Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-30 · Heft 48 (30.11.1900) · p. Seite 569

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 48 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
Seite 569 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228414--57045-3293396
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

569 sein kräftiger Verstand nöthigten auch den politischen Gegnern vollste Achtung ab. In ihrer Adresse, die sie bereits zum 50jährigen Dienstjubiläum durch Herrn Geheimen Oberregierungsrath Spinola überreichen ließ, rühmt die „Freie Fraktion der Stadtverordneten" den Jubilar „als Muster an Pflichttreue und edler liberaler Gesinnung, als Bürger und als Menschen von höchster Integrität". Möchte es dem wackeren Jubilar, der augenblicklich leider nicht frei von körper^ lichem Ungemach ist und deshalb erst im Januar seine volle Thätigkeit wieder anfzunehmen gedenkt, beschieden sein, noch eine weite Wegstrecke rüstig und den Nachstrebenden ein treuer Führer weiter zu wandeln! Die Feier des Geburtstages gestaltete sich zu einem sehr harmonischen Feste und brachte denl Jubilar eine Reihe glänzender Ehrenbezeugungen, obwohl mit Rücksicht auf das Befinden desselben die offiziellen Empfänge auf ein Mindestmaß beschränkt worden waren. Nachdem am frühen Morgen die zahlreichen Familienangehörigen dem von ihnen hochverehrten Jnbilare ihre Glückwünsche dargebracht und außer einer kostbaren Fülle voll Blumenarrangements einige recht sinnige Gaben — so eine photographische Darstellung des Familienstammbaunis — überreicht hatten, erschienen zuerst namens der Berliner Stadtverordnetenversammlung der Vorsteher derselben Dr. L a u g e r h a u § und der Vorsteherstellvertreter Mi ch el e t, um ihrem Danke für die ersprießliche Thätigkeit des Jubilars im kommunalen Leben Allsdruck 311 geben. Der Deputation des Rabbinats. welches die Rabbiller Dr. Maybaum und No seil zweig vertraten, schloß sich der Vorstand der hiesigen jüdischeil Gemeinde an, als dessell Vertreter der stellvertretende Vorsitzende Julius Jaeoby, Rechtsanwalt Lilie nthal und Martiil Silnou erschienen. In einer überaus herzlichen Ansprache gedachte der Sprecher der Abordnung, Herr Jacobh, der großen Verdienste, die sich der Jubilar um die innere Entwickelung und äußere Gleichberechtigullg der Genieinde erworben und überreichte namens der Anitsgenossen ini! Vorstand eine Adresse. In derselben lvird hervorgehoben, daß der! Jubilar nicht mit in seinem engeren Berufe treu und erfolgreich gearbeitet, sondern auch ans allen Gebieten der öffentlichen Wohlfahrt als ein Anwalt des Rechts seine Thatkraft in den Dienst des Gesaiitmtwohles gestellt habe. „Doch inmitten dieses umfassenden Schaffens — so heißt es darin weiter — war es eine Arbeit, zu welcher das Herz Sie allezeit trieb, das war die Thätigkeit im Ehrendienste der jüdischen Gemeinde, ein Erbtheil Ihrer Väter. Mit aufrichtiger Genngthullng erfüllt es uns, bei diesem heiligen Dienste Ihre Mitarbeiter 31t sein, gemeinsam mit Ihnen für den gleich erhabenen Zweck 31t wirken. Mannigfach sind auch in unserem Kreise die Arbeitsanfgaben. Sie haben mit weiser Kenntlliß der Dinge wie der Person einem Jeden den rechten Platz angewiesen und ihm die Arbeit zugetheilt, die seiner Neigung lvie seiner besonderen Befähigung eut-- spricht. Inmitten aller Besonderheiten aber haben Sie stets die Einheitlichkeit unserer Körperschaft hochznhalten gewußt und auf der Fahne, die Sie als unser Führer uns vorantrugen, lenchteten die Wore: Eintracht und Wohlthätigkcit. Die Einigkeit zu erhalten auf allen Wegen, selbst bei Ungleichheit der Meinungen, und dem milden Herzen sein Recht werden zu lassen innerhalb des Gesetzes, das war der Weg, auf dem wir Ihnen jeder Zeit gern gefolgt sind." Als Zeichen der „Erinnerung an den heutigen Tag, zum erhebenden Bewußtsein und zur Nacheiferung für Kinder und Kindeskinder" widmete der Vorstand eine kostbare, in Silber getriebene, auf einer Ebenholzplatte befindliche Votivtafel, aus deren Mitte die Gestalt des Moses hervorragt, die zu beibeu Seiten von einer allegorischen Darstellung der Eintracht und Wohlthätigkeit umrahmt wird. Für die Nepräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde erschienen die zeitigen Vorsitzenden, die Herren Louis Sachs, Leonhard Sachs, Gustav Löwenberg und der Schriftführer Willibald Löwenthal und überreichten außer dem Geschenke zweier Palmen eine gedruckte Adresse. „Mit voller Befriedigung — so lautet dieselbe — und berechtigter Genugthuung dürfen Sie an den, Markstein des Lebens, an den Sie heute nach vollendetem 70. Lebensjahre gelangt sind, auf eine arbeitsreiche Vergangenheit zurückblicken. Viele Jahrzehnte haben Sie im Dienste der größten Gemeinde