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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-23 · Heft 47 (23.11.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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64. Jahrgang. Nr. 47. Serlin, 23. November 1900. 'Ueitage zur „Allgemeinen Zeitung des ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. EXS Berlin, 20. November. Am 1. April 1901 tritt bekanntlich für den ganzen Umfang des preußischen Staates das Gesetz vom 2. Juli 1900 „über die FürsorgeerziehungMinderjähriger" in Kraft. Dieses Gesetz erweitert in Uebereinstimmung mit den schon in andere»: Bundesstaaten in Kraft befindlichen gesetzlichen Bestimmungen den Kreis der zwangsweise zur Fürsorgeerziehung zu überweisenden Minderjährigen ganz bedeutend. Diese Art der Erziehung soll ausschließlich auf konfessionellem Boden stattfinden. Allein bisher bestehen für solche verwahrloste Kinder, die nicht in Fa»nilien untergebracht werden können, »nrr Anstalten »nit ausgesprochenem christlichem Charakter. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hatte diese hochwichtige und dringende Angelegenheit längst zum Gegenstände seiner Berathungen gemacht. Er kann jetzt mit Genugthuung und Freude konstatiren. daß ein wohlthätiges Ehepaar ihm ei»» Schloß in Po»n»nern mit dazu gehörigen 40 Morgen Park, Garten, Wiesen und Ackerland zur Errichtung einer „Israelitischen Fürsorge-Erziehungsanstalt" geschenkt nnd er solches zu dem gedachten Zwecke a»»genommen hat. Im kommenden Mai wird die Anstalt zur Ausnahme von Zöglingen bereit sein. £2 Berlin, 20. November. Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hielt kam 13 d. M. der Privatdozent der theologischen I Fakultät Dr. I. Benzinger einen sehr interessanten Vortrag über die sozialen Verhältnisse der alten Israeliten, in welcher»» deren soziale Lage in der» verschiedenen Epochen ihrer Kultur auf dem Boden Palästinas von den ersten Anfängen bis in die Königszeit und zu jenen Verhältnisse»», »vie sie Ezechiel geschildert hat, in lichtvoller und übersichtlicher Weise vorgeführt rvurde. Der Vortrag fand lebhaften Beifall. — I»» Memel sprach Rabbiner Dr. Beermann- Jnsterbrrrg über „Nachmanides", inH irschberg Rabbiner Dr. Biran» „Ein Gang durch Israels Geschichte u»rd Litteratur", in An nab erg Rabbiner Dr. Po rges-Leipzig über „Unterhaltungen undZerstre»iui»ger» unserer Vorfahren i»n Ghetto", in Leipzig, Elberfeld nnd Esser» Dr. I. Ruff-Karlsbad über „Freud und Leid im jüdischer» Hause", in Hamburg Dr. G. H u th-Charlottenburg über „Die Juden in Sibirien", in Eisenach Prediger E. Meyer über Jehnda Halevi, in K ö l n Museirmsdirektor F r a u b e r g e r - Düsseldorf über „Das Kurrstgewerbe in seiner Anwendung beim jüdischen Kultus", in Aachen Rabbiner Dr. Pick-Berlin über „Friedrich Nietzsche und das Judenthum" und Herr Marcel Salzer-Wien: Rezitationen prosaischer, poetischer und prophetischer Stellen aus der Bibel. Die ferneren Vorträge in Aachen sind in dieser Saison noch folgende: Mittrvoch, den 5. Dezember 1900: Herr Dr. L. Schuster aus Aachen „Die Reformation und der Talmud". Mittwoch, den 2. Januar 1901: Herr- Direktor Dr. Loewenberg aus Hamburg: „Gabriel Rießer als Vorkämpfer der Emarrzipation". Mittwoch, den 27. Februar 1901: Dr. Simchowih aus Köln: „Leopold Zunz und die Wissenschaft des Juderrthums in» 19. Jahrhundert". J»r Frankfurt a. M. sprach Rabbiner Dr. S alfeld-Mairrz über Israels Leid im Liede. In Danzig hat der Verein! folgendes Winterprogramm aufgestellt: 1. Rabbiner Dr. F r e u d e n t h a l am 31. Oktober über „Frau Glückel aus Hameln und ihre Lebenserinnerungen". 2. Professor Dr. Cornill- Breslau am 1. Dezember über „Die salomonische Weisheit". 3. Rabbiner Dr.Walter-Bromberg am 9.Januar über „Modernes Schulwesen in einem alter» Religionskodex". 4. Rezitator Marcel Salzer-Wierr im Laufe des Februar über „Altbiblische Poesie". 5. Rechtsanwalt Behrendt-Danzig im Laufe des März über ein noch vorbehaltenes Thema. 