Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- Seite 561 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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561 Wir müssen eindringlich vor einem solchen Beginnen warnen, Pflegerinnenvereine im Rausche erster Begeisterung zu gründen, die sich nicht ans den oben geforderten Grundlagen aufbauen können, noch mehr aber davor, Mädchen ausbilden zu lasten, die später als alleinstehende Pflegerinnen in den Gemeinden ohne Zugehörigkeit zu einem Verbände ihren Beruf ausüben sollen. Die Thätigkeit einer solchen jüdischen Schwester denkt man sich wohl ähnlich der der Gemeindediakonissinnen in kleineren Orten oder auf dem Lande. Aber während letztere bei der zahlreichen unbemittelten Bevölkerung immer ein großes Arbeitsfeld finden, wird die jüdische Pflegerin in einer Gemeinde mit mehreren hundert Seelen oder selbst Familien oft längere Zeit beschäftigungslos sein. Aber abgesehen hiervon, wird sich die alleinstehende Pflegerin, wenn sie nicht gerade über ein großes Maß persönlicher Vorzüge, Charakterfestigkeit und Bildung verfügt, kaum die für ihren Beruf nöthige soziale Stellung und Werthschätzung verschaffen können, wie auch andererseits für ihre Lebensführung und Pflichterfüllung der bedeutungsvolle Einfluß wegfällt, der von einem Schwesternverbande ausgeht. Wir können nur wärmstens und angelegentlichst empfehlen, die in den, großen Gemeinden mit bedeutenderen Krankenhäusern bestehenden Pflegerinnenvereine durch Zuwendung von Geldmitteln und Ueberweisung geeigneter Pflegeschülerinnen zu fördern, damit Schwestern, die diesen größeren Verbänden angehören und anch darin verbleiben, zur Dienstleistung je nach Bedürfniß in die anderen Gemeinden oder an kleinere Siechen- und Krankenhäuser entsandt werden können. Jur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands. Von Rabbiner Dr. E. Finkel-Pafewalk. or einiger Zeit hat Herr Eugen Rosenstiel-Berlin, dessen edle Bemühungen um das Wohl unserer Glaubensgenossen hinlänglich bekannt sind, wieder einmal die „zeitgemäße Frage" der Erziehung der Juden zur Bodenkultur erörtert. Alles, was Herr R. vorgebracht, ist so überzeugend, daß jeder Unbefangene ihm beipflichten muß. Wir können uns der Thatsache nicht verschließen, daß dem Streben jüdischer Eltern, ihre Kinder Lebensstellungen zuzuführen, die ihnen einige Gewähr für ein gesichertes Auskommen bieten, in unserer Zeit Schwierigkeiten entgegentreten, mit denen die Angehörigen anderer Bekenntnisse nicht zu kämpfen haben; wir wissen, daß trotz der gesetzlichen Gleichberechtigung die Juden von allen Staats- und Kommunalämtern fast gänzlich ausgeschlossen sind. Die Ueberproduktion auf dem Gebiete des Studiums, die Ueberfüllung der gelehrten Berufsarten ist Jedermann bekannt. Daß auch Handel und Industrie infolge der veränderten wirthschaftlichen Verhältnisse nur noch geringe Aussichten bieten zur Erlangung einer materiell gesicherten Position, ist jedem Einsichtigen klar. Neue Wege zu finden, neue Möglichkeiten zur Begründung einerachtbaren bürgerlichen Existenz unserer Heranwachsenden Jugend zu schaffen, ihr neue Erwerbszweige zu erschließen, ist daher, wie jetzt allgemein zugegeben wird, eine unabweisbare Pflicht für die Juden in unserer Zeit. Diese neuen Quellen des Erwerbs zu eröffnen, hat sich der „Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlauds" zur Aufgabe gestellt, indem er