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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-23 · Heft 47 (23.11.1900) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 fälle anzurufen. Dieses Vorgehen ist nicht nvthig. da es keine Seite menschlichen Elends gievt. die. soweit ihr durch Geld abgeholftn werden kann, nicht in die Kompetenz einer der bereits bestehenden Wohlfahrtsinstitntionen fällt. Das Vorgehen ist ferner aber — nnd das ist wichtiger — schädlich, lind in vielen Fällen ist schon großes Unheil hierdurch bei beu Bedürftigen angerichtet worden. Es giebt nichts Korrnmpirenderes, als diese vollständig nnkontrollirte, regelnnd ziellose Wohlthütigkeit herausznfordern. Der ganze Mißstand geht lediglich ans der leider lloch immer nicht genügend ansgerotteten Anschauung hervor, daß sich jegliche Hilfe durch Geld leisten läßt. So lange mir nicht dazu kommen werden, die ganze Armenpflege dahin auszufassen, daß das Geld nur Mittel zum Zweck, nnd die praktische Fürsorge die Hauptsache ist, wird sich dieser Mißstand nicht ganz beseitigen lassen. In der Diskussion kamen fast alle Redner an Hand einzelner von ihnen angeführter Beispiele 31t demselben Schlüsse, um* ein Redner empfahl, die Hilfsaufrnfe von Fall zu Fall nach echter Menschlichkeit zu prüfen. — Die Bescheerungen, die in verschiedenen hiesigen Vereinen stets zu Chanukah vorgenommen wurden, sind nun auch systematisch geregelt worden. Der Initiative der Frau Julie Reumann ist es zu danken, daß die Vereine die Channkahfeier bestehen lassen, aber die Einkleidungen zu verschiedenen Jahreszeiten veranlassen. F. Berlin, 20. R ovember. Die „Wissenschaftliche Vereinigung j ü d i s cher S ch nl män n er zu Berlin " hielt am 10. d. M. unter Leitung des zweiten Vorsitzenden Herrn Hanfs, der im Verlaufe des Abends den Vorsitz an den ersten Schriftführer Dr. Fiegel abgab, ihre Mouatssitzung ab. Es wurde beschlossen, am 29. Dezember zu Ehren des zu dieser Zeit in Berlin anwesenden Direktors Dr. Adler eine gemüthliche Sitzung zu veranstalten. Alsdann wurde die Diskussion über die von Herrn Hirschfeld ausgestellten Thesen fortgesetzt, an welcher sich alle Anwesenden lebhaft betheiligten. Die Thesen wurden schließlich in folgender Fassung angenommen: 1. In Bezug aus den Zweck des Unterrichts im Hebräischen hält der Verein au seinem Beschlüsse vom 23. April 1898 fest: Der Unterricht im Hebräischen hat vor allem die Aufgabe, die Schüler zur verständnißvollen Theilnahme am Gottesdienste zu befähigen. 2. Der Stoff des Uebersetzungsnuterricbts ist dem Gebetbuch und der Bibel zu entnehmen. 3. Der Unterricht im Hebräischen hat zu beginnen, wenn die -mechanische Lesefertigkeit im Deutschen erreicht ist. 4. Als Vorbereitung für den Uebersetzungsunterricht sind bereits während der Leseübungen Vokabeln aus dem späteren Uebersetzungsstofs und aus der Praxis des religiösen Lebens mit ihrer Uebersetzung einznübeu. 5. Der Unterricht im Uebersetzen beginnt mit leichten Sätzen aus dem späteren Uebersetzungsstoffe. 6. Von Anfang au ist aus eine möglichst treue Uebersetzung in einwandfreiem, gewähltem Deutsch zu halten. 7. Die gebräuchlichsten grammatischen Formen sind aus dem durchgenommenen Uebersetzungsstoffe herzuleiten und daun im Zusammenhänge einzuprägen. — Am 8. Dezember findet die durch die Satzungen vorgeschriebene Generalversammlung statt. — Könitz, 19. November. Bis jetzt ist ut dem Meineidsp r- 0 ze ß Maßlos? und Genossen keine Revision eingelegt worden, wie dem „Geselligen" auf eine Anfrage an zuständiger Stelle ausdrücklich versichert wird. Die Meldungen von Berliner Blättern, daß sowohl die Staatsanwaltschaft wie die Vertheidignng Revision eingelegt hätten, sind falsch. — Wie die „Elbinger Zeitung" meldet, wird Oberstaatsanwalt Lautz dem Justizminister Schönstedt persönlich über den Ausgang des Konitzer Meineidsprozesses Vortrag halten. — Die durch die Zeitungen gegangene Notiz, wonach der Meineidsprozeß gegen Maßlos? und Genossen der Staatskasse 30,000 Mark gekostet haben soll, ist falsch. Die Kosten betragen vielmehr nur den vierten Theil dieser Summe, etwa 7000 Mark. Auch die bezüglich des Gnadengesuchs verbreiteten Nachrichten find zum mindesten ungenau. Zwar hat Herr Oberlehrer Meyer, der Geschworeuenobmann, ein derartiges Schriftstück angefertigt, aber die Unterschristen . sämmtlicher Geschworenen hat es bisher noch nicht gefunden. Die Antisemiten sammeln hier fleißig Gelder, um ihrerseits einen Privatdetektiv anzustellen, der speziell „jüdische" Spuren verfolgen soll. Unter dem unmittelbaren Eindruck der Verurtheilung Maßloffs und seiner Schwiegermutter sind auch mehrere hundert Mark zusanunengekommen. in den letzten Tagen aber fließen die Beiträge schon langsamer. — Die Untersuchung in der