Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-30 · Heft 48 (30.11.1900) · p. Seite 571

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 48 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
Seite 571 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228414--57047-3293398
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

571 „Propheten", das die Ergebnisse der Forschung in angemessener Weise für den Unterricht nutzbar macht. Man empfiehlt aber als Rabbiner — bei allem Respekt vor den Leistungen unparteiischer Geschichtsschreibung — nicht gern christliche Bücher zur Vorbereitung für den jüdischen Religionsunterricht, schon wegen der schiefen Benrtheilung, die sich manche Epoche der biblischen Zeit aus christologischen Rücksichten gefallen taffen muß. Weit beschämender als dieser Mangel an geeigneten Darstellungen der biblischen Geschichte und Religion ist indeß das Fehlen jeglicher Systematik. Haben wir ein einziges Werk, das die jüdische Glaubens- und Sittenlehre nach Schrift, Tradition und Bewußtsein der Gegenwart erschöpfend und Zusammenfassend darstellt? Wir Theologen spüreil ja die Noth am eigenen Leibe: wir müssen, wenn wir ins Amt treten, uns mühsam besinnen auf die Quintessenz unserer Anschauungen, sie nothdürftig in ein System bringen, um lehren zu können. Lazarus' „Ethik", die einem tiefgefühlten Bedürfniß entgegenkam, behandelt leider vorläufig nur die prinzipiellen Fragen; ans die einzelnen Thatsachen des sittlichen Lebens geht sie noch nicht ein. Es wäre endlich an der Zeit, daß jüdische Theologen, Männer der Wissenschaft nub der Praxis, das Jndenthum, das in uns und ihnen lebt, zmn Gegenstand einer systematischen Darlegung machten, damit das Schwanken und Tasten, an dem unsere Zeit krankt, dem Gefühl wohlbegründeter Sicherheit weicht. Der Vorschlag, auf welchen diese Sätze Hinauslaufell, Klärilng des jüdischen Belvnßtseins der Gegenwart, hat im Vergleich mit anderen Vorschlägen, die in der jüngsten Zeit geinacht sind, den einen Nachtheil, daß er die augenblicklichen, aktuellen Bedürfnisse der Judenheit unberücksichtigt läßt. Aber Krankheiten wollen nicht symptoulatisch knrirt sein, nlan muß die Wurzel des Nebels erkennen. Und die Wurzel des Nebels ist die Unwissenheit, vornehmlich in unseren gebildeten Kreisen. Indische Oberlehrer an den höheren Lehranstalten Preußens. fie Leser dieser Zeitung werden sich erinnern, daß vor kurzem der Erfurter Realgymnasialdirektor Professor Dr. Zange gegen die Anstellung jüdischer Lehrer an den höheren Schulen Einspruch erhoben hat, weil er meinte, daß mu', wenn die Lehrer gewissenseins seien, wenn sie dieselbe Grundauffassung von den natürlichen, menschlichen und göttlichen Dingen hatten, für die Charakterbildmlg der Schüler in der richtigen Weise gesorgt werden könnte. Er forderte daher Christen als Lehrer an einer christlichen Erziehungsschule und Juden als Lehrer und Erzieher von Judenkindern. Selbst in dem Falle, daß eine Schule von Kindern verschiedenen Glaubens besucht werde, würde für die Charakterbildung aller Kinder, auch der in der Minderheit befindlichen, besser gesorgt fein, wenn die Lehrer gewissens- und glanbenseins seien als in der konfessionslosen Simultanschule. Wenn jene Einheit der Grundauffassllllg über Menschliches und Göttliches nirr in irgend einenr Lehrerkollegium vorhanden lväre! Muß deshalb die Charakterbildung der Zöglinge teiben? Hängt denn die erziehliche Einwirkung, die der Lehrer aus sie ausübt, nur davon ab, daß er auf ein bestimmtes Dogum schwört, und nicht vielmehr davon, daß er eine achtunggebietende Persönlichkeit ist? Und kann sich hierzu nicht auch ein Jude entwickeln? Das wird wohl auch Zange nicht behaupteil wollen. Wir lvisseil, daß die an jüdischen Schulerl angestellterr christlichen Lehrer, die ja an solchen ureift irr größerer Zahl vorhanden sind als dem Prozentsatz der christlichen Schüler entspricht, durchaus keinen ungünstigen Einfluß auf die Charakterentwicklung der jüdischen Zöglinge ausgeübt haben. Wir zweifelrl ebenso wenig dararr, daß sich die jüdischen Lehrer an den christlichen Schulen nicht schlechter bewährt haben. Sonst rvürde wohl die Stadt Berlin, an deren Schulerr im vorigen Jahre 25 jüdische Oberlehrer (darunter sechs Prosessoren) wirkten, im Lause dieses Jahres nicht noch sechs angestellt haben. Außerdenr giebt es in Berlin noch einen jüdischen Oberlehrer an einem königlichen Gymnasium. Außerhalb Berlins stößt bekanntlich die Allstellnug der Jllden noch immer auf große Schwierigkeiten. In der Provinz Brandenburg ist 1 (Frankfurt a. O.), in Westpreußen 3 (darunter 1 Professor), Posen 5 (darunter 1 Professor), Schlesien 8 (darunter 4 Professoren, 2 Professoren und 2 Oberlehrer allein am Johanllesgymnasium in Breslau), Sachsen 1 (Magdeburg), Hessen-Nassau 21 (5 Professoren, 4 Professoren und 13 Oberlehrer von diesem sind an den beiden jüdischen höheren Schulen, dem Philanthropiir und der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft angestellt, die übrigen 4 an Frankfurter städtischen Schuten). In den übrigen preußischen Provinzen giebt es überhaupt keine jüdischen Lehrer an höheren Schulen, und nur Ostpreußen hat noch einen jüdischen Hilfslehrer, während es in den anderen Provinzen für einen Juden kaum möglich sein dürfte, auch nur zur Ableistung seines Seminarjahres zngelaffen zu werden. Im ganzen zählen wir also 71 Oberlehrer (gegen 62 int vergangenen Jahre). Jüdische Hilfslehrer an höheren Schulen giebt es außer jenem Einen in Ostpreußen noch 14 in Brandenburg, außerdem 2 Probanden und 5 Seminarmitglieder in Brandenburg, 1 Proband und 2 Seminarmitglieder in Hessen-Nassau. Ein paar Hilfslehrer, die zwar noch in beit offiziellen Listen geführt werden, aber in keiner Beziehung zu einer höheren Schule stehen, finb hierbei nicht mitgezählt. Daß trotz dieser etwas besseren Aussichten keinem Juden, der nicht mit Glücksgütern reich gesegnet ist, zu rathen ist, sich dem Studium der Philologie oder der exakten Wissenschaften zu widmen, ist selbstverständlich. Auch in dem allergünstigsten Falle wird ein Jude Jahre lang auf Anstellung warten müssen, während christliche Schnlamtskandidaten, die die Befähigung zürn Unterricht in ben neueren Sprachen oder in der Mathematik besitzen, sofort nach Ableistung des Probejahres, oft sogar schon früher, als Oberlehrer angestellt werden. M. G. Brief aus Oesterreich. Mitte November HM). r ist also wieder, und zwar in Pisek jetzt, zum Tode verurtheilt worden. Man weiß schon wer, der Leopold Hilsner ist's, der moderne Herostrat, dessen Vater Glicht einmal Jude gewesen, und hinter dem angeblich das ganze Judenthum steht; so sagen es nämlich die zwei tschechischen „Rechtsanwälte": Baxa und Pevny, ein edles tschechisches

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.