Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- Seite 563 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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063 Uebrigens lvar Herr Reich, was mau im Dorfe „einen Mann wie einen Baum" nennt: hoch gewachsen, kerzengrad, mit regelmäßigen Zügen. Manches Mädchen wäre froh gewesen, ihn zu besitzen, aber nie hatte er vor seiner Heirath ein Wort an ein Mädchen verloren. Auch Frau Reich war früher eine Schönheit des Dorfes gewesen, stolz auf ihre schöne Hand, ihren kleineil Fuß, den Reiz ihres lebendigen Geistes. Man hatte es ihr tausendmal gesagt, daß sie witzig und „schnippisch" sei. Nur Herr Reich, ihr Ehemann, hatte sich nie mit ihr anders als von Geld und Jllteressen unterhalten. Er verstand kein Lieveswort zu sagen, weder der Mutter noch seinen Kindern, obwohl ersonst allen seinenPflichten alsGatte und Vater nachkam, Pflichten die nach seiner Denkweise einzig darin bestanden, ihnen ein behagliches Leben zu sichern. Während 25 Jahren hatte er ohne viel Sprechens und Wesens Gut an Gut, Haus an Haus, Löhnllng an Löhnung gereiht. Welln die Mutter eine der Töchter verlobte — er selbst bekümmerte sich nicht darum —, so zeigte er in wenigen Worten denr Bräutigam an, daß er für jede seiner Töchter 6000 Francs Mitgift in Bereitschast habe. Daher kam es denn, daß seine Frau, so glücklich sie in der That war, sich zuweilen als das unglücklichste Geschöpf Gottes bei den Nachbarimlen beklagte. Wie den meisten Frauen, wäre es auch ihr lieber gewesen, daß ihr Mann ihr oft wiederhole, er liebe sie, als daß er sie liebte, ohne es ihr zu sagen. Am Tage ihrer Heirath von einem heftigen Herzdrücken beklemmt, hatte sie zum ersten Male eine dunkle Ahnung von Liebe; denn das Herz fühlt sich nur, um sich einem anderen zu geben, die eigene Seele sieht und erkennt sich nur in der hellen Seele emes Anderen. Frau Reich lebte wieder auf, als sie Mutter ward. In den schönen Augen ihrer reizenden Kinder schöpfte ihre Seele Licht und Leben. Aber auch das Gefühl der Mütterlichkeit ist nur eine Dämmerung, wenn es nicht von der Sonne der ehelichen Liebe glänzend erhellt wird. Eine Mutter, die den Vater ihres Kindes nicht liebt oder geliebt wird, erfüllt wohl alle heiligen Mutterpflichten, findet auch wohl Zufriedenheit nie aber hohes Mutterglück darin. So war sie 27 Jahre alt geworden, als sie ihre vierte Tochter gebar, der sie den elsässisch-jüdischen Namen Krouele (Krone, Kronchen) gab. * * * Als Frau Reich ihre dritte Tochter verheirathete, trat Kronele in ihr 17. Jahr. Sie hatte noch zwei jüngere Schwestern, die eine, Heva, elsüssisch auch Heffe genannt, war 15 Jahre alt, die andere war erst achtjährig und hieß das Kind, oder Fanfan oder Mamele. Heva war eine jener frühzeitigen glänzenden, aber nichtssagenden Schönheiten. Selten ist ein junges Mädchen, so vollkommen an Gestalt, so reich an Farbe, so regelmäßig in seinen Zügen, anders als ein schnell entwickelter Leib, dessen Seele gleichsam wie ein Zwerg an ihm hinaufschaut. Denn das Wachsthum der Seele benimmt immer dem Körper einen Theil seiner Kräfte, und nicht umsonst behaupten große Geister, das Blut sei die Nahrung der Seele; deswegen vielleicht sagt das Alte Testament: „Du wirst kein Blut verzehren, denn das Blut ist die Seele." Diese frühzeitigen Schönheiten lverden gewöhnlich von dem gemeinen Volk bewundert. Auch stolzirte Heva den ganzen Tag int Dorfe herum, unter