Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- Seite 568 (sequence 6)
- Language
- German
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568 Heeres ausgenommen, nun der kameradschaftliche Geist auch den Ausschlag^geben und ihnen gegenüber wenigstens die Stimme des Rassenhasses zum Schweiger: bringen werde. Das Gegenthei! annehmen, hieb in der That eine Verleugnung der Kameradschaft für möglich halten, die eine Art Verrath war. Nun, die französischen Juden haben sich getäuscht. Das Heer öffnete ihnen zwar den Frontdienst, als aber der erste Jude in den Generalstab eiiitrcit, Drehfus, wurde er ein Opfer des Antisemitismus seiner Kameraden, nicht obwohl er ein Offizier, sondern eben weil er Offizier war. Und jetzt, da es sich darum handelt, einen jüdischen Offizier dem Lehrkörper einer der höheren Militärschulen einzuverleiben, die der im Heere zur Herrschaft gelangte klerikale Kastengeist ebenso als seine ausschließliche Domäne für sich und seine Günstlinge in Beschlag genonnnen hat, wie er bis vor kurzem ben Generalstab als seine Domäne vor jedem nicht gesinnungstreuen Eindringling hütete, macht derselbe Geist mit allen seinen Hilsstrnppen wieder:::»: mobil, in» die Bresche, die der Kriegsminister Andre auch in diese seine Feste gelegt, zn vertheidigen. Von Kameradschaft keine Spur mehr. Man duldet den jüdischer: Offizier in der Front, aber darüber hinaus tritt ihln dieser nationalistischklerikale Kastengeist, dern Bruuetiere die Formel gab „Frankreich ist der Katholizismus und der Katholizismus ist Frankreich", in der vollen Solidarität seiner militärischen und bürgerlicher: Elemente entgegen- Die gesummte nationalistische lind klerikale Presse tritt auf die Seite des ersten besten Enlporköuuulings, der den bisher ihm persönlich gänzlich unbekannten jüdischen Offizier öffentlich beleidigte, und seine Kameraden von Fontainebleau. weit entfernt davon, diese in ihrer Gegenwart erfolgte beleidigende Zurückweisung ihres Kameraden durch den bürgerlichen Zuckermillionär mitzuempfinden, murren vielmehr gegen den Kriegsminister, der ihnen durch das Verbot fernerer Theilnahme an den Jagden Lebaudhs das Gefühl der kameradschaftlichen Solidarität zum Bewußtsein bringen will. Es ist eben für den jüdischen Offizier nicht da. und Erlasse und Verordnungen schaffen es nicht. Nur eine Ausnahme macht diese klerikal-nationalistische Gesellschaft in ihren, Antisenlitisnms, und eine Ausnahme, wobei ihre Spitzen, der alte Feudaladel des Fanbonrg Saint-Gerniain, bis zn seinen glänzendsten Namen hinauf, mit leuchtenden Beispielen voraugehtgegenüber den Jüdinnen. Vor einiger Zeit ging eine Reihe von Namen durch die französische Presse, die nach der Formel Brunetiares das „allerchristliche" katholische Frankreich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vertreten. deren altadlige Hoffnung indes aus der Verbindung mit Jüdinnen beruht. Danach rollt das Blut von Töchtern des alten Testaments, als da geheißen haben Rothschild. Furtado. Heine, Mirös, Oppenheim, Hertz. Jacob, Heilbronn, Cahen. Löwenheim. Euldenheinl. Erard, Sina. Klein. Haber n. s. w., in den künftigen, znm Theil schon gegenwärtigen Stammhaltern der fürstlichen Häuser Ligne, Wagram. Delta Roca, Lnciuge-Fancignh, Murat, Polignac, der herzoglichen Familien Richelieu, Laronche-Foucanld. Elchingen. Etampes, Gramont, Rivoli, Fitz-James, Eastries. der Margnise de Plancy. Salignae- Fönelon, Breteuil, Nochechonart. Thillis, St. Jean de Lentillac, Grouchh. Noailles, der Grafen d'Harcourt, de Kerjögu, Legrand de Villers u. s. w. Freilich hatten die Trägerinnen jener Nauien alle einen gemeir:san:er: Vorzug für ihre Verheirathnng. nämlich eine schivergefüllte Börse. Und das war ein Vorzug, der sie würdig machte, den ältesten Ahnen beigereiht zu werden, mochte auch vielleicht der Großvater noch mit alten Hosen in der Jndengasse von Frankfurt gehandelt lchben." * Von einem englischen Protest gegen die Blutbeschuldigung weiß das Journal „The Tadlet" 311 berichten. Das Blatt schreibt: Die Nachricht, daß in Belgien sich ein Komitee gebildet hat, um beün Papst um den Erlaß eines Verdmnmuugsurtheils wider den Antisemitismus, speziell aber wider die Blutbeschuldigung' zu petitiouiren, wird in England alle Diejenigen interessiren, welche vor wenigen Monaten an den Papst eine ähnliche Bitte gerichtet haben. An der Spitze der Bewegung stand der Oberst-Richter von England, der Lord Russell os Killowen. Dieser edle und ideale Mann, der gleichzeitig der höchste Richter und der gerechteste Mann Oou England war, nahm ein lebhaftes Interesse an jener Petition, welche auch die einflußreiche Unterschrift des Kardinal - Erzbischofs trug. Der Erfolg der Bittschrift ist nicht bekannt geworden, allein kurz vor seinem Hinscheiden hat Lord Russell vom Kardinal Rcunpolla ein überaus herzlich gehaltenes Schreiben erhalten, worin dieser ihm versprach, die Bittschrift Papst Leo XIII. persönlich vorlegen zu wollen. Aus der Berliner Gemeinde. 