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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-30 · Heft 48 (30.11.1900) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 48 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
Seite 570 (sequence 8)
Language
German
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570 Ich meine, der schlimmste Feind ist die Unwissenheit, und zwar die Unwissenheit unserer gebildeten jüdischen Kreise. Die Unkenntniß der christlichen Bevölkerung, die anläßlich der Konitzer Affäre wieder einmal erschreckend deutlich zu Tage trat, gehört nicht hierher, sie steht auf einem anderen Blatt und ist vorläufig für m:£ unerreichbar. Aber wer sind denn die Matten und die Halben, die wie Benedietns Levita keinen Ausweg finden zwischen der moderner: Kultur und den:, was sie Judenthum nennen! Die, während sie für sich noch einer: Nest von Ehrlichkeit in Anspruch nehmen, auf den schmählichen Einfall gerathen, durch die Taufe ihrer Kinder jeder: Widerstreit allmälig aus der Welt zu schaffer:! Es rväre eilte thörichte Selbstbeschwiehtignng, wollten wir sie welke Blätter nennen, die unbedingt absallen müssen, rvenr: der uralte Stamm des Judenthums neue Sprossen ansetzen soll; sie selber sind die jungen Sprossen, und daß sie solch häßliche Blüthen treiben, daran sind wir nicht so ganz schuldlos. Dieser mit der Bildurrg unserer Zeit gesättigte Nachwuchs, vielfach der Stolz und die Hoffnung ihrer Familien, steht dem Juderrthum widerwillig und feindlich gegenüber, rveil er es nur in abschreckender Gestalt kennen gelernt hat. Diese Akademiker sind verbildet, und wir Theologen sind zum Theil dafür verantwortlich: als sie da* Gymnasium besuchten, lernten sie zwar griechischen und römischen Geist schätzen und würdige::, aber wer war da, um sie tu die jüdische Gedankenwelt einzuführen! Und während sie sich gewöhnten, das Leben und seine Bedeutung von höheren Gesichtspunkten aus zu betrachten, wer Lehrte sie die Religion erkennen als eine Lebensmacht von höchster Bedeutung, als die vornehmste Aeußerung der rnenschlichen Seele! Was sie von Zeit zu Zeit beim Besuch des Gotteshauses sahen, die äußerliche Bethätigung des Kultus, war vielfach nicht dazu angethan, ihre Begeisterung zu entflamrnen; den polemischen Bemerkungen, die ab und zu den Unterricht ihrer christlichen Lehrer würzten, waren sie ebensowenig gewachsen wie den hochmüthigeu Abkanzelungen, welche sich die jüdische Lehre in der Tageslitteratur noch immer wehrlos gefallen lassen muß. Ist es da zu verwundern, daß die Heranwachsende Jugend allrnälig in eine schiefe Stellung gerieth, daß nur die Wenigen, die aus dem Elternhanse einen starken Fonds an Wissen u::d Pietät mitgebracht hatten, fest und standhaft blieben? Es muß endlich einmal gesagt werden, der Religionsunterricht aus den höheren Schulen liegt im argen. Früher eristirte er nicht und heute ist er wenig werth. Geradezu beschämend ist zunächst die geringe Stundenzahl, mit der man ein so wichtiges Gebiet abthun will. Seit einigen Jahren verfolge ich die Progrannne der höheren Lehranstalten Deutschlands und lese nicht selten, daß die Prinm, Sekunda, Tertia kombmirt mit einer Stunde wöchentlich abgespeist werden. Es mag sein, daß meine Kollegen, die den Religionsunterricht ertheilen, durch die vielfachen Anforderungen ihres Amtes so sehr in Anspruch genommen sind, daß sie nicht mehr Zeit für diese unerläßlichste aller Pflichten gewinnen können. Kärne ihnen die Unerläßlichkeit mehr zum Bewußtsein, so würden sie vielleicht auf die Theilnahme an der Sitzung irgend eines Wohlthätigkeitskomitees oder auf die regelmäßige Durchführung ihrer Lieblingslektüre verzichten und sich die Jugend rechtzeitig sichern. Sodann ist die Auswahl der Gegenstände, die