dem Vorwand. Fanfan spazieren zu führen, in der That aber, um von aßen Seiten Schmeicheleien über ihre Frische und Schönheit zu erhalten, und da diese täglichen Bewunderungen zum Theil auf die Mutter zurückfielen, so konnte Frau Reich nicht umhin, ebenfalls stolz darauf zu sein und zuweilen zn denken, daß Kronele, wenn auch gerade nicht häßlich sei, doch Heva lveit au Schöuheit nachstehe. Groß war freilich der Unterschied zlvischen beiden Schwestern. Heva hatte schwarzes Haar, so üppig, daß man es mit beiden Händen nicht umfassen konnte. Alles an ihr war voll Harmonie, so ausgebildet, daß sie einem 18 jährigen Mtädchen glich. Kronele war in allem der lebendige Kontrast ihrer Schwester Heffe. In ihr war alles verdeckt, verschleiert, man hätte sie eine Schönheit in ihrer Schale, oder ein blasses Lichtbild nennen mögen, das nur durch einen Sonnenstrahl dem gleichgiltig Vorübergehenden Lebert und Farbe zeigt. Sie hatte kastanienfarbenes Haar und blaue Augen, schön nur durch ihren langsamen, zart verschleierten, durchdringenden und sich in das Gedächtniß einprügenden Blick. Frau Reich machte mehr als einmal ihrer älteren Tochter den Vorwurf, daß sie ihre natürliche Schönheit nicht geltend zu machen wüßte. Manchmal sogar zog sie selbst Kronele an und lud sie ein, mit ihrer jüngeren Schwester au Dorfgrazie zu wetteifern, aber Kronele überließ sich zuerst der Schönheitspflege ihrer Mutter und lief dann schnurstracks in ihr Kännnerlein, glättete ihr Leibchen und betrachtete sich in dem Spiegel, um sich von der Keuschheit ihres Anzugs selbst zu überzeugen. Während Heffele sich von allen Frau Gevatterinnen des Dorfes bewundern ließ, besorgte Kronele die Haushaltung oder verbrachte ihre Mußestunden bei ihrer Nachbarin Frau Sonuner, einer jungen Französin aus dein südlichen Frankreich, die einen elsässischen Soldaten geheirathet hatte und ihm in sein Dorf gefolgt war. Dieses junge Ehepaar liebte sich und arbeitete um die Wette, er als Schuster, sie als Bentelstrickerin für Straßburger Krämer. Kronele war der Abgott dieses Ehepaares. Die Französin, die kein deutsches Wort verstand, lehrte sie ihre Sprache, und der Mann, der die Welt gesehen hatte, liebte es, sich mit diesem jungen Dorfmädchen zu unterhalten, das sich den härtesten Entbehrungen unterzog, um den Armen beizustehen und bei jeder Gelegenheit Beweise von edeln, großen Gefühlen gab. Kronele ihrerseis liebte Beide, lveil sie eine wahre Begierde zu lernen empfand. Sie las alles Gedruckte, was ihr in die Hände fiel. Dabei bewunderte sie die zärtliche Liebe beider Gatten, die trotz ihrer Armuth und angestrengten Arbeit sich nichts als Liebes und Gutes zu sagen hatten, nie Jemanden Böses uachredeten und immer, auf Gott vertrauend, die Noch des Lebens muthig ertrugen. Trotz dieser geistigen Vorzüge, die Frau Reich allerdings anerkannte, konnte doch die Mutter nicht umhin, sich selbst zu gestehen, daß mit Ausnahme von Herrn und Frau Sommer ihr keiner die Schönheit ihrer älteren Tochter rühmte, während alle von der Schönheit, der Frische und sogar von dem Geiste Heffes voll waren. Diese Meinung wurde in ihr noch durch eine Familienbegebenheit verstärkt. Ihre älteste verstorbene Schwester, die zwei Söhne hinterließ, hatte auf ihrem Sterbebett ihrem jüngsten Sohne das Gelöbnis; abgeuommen, eine seiner Kusinen zu heirathen. „Nicht die schönste wählst Dil," sagte sie zu ihin, „sondern die die bravste ulld frötnmste."