisemitismus wieder einmal auf die Tagesordnung gesetzt ist. Das ist heute entschieden das aktuellste und interessanteste Thema geworden. Lernet daraus, jüdische Brüder. Lasset doch endlich einmal die Streitigkeiten im eigenen Lager, das sich Befehden und sich gegenseitig Vernichten. Was nutzen uns Orthodoxe oder Reformirte oder Zionisten oder Nationale; Juden müssen wir sein, ausgerüstet mit dem ganzen Selbstbewußtseiu einer stolzen Nation, die dem Feinde^kühn die Stirne bietet. Die Zeit ist gekommen, welche von Jedem von uns verlangen wird, offen und ehrlich zu bekennen: Gehörst Du uns an oder unseren Gegnern?" Wir haben diese Zeit nicht herbeigeführt, wir wollten den Frieden, aber der Krieg wurde uns aufgedrängt. Da gilt es, tapfere Männer auszuwählen und in den Kampf zu senden. Es nahen nun die Tage der Wahlen in die Kultusvorstände. Nur solche Männer müssen wir wählen, die das Herz auf dem rechten Flecke haben, nicht Phrasendrescher, denen vielleicht das Judenthum Mittel zum Zwecke, aber nicht Selbstzweck ist, Männer müssen wir wählen, die bereit sind, sür die bedrohten Interessen des Judenthums einzustehen, die seine Noth kennen und bereit sind, sie nüt Opfermuth und Opferwilligkeit zu beseitigen. Eine ernste Zeit ist's, diese Zeit der Hilsner- und Konitzprozesse. Aber vielleicht liegt für uns in dieser Zeit eine heilsame Lehre. Beherzigen wir sie, und daun wird sich wohl wie schon so oft an uns erfüllen die Wahrheit: daß die Schule des Leides uns geführt in das noch so ferne liegende gelobte Land einerbesseren Zeit. Iwri.