Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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a Doch^ wird' Dr. Coblenz Anfang Dezember einen zweiten Vortrag Hallen über:. „Die Forderungen des liberalen Jttdenthums auf dem Gebiet des religiös-synagogalen Lebens", und es wird dann seitens des Vorstandes daraus Bedacht genommen werden, diesen Vortrag den weitesten Kreisen, auch den Damen. zugänglich zu machen. r. München, 15. November. Vor nunmehr drei Jahren erließ die München-Loge „Bne-Briß" in Bayern einen Aufruf, in welchem sie jüdische Mädchen einlud, sich der> Krankenpflege zu widmen und sich hierbei erbot, die Ausbildung auf Kosten der Loge zu bethätigeu. Der Aufruf hatte den Erfolg, daß mehr Anmeldungen eiuliefen, als Ulan erwartet hatte, und es wurde ein Theil dieser Mädchen nach Köln und ein Theil nach Berlin geschickt, woselbst sie in ihren Beruf eingesührt wurden. Nach einer Lehrzeit von zwei Jahren waren dieselben so weil ausgebildet, daß mit ihnen ein jüdisches Schwesternheim in München begründet werden konnte, welches Dank dem Entgegenkommen der hiesigen Kultnsgenleinde in der Lipschütz'schen Versorgungsanftalt untergebracht wurde. Heute wurde das Schwesternheim eröffnet mit vier Schwestern, ans welchem Anlaß in dem Saale der München-Loge eine erhebet,de Feier stattfaud, zu welcher sich aus Einladung zahlreiche Herren und Damen, darunter die Vertreter der Knltusgemeinde und aller israelitischen Wohlthätigkeitsvereine. einfandeu. Der derzeitige Präsident der München-Loge, Herr Dr. Merzbacher, eröffnete die^Feier, begrüßte die Anwesenden, darunter die aus Berlin hierher gekommene Oberin des Vereins für Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen. Fräulein Rose Blau, in herzlichen Worten und verpflichtete die in ihr Amt eingesetzten Schwestern. Hierauf ergriff Rabbiner Dr. Werner das Wort zu einer nach Inhalt und Form vollendeten Festrede, worill er darauf hinwies, daß lange Zeit der edle Beruf der Krankenpflegerinnen von jüdischen Mädchen nicht ergriffen wurde, obwohl sie ganz besonders hierzu befähigt seien. Es sei erfreulich, daß dieser Beruf den jüdischen Mädchen eröffnet worden sei, es sei ein Beruf der Entsagung, der Denen, die sich ihm widmen, Befriedigung biete, möge die Krankenpflegerin am Bette eines Genesenden ihre Pflicht erfüllen oder auch am Bette eines Sterbenden. Die. Festrede machte auf die Krankenpflegerinnen wie auf alle Aulvesenden einen tiefgehenden Eindruck. Die Feier wurde verschönt durch einen Gesang des Fräulein Kahn solvie des ersten Kantors Herrn Emannel Kirschller und ferner durch ein Quartett. Um das Zustandekommen des Sthwesternheims haben sich.besonders verdient gemacht die Damell Frau Rabbiner Dr. Werner und Frau Johanna Kohn-Billlnann sowie die Herren Rabbiner Dr. Werner, Hermann Weil. Dr. Sielmanu. Dr. Dernberger und Dr. Einhorn. Schließen wir uns dem Wunsche des Festredners an : Das Institut der Krankenpflegerinnen möge wachsen, blühen uub gedeihen zum Segen Derjenigen, die sich demselben widmen, znm Segen der Gemeinde, in der dieselben wirken, zum Segen des Jndenthums und der leidenden Menschheit. L. Stttttgart, 12. November. Der Ministerpräsident mld Millister der Auswärtigen und Verkehrsangelegenheiten für Württemberg, Freiherr Dr. v. Mittnacht, der wie bekannt dieser Tage ans Gesundheitsrücksichten aus dem Staatsdienst mit außerordentlichen Gnaden seines Souveräns getreten ist, hat auch bei den israelitischen Staatsbürgern Württembergs sich stets der größten Sympathien und der höchsten Verehrung zu erfreuen gehabt. Freiherr v. Mittnacht, von Hause ans katholisch und konservativ, hat sich als gerechter, konstitutioneller Minister erwiesen und sich in den schwierigsten Lagen des Ländchells als gewissenhafter, streng ehrlicher Staatsmann bewährt, der seit 30 Jahren der Politik Württembergs den Stempel seines Geistes aufgedrückt hat. Ihm ist es auch zu danken, daß Württemberg von den trüben und traurigen Erscheinungen jenes Nassen- und Glaubenshasses, dessen man sich jetzt anderswo zu schämen beginnt, im Großen und Ganzen verschont geblieben ist. Hier ist, offenbar unter dem Eillfluß des Ministerpräsidenten, die Antisemiterei nicht in dem Grade zur Entfaltung getätigt wie anderswo. Freiherr v. Mittnacht war gerecht und klug genug, sein Land vor solchen Dingelr zu bewahren. Auch lvir theilen den Wunsch, daß der greise Staatsmallll noch ein langes otium cum diguitate genieße. — Gill ungewöhnlich tragisches Geschick hat eine hiesige angesehene Familie betroffen. Der 32 Jahre alte Mitinhaber der Firma Ecksteill u. Kahli, Herr Otto Kahn, übernachtete auf der Geschäftsreise in Brixen (Tyrol). Durch einen lioch