8. Berlin,^ 13. November. Der Verband für jüdische Wohlthätigkeitspflege berief heute zum zweiten Male in diesem Jahre die Vertreters der ihm angehörenden Vereine zu einer Delegirtenversammlung, die einen sehr irrteressanten Verlauf nahm. Der Repräsentantensaal, in welchem die Sitzung wiederum stattfand, war dicht gefüllt. Der Verbandsvorsitzende, Jrrstizrath Breslauer, gedachte zuerst in warmen Worten der verstorbenen Frau Dr. Maybaum und gab hieraus einen kurzen Rechenschaftsbericht. Dem Verbände ist das „Jüdische Genesungsheim" beigetreten, so daß die Zahl der Mitglieder auf 60 gestiegen ist; es fehlen nunmehr nur noch fünf oder sechs Vereine, deren Anschluß zu erhoffen steht: Die Frauenvereine haben die gemeinsamer» Sitzungen fortgesetzt, in denen besonders sch»vierige Fälle zrrr Besprechurrg urrd zur Erledigung gelangten; gerade die vorberigende Thätigkeit wurde hier mit Freuden in Arrgriff genommen. Die Armerrkommissio»» hat die Thätigkeit des Verba»rdes voll anerkannt. An den Verbarrd wrrrden 7485 Anfragen gerichtet, dene»» nur 5891 erstattete Berichte gegenüberstehen. Der Vorsitzende bittet dringend, die Berichte zahlreicher und ausführlicher an die Centralstelle zu geben. Alsdann hielt Fräulein Wormann ihren angekündigten Vortrag über „Pflege armer Kirrder". In klaren und anschaulichen Ausführungen begleitete die Rednerin das Kind vor» der Geburt bis zu den Jahren, wo es selbständig gemacht wird, erörterte die Wohlfahrtsirrstitute, die irr den einzelnen Jahren helsend zur Seite stehen, und gab recht beachtensrverthe pädagogische urrd hygienische Hinweise für die Pflege der armen Kinder. Auch der Halbwaisen und ganz verwaisten Kinder gedachte sie und schloß mit der Mahnung, am Dome der Menschheit weiter rüstig zu bauen, eingedeirk der Kleinen, sie durch das Leben zu führen und zr» edlen Menschen heranzubilden. Der beste Dank, welcher der Rednerin abgestattet werden konnte, zeigte sich irr der sehr regen Diskussion, die sich an den Vortrag anschloß. In derselbe»» wurde hauptsächlich der Mangel jeglicher Institute zrrr Pflege jüdischer Säuglinge, dener» die Mutter fehlt, und zur Erziehung armer Kinder und der Waisenkinder bis zum 6. Jahre, wo sie erst Aufnahme in ein Waiserrhaus finden können, hervorgehoben. -Die Meinurrgen über die Einzelheiten der praktischen Fürsorge gingen weit auseinander. Während der eine Redner die Landsmannschaften für diesen Zweck in Anspruch r»ehmen will. wünscht ein anderer eine Vereinigung mit der Ermittelung jüdischer Familien zu betrauerr, die geneigt sind, arme — es handelt sich meist um uneheliche — Kinder irr Pflege zu nehmen. Auf den Mangel an derartigen Familien wurde jedoch ausdrücklich hingewiesen. Während mehrere Redner die konfessionelle Pflege ganz jurrger Kinder nicht für nothwendig erachten, weist ein anderer darauf hirr, daß oft im zartesten Alter schon die Entwickelungskeime gelegt werden, die schwer in späterer Zeit wieder ausgemerzt werden können. Eirrerseits will man die städtische Gemeinde von ihrer Verpflichtung den jüdischen arnren Kirrdern gegenüber nicht befreien, wogegen es andererseits wiederum als Armuthszeugniß für die jüdische Gemeinde angesehen wird, wen»» um materieller Grürrde wegen nicht die »rothtvendige Pflege geschaffen werden soll. Der Vorsitzende stellt dieses Thema weiterer Erwägung in den einzelnen Vereinen anheirn, regt jedoch auch die eventuelle Grürrdurrg eines neuen Vereins zu dem beregten Zwecke an. Gleichzeitig richtet er auch die Aufmerksamkeit auf die Pflege halbwaiser Kirrder, deren Mutter gestorben und deren Vater außer Stande ist, die Familie ernähre»» zu können. Diesen Kindern ist das Waiserrhaus unzugänglich, und fürste bleibt nur die allgemeine Armenunterstützung übrig. Zur Erzielung eines praktischen Resultates wird die Bildung eines Komitees, das sich mit dieser Materie befassen soll, vorgeschlagen, die Bereitstellung einer Abtheilung im Waisenhause der jüdischen Gemeinde bis zur Begründrrng einer privaten Stiftrrng gewünscht, letztere jedoch nur im Umsang von kleinerer» Anstalten, die 8 bis 10 Kindern Raum gewähren, für segensreich erklärt. Zun» Schluffe dieses Themas verweist der Vorsitzende noch auf die Fürsorge für steche und verrvahrloste Kinder, für welche innerhalb der jüdischen Gemeinde bisher noch nichts geschehen ist. -- In einem kurz gehaltene»» Referat kam alsdann Dr. Levy zu einer scharfen Verneinung der Frage, ob es angebracht ist, durch Zeitungsaufrufe die Mildthätigkeit für Einzel-

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