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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-23 · Heft 47 (23.11.1900) · p. Seite 564

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
Seite 564 (sequence 14)
Language
German
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564 Dieser junge Mann kam jetzt von Nancy zurück, wo er, nachdem er zuerst in Straßburg gearbeitet hatte, bei einem l Notarius zwei Jahre als Schreiber fungirte. Er wählte diese Arbeit, zuerst urn Französisch zu lernen und der Gerichts- und Prozeßsprache mächtig zu werden, damit er selbst einen Kauf- oder Verkaufschein auf gestempeltem Papier abfassen könnte. Leon, so hieß er, war reich. Mütterlicherseits blieben ihm ungefähr 50 000 Francs, und obschon sein Vater sich zum ziveiten Male verheirathet, so konnte er doch auch noch von dieser Seite, was man, zur Schande unseres Goldjahrhunderts, Hoffnungen zu nennen pflegt, erwarten. Außer seinen französischen Phrasen hatte der junge Herr- Leon sich in Nancy einen Schnurrbart und ein rundes, fein gekämmtes Bärtchen zugelegt. Er bildete sich nicht wenig auf alle diese Vortheile ein, besonders aber auf seinen „französischen" Geist, den er sich in Lothringen erwarb und den er großmüthig an seine ebenbürtigen Dorfgesellen verschenkte, damit sie, so ivie er, ihr Glück bei den jungen Mädchen zu versuchen im Stande seien. Leon entschloß sich, seiner Tante einen Besuch abzustatten, um sich von ihr bewundern zu lassen. Aber, o Schicksal, er kam, sah und wurde gänzlich von den schönen Augen und besonders von der üppigen Gestalt Hevas besiegt. Der aufgeputzte Notariatsschreiber aus Nancy, der elegante Stutzer seines Kantons fiel wie an einem verliebten Schlagfluß vor der jungen Heffe nieder, die er als Kind verließ und nun als glänzend schöne Jungfrau wiedersah. Er erinnerte sich gleich seines Gelöbnisses und ohne lange zu überlegen, sagte er zu Frau Reich: „Tante, auf ihrem Sterbebette habe ich meiner seligen Mutter versprochen, eine Deiner Töchter zu heirathen. Wenn Du mich aber zum Tochtermann haben willst, so gieb mir Heva. Meine Mutter hat mir wohl ans Herz gelegt, die bravste und frömmste zu wählen, da ich aber hoffe, daß Deine Töchter alle gleich brav nnd fromm sind, so wähle ich Heffe." „Und warum gerade Heffe?" fragte die Mutter. „Du weißt doch, daß es nicht der Brauch ist, die jüngere vor der älteren Tochter zu verheiratheu." „Ich könnte Dir darauf antivorten," sagte Leon, „daß ich Heva und nicht Deine ältere Tochter liebe. Dies allein würde genügen, doch will ich offenherziger sein." Und indem er seine sammetne Mütze auf das Ohr setzte nnd sich den Schnurrbart kräuselte, fügte er hinzu: „Kronele st gegen Heffe, was der Mond gegen die Sonne ist. Ich bediene mich eben nicht dieses Vergleiches, um Dir zu beweisen, daß ich nicht umsonst in Nancy gewesen bin; so unwissend Du als Dorffrau bist, so kennst Du doch die Sonne und kennst auch den Mond." „Es sind Landsleute," antwortete die Tante, indem sie spöttisch lächelte. „Es ist gerade nicht nöthig," fuhr sie fort, „20 000 Francs verstudirt zu haben, um zu erkennen, daß Du eine große Dummheit gesagt hast. Gesetzt, mein Heffele scheint Dir eine Sonne, das beweist eben nicht, daß mein Kronele trotz ihrer blassen Farbe, minder schön sei als ihre Schwester." „Ich habe ihr bei Gott ein Kompliment gemacht," erwiderte Leon. „Der Mond ist auch schön, besonders bei Nacht, Dein Kronele aber ist häßlich oder besser wüscht auf gut elsässisch- und zwar bei hellem Tage. Und dabei stolz, man nennt sie auch nur eine Prinzessin von Wolfenbüttel." „Gesteh nur," unterbrach ihn die Tante, „Kronele macht sich nichts aus Dir. Uebrigens ist Heffele noch ein Kind und nie werde ich meine jüngere vorder älteren Tochter ausgebeu. Nach dem Heu mäht man das Gruuunet. Ich weiß auch nicht, ob Dich mein Heffele liebt und werde sie auch nicht darum fragen." „Tante." sagte Leon, „wenn Du nur verlangst, daß mich Deine Heva gern sehe, das ist meine Sache. Ich bin jetzt 25 Jahre alt und komme von Nancy." „Du bist nicht häßlicher als ein Anderer." „Aber reicher, Tante, und jünger." „Und warum verschmähst Du Kronele?" fragte die Mutter aufs neue. „Genug davon," sagte Leon. „Nun, so komme in drei Jahren wieder, wenn Kronele verheirathet ist." „Ich kann warten," erwiderte Leon. „Versprich mir nur, Deine Heffe keinem Anderen zu verloben." „Ich werde meinen Mann um Rath fragen." „Das wäre das erste Mal." Diese Unterhaltung wurde von Heva, die rasch ins Zimmer trat, unterbrochen und die sich über Kronele beklagte, weil sie immer bei der Frau Sommer ihre Zeit verbringe. „Ich möchte wissen," fügte sie hastig hinzu, „was sie an diese Französin fesselt?" „Das will ich Dir sagen," antwortete die Mutter, die ein gewisses Vergnügen daran fand, Heffe in Gegenwart ihres Anbeters zu demüthigen. „Kronele glaubt nicht wie Du an ihre Schönheit und benützt jede Gelegenheit, um etwas zu lernen. Frau Sommer giebt ihr Unterricht in der französischen Sprache, und Du thätest viel besser daran, ihr Beispiel zu benutzen, denn Du weißt und kannst nichts." „Oh!" unterbrach sie Leon. „In Nancy spricht man ein besseres Französisch als im südlichen Frankreich. Ich werde selbst der lieben Kllsine Stunden geben." Und da Frau Reich ihm einen Wink ihrer Unzufriedenheit über dieses Wort gab, so fügte er hinzu: „Versteht sich, Tante, wann Heffe meine Frau sein wird." Bei diesem Worte schwoll die ohnehin schon hochinüthige Heffe vor Lust und Stolz auf. Sie errieth leicht, daß Leon sie ihrer Schwester vorzog und daß von ihr zwischen ihm und ihrer Mutter die Rede gewesen war. „Geh'," rief die Mutter ihr zu, „geh', hol' mir das Kind. Das sind lauter Schmues." Heva entfernte sich langsam, um noch einen Blick von Leon zu erhaschen, den sie jedoch nicht zu erwidern wagte. Ehe ich jedoch diese Geschichte fortsetze, so muß ich — denn topographische Beschreibungen sind mir zuwider — für diesmal dem Leser eine Beschreibung von dem Hause des Herrn Reich geben. Die Lage dieses Hauses und seine innere Einrichtung haben einen gewissen Einfluß auf die Begebenheiten, die folgen sollen, und die meinen Lesern ein getreues Bild jüdischen Volkslebens im Elsaß ans den vierziger Jahren bieten werden. lFortsetzmig folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Berantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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