nicht ganz aufgeklärteil Umstalld fing in der Nacht der Bodeilteppich Feuer, gliulmte und rauchte so stark, daß Herr Kahll — im Begriff sich zu retten — all der Thüre lNllsailk und erstickte. Mau kann sich dell Jamlner der Eltern, der Geschwister ulld der Braut — am 20. d. M. sollte die Hochzeit sein — denken, als die erschütternde Todeskunde eintraf. In der ganzen Stadt sprach man mit Bestürzung und Theilnahlne von dem entsetzlichen Unglück. Herr Kahn war hier in allen Kreisen als geistig hoch stehender, dabei äußerst bescheidener ulld liebellswürdiger Malln bekannt. Die Leiche lvurde hierher gebracht und unter überaus großer Theilnahlile auf dem israelitischen Friedhof beerdigt. Außer den vielen Freunden und Bekannten hatten sich Vertreter der Bürgervereine, des Nolksvereins, des Schwäb. Albvereins rc. eingefnnden. Die ergreifellde Grabrede hielt Herr Oberkirchenrath Dr. Kroner. Der geistvolle Redner verstand es. den hart betroffellen Angehörigen Trost zu spellden in dem Hinweis auf die wahre Religion, die nicht in verbrauchten alten Sitten ilnd in linverstanden hervorgelispelten Gebeten bestehe, sondern in dem festen Glauben an den Herrn, der da giebt und nimmt, sein Name und sein Walten sei gepriesell. Gesterrrich-Ungarn. □ Wien, 19. November. Die Tragödie in Pi sek ist zum vorläufigen Abschlüsse gelangt, die alltisemitischen Allwülte habell sich llach ihrer Art vom betrunkenen Mob feiern lassen; derselbe Pöbelhause illsultirte den Vertheidiger Hülsllers. Dr. Auredniczek, der stets unter polizeilicher Bewachung ausging. Einigen Inden wurden die Fenster eingeworfen — sonst aber kam es zu keinen Ruhestörungen — und Dr. Baxa hatte sich die Sache vielleicht so schön, so gailz allders gedacht! Seine Rede war im Gegellsahe 311 derjenigen des Staatsanwaltes und des Vorsitzenden voll dell wüthendsten Ausfällen llicht so sehr gegen den Angeklagten als gegen alle Juden begleitet. Dr. Auredniczek hat diese Ausfälle auch gebührend charakterisirt. Im Uebrigen hat diese fanlose Rede, wie Prager Blätter nlelden, die in den Abendblättern konfiszirt wurde, dem Präsidenten eine Rüge des Justiznlinisters gebracht, daß er, der Vorsitzende, sie gestattete! — Der Kaiser hat der Frau Epstein-Lang in Würdigung ihrer Thätigkeit auf humanitärem Gebiete das goldene Verdienstkrenz mit der Krone und dem Kaufmann und Laienrichter Siegmund Back in Olmütz taxfrei den Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. — Hier ist im Alter von 100Jahren die Weinhändlerswittwe Frau Esther Pollack und in Olmütz die Mutter des Kultusvorstehers Leopold Groag, Frau Rosa Groag, 90 Jahre alt, gestorben. Das Leichenbegängniß der Dahingeschiedenen gestaltete sich zu einer imposanten Tranerkundgebung für diese fronlme ulld edle Frau, die die vielen und harten Schicksalsschläge, die sie durch den frühzeitigen Tod mehrerer begabter Kinder erlitten, mit wahrer Gottergebuilg ertrllg, und nicht ermüdete im Wohlthun und im Lindern fremden Leids. Dr. Oppenheim widrilete der Dahingeschiedenen einen ehrenden Nachruf, der aus die zahlreich allwesende Trariergenleinde einen ergreifenden Eindruck machte. Bl. Budapest, 18. November. Anläßlich der Berathungell über das Budget des Kultus- und Unterrichtswesens richtete bei dem Titel „Subventionen der Kirchen" der Abgeordnete Bcla K 0 in j a t h y im Finanzausschüsse an den Kultus- und Unterrichtslninister Dr. Wlassics die Frage, warum von der Summe, welche zllr Ergänzung der Seelsorgerbezüge in das Budget ausgenommen worden ist, sehr lvenig zur Ullterstützung der Rabbiller verwendet lvird, was damit begründet lvird, daß sie llicht die llöthige Qualifikation haben, aber er glaube, daß nur dell Jlldell gegellüber so strellg vorgegangen wird. Minister Wlassics verwahrt sich dagegen und erklärt, daß allen Konfessionen gegenüber gleichmäßig die Verfügungen des Gesetzes beobachtet werden. Jedes andere Vorgehen entspreche feinen Intentionen llicht. — Im Verla ge der Brüder Revay A.-G. lvird demnächst ein dreibülldiges Werk erscheillen. das ben Titel führt: „Der große Prozeß, der seit 1000 Jahren gemacht wird und noch t nt nt e r nicht zu Ende i stDer Verfasser ist der berühmte Vertheidiger Karl v. Eötvös, der in einer litterarischen Voranzeige voll dem Werke sagt: „Es behandelt den T.-Eszlarer Prozeß. Seit vier Jahrhunderten hatte die ungarische Gesellschaft fünf solcher Prozesse mitgeutacht. Ich erzähle ihre Geschichte — aber nicht für Fachgelehrte. Die Wahrheitetl der Geschichte tmd der Wisseilschaften bleiben wohl ill demselben heilig lind antastbar, lverden aber doch so wiedergegeben. daß Tausende lind Millionen das Werk als Romatl, als Epopöe mit Interesse lesen lverden."