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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-23 · Heft 47 (23.11.1900) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
Seite 562 (sequence 12)
Language
German
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562 vor den Kopf gestoßen dadurch, daß er Ahlem nicht jenes Wohlwollen angedeihen ließ, das ihm von rechtswegen gebührt. Ahlem und der Bodenkultnrverein verfolgen fast dieselben Ziele, wenigstens liegt beiden dieselbe Idee zu Grunde, und dennoch gelten sie nach außen als Gegensätze, als Konkurrenzuuternehinungen zweier Gesellschaften. Ahlem wird nicht nur in den Versammlungen des Vodenkultnrvereins theils sachlich, theils aber auch nicht sachlich kritisirt, sondern auch ln Privatgesprächen und sonstigen Zusammenkünften abfällig beurtheilt vor: Mänrlern, die diese heilsame Anstalt nie gesehen, und die von der ganzen Bodenkulturbewegung in unserer Zeit keine blasse Ahnung habell. Dem hochherzigen Stifter,; Herrn Konsul Simon, lverden, was ich zur Betrübniß aller Entgesinllteil eruuif)iten muß, unlautere Motive unterschoben; mit scheeleri Angen sieht Ulan ans die ziemlich großen Einnahmen urrd Spenden, die Ahlem von Gönnern jährlich zugesührt werden, kurz. Ahlem und der Bodenklllturverein beneiden sich gegenseitig und befehden einander. Solange aber dieses Mißverhültniß besteht, dürfte der Bodenkulturvereur, wie ich befürchte, kaum welche nennenswerthe Fortschritte machen. Ahlem hat einmal feinen Kreis voll Freullden und Gönnern, die ili Liebe nnt> Treue zu ihm halten, ulld die nur dann in dem Bodellklllturverein mit Eifer und Hingabe mitwirkell dürftell, welln der Verein gegell ihre Lieblingsanstalt anders verfahren würde. Nach uleinem Dafürhalten föuixte die Propaganda für beu Verein zur Förderllng der Bodenknltllr nur dann die erstrebten Erfolge erzielen, wenn sein Verhültniß 31t Ahlenl geklärt fein wird. Der Verein dürste sich nicht damit begnügen, wie Herr Rosenstiel meinte, „dieser Allstalt selbst, insbesondere aber den dort ausgebildeten Lehrlingen auf ihrem ferneren Lebenswege, förderlich zu sein," er müßte vielmehr Ahlem galrz in seine Obhut nehmen. Ahlem mit seinen Kolllitees, Einnahlllen, Beiträgen rc. müßte der Leitung des Vereins unterstellt werden. Derselbe müßte nach rneiner unmaßgeblichen Meinung die Centrale fein, wohin die Beiträge und Spenden aller Gönner der Landwirthschaftsidee fließen, das Reservoir bitdell, aus deni Ahlenl unb die zum Zweck der Förderurrg der Bodeilkultur noch zu gründeilden ähnlichell Anstalten nub Kolonien gespeist würden. Deul Vorstande des Vereins müßte das Verfügungsrecht zustehen, zu entscheiden urld zu bestimmen, ob Ahlem weiter ausgebaut werden soll, um noch eine größere Zahl von Zöglirigen aufllehmen zu können, oder aber diese Anstalt auf der erreichten Höhe zu erhalten und mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln ähnliche Institute irr anderen Gegenden zu errichten. Jedenfalls müßte Ahlem von denl Vereine als „erstgeborener Sohn" betrachtet, wenngleich diese Anstalt vor der Gründung des Vereins entstandell ist, nicht aber, wie es bis jetzt geschah, als „uneheliches Kind" behandelt werden. Ob die Verwaltung, wie Vorstand und Kuratorillm, in Ahlem weiter bleiben soll, darüber könnte sich die Generalversammlung des Bodenkulturvereins schlüssig werden. Immerhin müßte ein engerer Zusammenschluß des Vereins mit Ahlem herbeigeführt