8. Berlin, 22. November. er Vorsitzende unseres Gemeindevorstandes, Herr Justizrath Siegmund Meyer, beging heute das Fest seines 70. Geburtstages. War die Feier des fünfzigjährigen Jubiläums im Dienste der preußischen Justiz, das der Jubilar erst vor wenigen Tagen begehen konnte, mehr den engeren Berufsgenossen Vorbehalten, so konilten heute alle die übrigen Institutionen ihren Tribut darbringeu, in dessen Dienst der Gefeierte mit vollster Hingebung seine reichen Geistesgaben und seine nimmer rastende Arbeitskraft gestellt hatte. Besonders die jüdische Gemeinde hatte heute Veranlassung, den Zoll ihres Dankes den: Manne abzustatten, dessen gesegnete Wirksamkeit hundertfältig in ihre weitverzweigte Verwaltung eingemündet hat, der es in mehr als dreißigjähriger ununterbrochener Thätigkeit verstanden hat, mit Vorsicht und Takt, aber auch mit ruhiger Klarheit und großer Entschiedenheit die Gegensätze in der so heterogeneil Gemeinde zu mildern und alle jene Klippen zu vernieiden. die, tuie z. B. das Austrittsgesetz von 1876 und die antisemitische Bewegung, dem Bestände der Gemeinde hätten gefahrdrohend werden können. In beit verschiedensten Zweigen der Verwaltlwg wirkte er fördernd und anregend; vor allem brachte er in gerechter und zielbewußter Weise den Synagogen llnd der Schule seine Fürsorge entgegen. Wie er mit großer Schonlmg die Forderungen der am Traditionellen noch festhaltendeil Mitglieder berücksichtigte, so kämpfte er andererseits auf religiösem Gebiete gemäß seiner imligsten Ueberzeugung für die fortschrittliche Entwickelung der Gemeinde. Während seiner Amtsführung wurde die Synagoge in der Kaiserstraße eingerichtet, die alte Synagoge nmgebaut, zwei neue Synagogeli — in der Lindenstraße und Lützowstraße — errichtet; der Bau einer sechsten Synagoge dürfte voraussichtlich im nächsten Jahre begonilen werden. Jll llachdrücklichster Weise wurde für die Vermehrung der Festgottesdienste zu den hohen Feiertagen gesorgt, für die Jugend wurdell zwei Gottesdienste veranstaltet. Die Zahl der Religionsschulen ist um drei neue vergrößert worden, und in besollders dankbarer Weise ist die unter der Führung des Jubilars geübte Thätigkeit des Vorstandes zu begrüße»:, daß nunmehr all den imiften höheren und niederen öffentlichen Schulen, in »velchen eine genügende Anzahl jüdischer Schüler vorhanden war, der Religionsunterricht im Rahmen der Schule oder im Anschluß an dieselbe ertheilt wird. Auf Grund der Kenntnisse, die der Jubilar durch seine Thätigkeit in der städtischen Gemeinde sich erwarb, gestaltete er das Schulwesen der jüdischen Gemeinde aus und brachte es zu erersreulicher Blüthe. In geradezu großartiger Weise ging die Entlvickelmlg der Wohlthätigkeitsanstalten vor sich; auf dem Gebiete der Fürsorge für Kranke und Nothleidende ist Mustergiltiges geschaffen »vorden. In schwerer Arbeit, aber mit froher Kraft, auf mühsamem Wege hat der Jubilar die Gemeinde zu einem segensreiche»: Ziel geführt. und nicht der kleinste Ruhmestitel feiner Amtsführung ist es, daß auch die Gegner ihm ihre Sympathie nicht entzogen. Trotz seines anstrengenden bürgerlichen Berufes, trotz seiner vielumfassende»: Thätigkeit im Dienste der jüdische»: Gemeillde fanb er in seinem unablässigen Fleiße. der keine Mühe scheut, noch Zeit, sich als Mitglied der Stadtverordnetenversammlung seit nunmehr 19 Jahren den Interessen seiner Vaterstadt zu »vidmen und auch in dieser Körperschaft zu einer einflußreichen und geachteter: Stellung zu gelange»:. In verantwortungsvollen Positionen als Leiter verschiedener Ausschüsse, dann als Vorsitzender der „Fraktion der Linken" hat er in unverwüstlicher Kraft seines Amtes gewaltet und hervorragenden Antheil an dem Gedeihe»: der Reichshauptstadt genoulmen. Er scheute nien:als de»: Kampf, wo es seine Ueberzeugung und das Recht der als wahr erkannten Sache galt; die Reinheit und Lauterkeit seines Charakters