Deutschlands gewirkt und unbestrittene Erfolge erreicht, die weit über die Grenzen unserer Vaterstadt hinaus gekannt und anerkannt werden. | Vor Jahrzehnten in die Gemeindeverwaltung berufen und seit 17 Jahren Vorsitzender des Gemeindevorstandes haben Sie mit selbstloser Hingebung, mit weitem Ausblick und durchdringendem Scharfblick ihres verantwortungsvollen Amtes treu gewaltet. Sie haben aus dem großen Schatze ihrer Erfahrung das gedacht, gefunden und vertreten, was für die ganze Gemeinde förderlich und segensreich war. Ihr Blick war bei der Erwägung und Benrtheilnng des Einzelnen und Kleinen stets auf das Ganze und Große gerichtet. Deshalb ist die Hoffnung, welche die Repräsentantenversannnlung an Ihre Wahl und Wiederwahl geknüpft hat, in Erfüllung gegangen. Sie haben durch Förderung unserer Wohlthätigkeitsanstalten und religiösen Einrichtungen, durch Gerechtigkeit und Milde sich die Anerkennung aller Wohlwollenden ernwrben. In eitlem Alter, in tvelchetn Sie nach eitlem Leben voll Arbeit und Mühe sich wohlverdienter Ruhe hiugeben konnten, haben Sie bis auf den hentigen Tag in der vordersten Reihe für Ihre Glanbettsgenosserl und Mitbürger geivirkt, ein Vorbild an Mannestreue, Kraft und Hingebtlng." Attch die vereinigten Synagogen-- vorstände, ttamens deren Herr Leonhard Sachs sprach, glaubten lticht fehlen zu dürfen, wenn es gilt, dem Führer der jüdischen Gemeinde Ehrnngett darznbringen. der nach besten Kräften cm der idealen Verpflichtung für das Gesannntleben der Gemeinde mitgewirkt, die uns in dem Worte ans der Väter Weisheitsschatz überkontrnen ist: „Auf drei Dingen beruht die Welt, ans der Lehre, auf dem Gottesdienste und der werkthätigen Liebe." In der von beit Vorn ändert überreichten Adresse lvird mit sreridiger Dankbarkeit der gerecbterl Verdienste des Jubilars um die Hebung der gottesdiensilichelt Feier gedacht, und das strenge Gerechtigkeitsgefühl rühmend hervorgehoben. ans dern der Jubilar, der Vorkämpfer des lltodernen Gottesdielistes, die altehrwnrdige Gebetordnnng in dem ältesten Heiligthume nicht angetastet wissen wollte, sondern an ihrer feierlichsteit und würdigsten Ansgestaltllng rnitgearbeitet hat. Mit ttnseren Jungen, aber auch mit unseren Alten wollen um' ziehen - das sei. lvie die des größten Führers in Israel, auch seine Richtsclnrur gewesell. Die Adresse klingt in den Wullsch aus, den die Heilige Schrift dern Gottesntanlie Mose loibmet: „Nicht ward trübe lein An ge und lticht ntatt seine Kraft." Die Glückwünsche der Reformgetneinde überbrachte der zeitige Vorsitzende Herr Dl u b 0 lf M 0 sse und der Prediger Dr. L ev i tt, die des Talmnd-Th0ra-V0rstaltdes Geheimer Sanitätsrath Dr. Abraham, welcher dankbar des Widerstalldes gedachte, ben der Jubilar dem utehrfach geäußerten Verlattgett nach Aushebung der jüdischen Gemeindeschule, die er für ntanche Klasseit der jüdischen Bevölkertntg für unentbehrlich hielt, entgegengesetzt hatte. Für sämnitliche ^Beamte der jüdischen Gemeinde grattllirte der Generalsekretär Arnold Budwig. Attch die jüdische Neligionsgemeinde zu Eharlottelibnrg dankte in einer Adresse, welche Stadtrath Dr. Edel und Rechtsanwalt Friedl ä it d e r überbrachten, für die rege Unterstützung, die der Jllbilar ihr hatte ztl Theil lverden lassen. Die Fraktioll der Linkeit der Stadtverordnetenversammlung hatte die Stadtverordneteil Direktor Dr. G e r st e tl b e r g tinb Jnstizrath E a s s e l abgeordnet und ließ „ihren! hochverdienten nub sehr verehrten langjährigen Vorsitzenden" einen künstlerisch ansgesührten. in Silber t^etriebenen Tafelaufsatz mit den Figuren der Verolitta itud der Justitia überreichett. Alls der Schaar der zahlreichen Verehrer lind Frenltde erschienen ztir persönlichen Beglückwültschnng u. A. noch Oberbürgermeister Tr. K i r s ch n e r , Sanitätsrath Netlmnttn. Stadtverordneter Heil mann. Direktor I n t r 0 s i tt s k i. Professor I a m e s I s r a e L Volt nah und fern toarelt anßerdein Glückwünsche und Depeschen in überreicher Zahl zur Feier eingegatlgen. Möge es dem allgemein verehrten Manne noch lange beschiedetl sein, Ztim Heile tntserer Stadt unb unserer Gemeinde segensreich zu wirkett! Auch ein Vorschlag. Von Rabbiner Dr. Hoch selb in Frankfurt a. O. frei Dinge haben in den letzten Wochen die jüdischen Zeitungelt ernstlich beschäftigt: die Vorgänge in Könitz, der deutsche Judentag m:d der Artikel von Benedietus Levita in den „Preußischelt Jahrbüchern". Berufene und rulberufene Stimmen haben sich erhoben und laut gemahnt, daß etwas geschehen müsse: die Unsicherheit und Zweideutigkeit, unter der wir leben, soll aufhören, Klarheit soll geschaffen werden, Würde und Entschiedenheit sollen der unrühntlichen Geduld ein Ende machen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.