werden; ein gemeinsames Zusammengehen könnte zweifelsohne beide fördern, ein Nebeneinandergehen aber wird bei der Propaganda wie bisher beiden hinderlich und hemmend sein. Denn schließlich sind es ja doch immer dieselben edlen Menschen, an die man sich wendet, die aber ganz wirr werden, wenn sie bald eine Propagandaschrift voll Ahlenl, bald eine solche von dem Bodenkulturvereill erhalten. Freilich denkt Niemand daran, daß der Verein seine Thätigkeit ausschließlich auf Ahlem beschränken soll, wie Herr Katz-Rybnik (Allgemeine Zeiturrg des Judellthums Nummer 43) aus den Worten des Herrn Rosenstiel herauslesen wollte; das wäre in der That sehr mißlich, oder, wie Herr Katz sich ausdrückte, „total verkehrt". Aber ebenso für total verkehrt halte ich seinen Vorschlag: „an allen Seiten zu beginnen, in jeder Provinz." Gesetzt den Fall, wir gründeten in jeder Provinz eine landwirthschaftliche Schule — notabene, wenn wir den nervus rerurn dazu hätten — und was wäre dann? Die einzelnen Anstalten würden sich dann gegenseitig in der Entwicklung hemmen, fortwährend mit finanziellen Nöthen operiren und Zwerg- und Krüppelaiistalten bleiben mit lokalem Charakter, deren Leistlmgen zu dem Aufwande von Kraft und Geld in gar keinem Verhältnisse stehen lvürden. Wir würden dann mit unseren edlen Bestrebungell Fiasko lnachen und beit Judenfeinden Stoff zum Schimpfell geben, indem sie darauf Hinweisen und sagen würden: „Seht, mit großem Lärm sind von den Juden Ackerbauschulen errichtet worden, die aber leistell nichts und können nichts leistell — weil eben der Jude keinen Silln ulld kein Interesse für körperliche Arbeit besitzt." — Nein, so schnell, wie Herr Katz es will, kanlt die Idee der Hinüberleitung der Juden zur Landlvirthschaft nicht verwirklicht werden, welln auch die Synagogellverbände. auf deren Mitarbeiterschaft wir selbstverständlich mit Bestimmtheit rechnen, uns aufs kräftigste ullterstützen würden. Denn „gut Ding will Weil haben". Nach meiner Ansicht müssen wir langsam vorwärts schreiten; keine neue Anstalt darf ills Leben gerufen lverden, solange die bereits bestehende noch nicht gut fundirt ist, keine zweite Kolonie — lvenll mir so weit sein werden — darf angelegt werden, solange die erste noch nicht auf eigenen Füßen steht. Das hohe Ziel, dem wir zustreben, kann nur durch ein einheitliches Zusammengehen, llicht aber durch ein partikularistisches Nebeneinalldergehell erreicht werden. Aus einer Centrale muß alles geleitet werden, und diese Centrale soll der Bodenkulturverein sein. Dieser soll gleichsam der Brenn- und Sammelpunkt bilden für alle Elemente im Judeuthum, die sich für diese „zeitgemäße Frage" interessiren. Mögen unsere Glaubensgenossen, die dieser großen, heiligen Sache in selbstloser Weise dienen wollen, des alten, lateinischen Sprichwortes eingedenk bleiben: Concordia parvae res crescimt, diseordia niaximae dilabiintur! EUILLETON Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weill. I. ronele war die vierte Tochter und das fünfte Kind ÄT». der Frau Reich, die selbst fünf Schwestern und vier Brüder hatte, Kinder eines reichen Viehhändlers in einem Dorfe des Elsaß. Frau Reich war 17 Jahre alt, als sie wider Willen mit Herrn Reich vermählt wurde, dem sie, obschon sie beständig in den Gassen ausrief, daß sie ihn nicht liebe, einen Knaben und sechs Töchter, eine schöner als die andere, gebar.

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