unsere Glaubensgenossen zur Landwirthschaft und Gärtnerei hinüberleiten will, und zwar thut^er dies, wie Herr Rosenstiel ausführte, aus sozialen, ethischen und hygienischen Gründen. Dieser Vereiil besteht schon einige Jahre, jhat aber bis jetzt fast noch keine Erfolge auszuweisen. Die Mitgliederzahl ist noch sehr gering, die bisherigen Leistungen sind fast gleich Null, obgleich an der Spitze dieses Vereins Männer von klangvollem Namen stehen, und obgleich diesem Vereine Fachmänner angehören, die in ihren Vorträgen praktische und durchführbare Vorschläge gemacht haben. Die Ursache dieser betrübenden Erscheinung ist vor allem in der Art der ^Propaganda zu suchen. Der Entwickelung dieses Vereins steht nämlich eine Anstalt im Wege, die dasselbe Ziel verfolgt: biej Erziehungsanstalt in Ahlem, und es ist zu befürchten, daßj dieses^ Institut auch in Zukunft den Fortschritten des Vereins sehr hinderlich sein wird. Es klingt zwar paradox, und doch verhält es sich so. Bevor ich aber diese meine Befürchtung begründe, möchte ich noch darauf Hinweisen, daß die Idee der Hinüberleitung der Juden zur Bodenkultur nicht so neu ist, wie vielleicht manche Vereinsmitglieder in Ueberhebung glauben dürften; „sie ist schon längst dagewesen, in Zeiten, die vor uns gewesen sind." Bereits der am 7. November 1819 in Berlin gegründete „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judenthums", an dessen Spitze Leopold Znnz, Eduard Gans und Moses Moser standen, und dem später auch Heinrich Heine angehörte, hatte unter anderem in sein Programm ausgenommen: die Unterdrückung der infolge der lieblosen Gesetze entstandenen einseitigen Neigung unserer Glaubensgenossen zum Handel durch Hinleitung der ausblühenden Generation zu Gewerben, Künsten und Ackerbau. Im Jahre 1822 beabsichtigte dieser Verein eine Ackerbau-Kommission einzusetzen und war bemüht, sich eine Liste aller jüdischen Oekonomen anzulegen, ähnlich wie die vom Vorstandsmitgliede des Bodenkulturvereins, Herrn Rittergutsbesitzer Dr. Papilsky, eingeleitete Statistik über jüdische Landwirthe in unserer Zeit. Anch viele Vereine zur Förderung des Handwerks unter den Juden, die im Laufe des letzten Jahrhunderts entstanden sind, haben zum großen Theil auch die Förderung der Bodenkultur unter unseren Glaubensgenossen mit in den Kreis ihrer Wirksamkeit gezogen. In manchen Provinzen Deutschlands existiren sogar Stipendien und Legate für jüdische Zöglinge der Landwirthschaft, wie ich auf meiner Vortragsreise im Interesse Ahlems von Herrn Baron Hirsch in Würzburg, einem Vetter des verstorbenen Baron Hirsch in Paris, erfahren habe. Ich erinnere schließlich an den Vortrag des Herrn Rosenthal-Posen, den er am 27. Mai d. I. in der Generalversammlung des Vereins zur Förderung der Bodenkultur gehalten, und in welchem er hervorhob, daß schon um die Zeit 1820—29 einflußreiche Inden einen Verein zur Förderung der Landwirthschaft unter den Juden in der Provinz Posen begründet haben, wie es Herr Rabbiner Dr. Bloch aus Archiven festgestellt hat. Aus dieser geschichtlichen Digression ist zu ersehen, daß die Idee der Rückkehr der Juden zur Landwirthschaft nicht so neu ist, daß man sich erst allmälig daran gewöhnen müßte, und daß daher dieses Neuheitsmoment zur Entschuldigung der geringen Erfolge des Bodenkulturvereins nicht angeführt werden kann. Vielmehr hat der Verein seit seinem Bestehen viele Freunde der Landwirthschaftsidee