Winter'schen Mordsache selbst wird augenblicklich ganz besonders lebhaft betrieben. Am 17. d. M. fand wieder eine ganze Reihe von Vernehmungen statt, darunter auch von solchen Personen, die früher schon wiederholt vernommen sind. Die Nachricht, daß man in all?rneuester Zeit den fehlenden Theil des Sackes, in dem der Rumpf Winters ringenäht gewesen, in einem für die Untersuchung auch früher schon in Frage gekommenen Hause gefunden haben sollist bisher offiziell nicht bestätigt. Wenn auch die Aussicht, jetzt noch Licht in die Mordsache zu bringen, eine nur geringe ist, so wäre es doch verfehlt, jede Hoffnung auszngeben, daß die unselige That noch ihre Sühne findet. AGnesen, 12. November. Anläßlich des erfreulicherweise mißglückten Atten tatsver snchs hat am Sonnabend Rabbiner Dr. Jacobson in der Synagoge ein feierliches Dankgebet verrichtet. Nach dem Dankgebet wurde ein Choral gesnugeu. — Am Donnerstag Abend veranstaltete der Vorstand der hiesigen Synagogengemeinde für den freiwilligen Männer-Synagogenchor im Saale des Herrn Koschnicke eine kleine Festlichkeit, zu welcher die Gemeindevertreter ebenfalls zahlreich erschienen waren. Eiugeleitet wurde der Festabend durch eine Ansprache seitens des Herrn Rabbiners Dr. Jacobsou, in welcher derselbe nanientlich die Bedeutung des Gesanges hervorhob, nnd schloß mit einem Hoch auf Seine Majestät den Kaiser und das Herrscherhaus, in das die Festtheilnehmer begeistert einstimmten. Darauf wurde die Nationalhymne gesungen. Während der Festtafel konzertirte die Infanterie-Kapelle und würzten diverse Toaste das von Herrn Harry vortrefflich zubereitete Festmahl. Der Synagogeninspektor Herr Kaufmann Bernhard Cohn, welcher zum Gelingen des Ganzen viel beigetragen hat. toastete in schwungvollen Worten ans die Sangesbrüder, ersuchte dieselben fernerhin ihrer Sache treu zu bleiben und weiterhin den Gottesdienst durch ihren harmonischen Gesang zu verherrlichen. Ferner wurden auf den Leiter des Männerchors und Herrn Kantor Apfelbaum, welch letzterer durch seine Vorträge schon oft die Gemeindemitglieder ergötzte, Toaste ansgebracht. Bis gegen Mitternacht blieben die Festtheilnehmer in heiterster Stimmung beisammen, und dürfte denselben dieser Abend noch lange in freudiger Erinnerung bleiben. M. Hamburg, 12. November. Die Feier des 25jährigen Amtsjubiläums des Predigers Dr. D. Leim dörfer legte ein beredtes Zengniß von der Werthschätzung ab, welcher sich der Jubilar weit über seinen Wirkungskreis erfreut. Die Wohnung in der Grindelallee glich einem wahren Blumengarten; sie wurde während des ganzen Tages nicht leer von Gratulanten. Bereits in früher Morgenstunde erschien Herr Gemeindevorsteher M. W. Hinrichsen. um im Namen des Gemeindevorstandes die Glückivünsche darzubringen, ferner der gesammte Vorstand des Tempelverbandes, der Amtskollege des Jubilars Dr. C. Seligmann und die übrigen Beamten. Sodann erschienen Deputationen der Henry-Jones-Loge. der Israelitischen Töchterschule, des Hamburger Vereins für jüdische Geschichte nnd Litteratur. des Vereins der Oesterreicher-Ungarn. des Magyar-Nemzeti-Club, welcher eine künstlerisch ausgesührte Adresse in einer Ledermappe, reich verziert mit den ungarischen Farben, dem Jubilar überreichte und ihn znm Ehrenmitglied des Vereins ernannte. Kostbare Ehrengeschenke liefen ebenfalls in großer Anzahl ein. Von auswärtigen Adressen seien noch besonders erwähnt die der Gemeinde Nordhausen, wo Dr. L. früher wirkte; ferner liefen Adressen und Depeschen ein von der Alliance israelite universelle, vom Professorenkollegium der Landesrabbinerschnle in Budapest, von der Heimathsgemeinde Dr. L/s, Hlinik in Ungarn, vom Deutschen Rabbiner-Verband, vom Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur. Fast sämmtliche Berufskollegen des Jubilars statteten telegraphisch ihre Glückwünsche ab. 8 Köln, 20. November. Der liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Köln hat am 8. d. M. eine Versammlung abgehalten, tu der Rabbiner Dr. F. C 0 b l e nz-Bielefeld einen sehr interessanten Vortrag hielt über „Die Resormbewegung im Judenthum im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts". Der Redner entwarf zunächst ein Bild von den Zuständen der deutschen Inden im 18. Jahrhundert und zeigte dann, welche gewaltige Revolution sich namentlich auf religiös-shnagogalem Gebiete im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts vollzog, welche Rolle dabei Männer wie Jacobsohu, Zunz u. A. gespielt haben, und wie unsere wichtigsten jetzigen Institutionen in den Errungenschaften jener Zeit wurzeln. Der Vortrag fand wohlverdienten Beifall. Allgemein war das Bedauern, daß derselbe nur im engen Kreise der Vereinsmitglieder stattgefuuden hatte.

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