in den: Unterricht behandelt werden, häufig eine recht unglückliche. Das Uebersetzen aus den: Gebetbuch und der heiligen Schrift ist ja an sich ganz nützlich und nothweudig, aber es gehört meines Erachtens in die Religionsschule, die für die Theilnahme am Gottesdienst vorbereitet; der Primaner, der eben anfängt nachzudenken und den Dingen einen Sinn unterzulegen, will ganz etwas anderes, er will befruchtet werden mit lebendigen Ideen, er will einen Wegweiser haben in dem Jrrsal der auf ihn einstürmenden Eindrücke. Hier kann nur helfen: ein Geschichtsunterricht, der, das Nebensächliche vom Bedeutsau:en scheidend, die richtige Erkenntniß der Aufgaben der Gegenwart vorbereitet, — und eine systematische Darlegung unserer Glaubens- und Sittenlehre, die tief hineingreift in das innerste Fühlen und Denken der jungen Gemüther. Man zeige, wie die Religion eine Antwort giebt auf die tiefsten Fragen des menschlichen Geistes, man zeige, wie die jüdische Ethik ein schönes, kräftiges, reines Leben ermöglicht, und man wird nicht umsonst sprechen. Man zeige, wie unsere Väter Jahrhrutderte lang um ihres Glaubens willen den schwersten Druck geduldig ertragen haben, wie sie langsan: sich die Freiheit erkämpften, wie sie im Druck und in der Freiheit den Blick sich bewahrten für alles Große und Edle, und das ungeduldige Drängen unserer Jugend nach Aemtern und Ehrenstellen, das später jo oft zun: Abfall führt, wird einen: besonnenen Maßhalten Platz machen. Ich sagte, die Rabbiner sollten sich für eine Ausgestaltung des Religionsunterrichts nach dieser Richtung hin u:ehr Zeit nehmen, und ich bin in der That der Ansicht, daß der Theologe, der sein ganzes Leben der Förderung und Weiterbildung des Judenthums gewidmet hat, der in der Aufgabe lebt und athmet, der geeignetste Religionslehrer ist. Aber ich begrüße auch diejenigen Herren herzlich als Mitarbeiter, welche in ihrer Eigenschaft als Gymnasiallehrer neben den: Unterricht in den Sprachen oder der Mathematik der religiösen Unterweisung ihre Kräfte leihen. Und daß dies mehr und besser als bisher geschehe, dafür sorgen jetzt die von: deutsch-israelitischen Geu:eindebund eingerichteten Kurse für Studirende, die sich dem höheren Lehramt widmen, in dankenswerther Weise. Schlimm dagegen liegen die Verhältnisse in den kleinen Städten, wo kein Rabbiner wirkt und die geringe Zahl jüdischer Schüler die Anstellung eines Lehrers gleichen Bekenntnisses nicht erforderlich macht: hier wird der Nachwuchs in der Reget ein Wildwnchs. Denn der Kantor oder Kultusbeamte, der die Knaben bis zur Barmizwa vorbereitet, ist selten in der Lage, den gesteigerten geistigen Ansprüchen der oberen Gymnasialklassen zu genügen, auch giebt ihn: seine Stellung selten den Einfluß, der erforderlich ist, um auf erwachsene Me::schen moralisch einwirken zu können. Doch es wäre ungerecht, wollten wir die Verhältnisse und den geringeren Bildungsgrad mancher Kantoren und Lehrer für diese Schäden allein verantwortlich machen. Mir sind viele achtuugswerthe Männer bekanntste nach erfolgreichem Seminarbesuch das aufrichtige Streben hatten, ihr religiöses Wiffen zu erweitern und zu vertiefen. Aber es fehlte an geeigneten Schriften, die sie Hütten zur Hand nehmen können; ich gestehe, daß ich jedesmal in Verlegenheit gekommen bin, wenn ich um Empfehlung der einschlägigen Litteratur angegangen wurde. Man kann doch nicht von Jedem verlangen, daß er zu de:: Quellen hinabsteige und sich aus eindringendem Studium der Bibel und des Talmud eine gefestigte Ansicht bilde. Und die wissenschaftliche Behandlung der heiligen Schrift haben uns die evangelischen Theologen längst aus den Händen genommen; nur ganz vereinzelt erscheint einmal ein Buch wie Tachan's

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