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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-23 · Heft 47 (23.11.1900) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
Seite 560 (sequence 10)
Language
German
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560 „freien Burschen" gehört auch das Bewußtsein, daß es keine Schande sein kann, einem ziemlich alten und um die ganze Menschheit ziemlich verdienten Kulturvolke entsprossen zu sein. Giebt es doch studentische Cirkel, in denen die Werthung der Persönlichkeit wiederum so ziemlich allein von Altersbeziehungen abhängig gemacht wird. Solchergestalt werden sich die jüdischen Studenten nicht aus die „Verdienste der Väter" berufen, aber Ahneiischeu brauchen sie auch nicht zu hegen. Und es bildet im Gegentheil einen werthvollen, für uns den wertvollsten Bestandtheil ihrer Bestrebungen, die Fühlung wieder zll gewinnen mit dem Judenthum der Vergangenheit und der jüdischen Gerneiubürgerschaft der Gegenwart. Dieses Streben offenbart sich denn auch in der weiteren Bethätigung der Bonner Verbindung. „Wir besuchten — so heißt es in dem Berichte — wie im Winter offiziell die Vortragsabende des Litteratur-Vereins," und an derselben Stelle werden die wissenschaftlicherr Vorträge anfgeführt, die innerhalb der Verbindung und seitens ihrer Mitglieder gehalten wurden. Im Sommersemester kamen „Die soziale Gesetzgebung im alten Testament" und „Antisemitismus und Strafrecht" zur Erörterung. Dieselben Gesichtspunkte der Beziehung zunr Judenthume hatten auch im Wintersemester die Auswahl der Vortragsstoffe bestimmt. So zeigen sich die jungen Herren bemüht, in den Geist der jüdischen Vergangenheit einzudringen und sich vertraut zu machen mit den Empfindungen und Bedürfnissen der jüdischen Gegenwart. Und in der zuerst pflichtgedrungenen „offizielleil" Theilllahme an solchen Bestrebungen hat wohl schorl lnancher jrnlge Mann fein „schlafendes" jüdisches Herz wiedergefunden und wird künftig nicht allein für die vom Arme der Themis Bedrohten, sondern auch für die verfolgte Sache des Judenthums in die Schranken treten. Erziehung zu Charakteren, zu selbstbewußten Juden scheinen uns die Ziele der jüdischen Verbindungen zu sein. Und wenn die Burschen dereinst in die Philisterschast eintreten, dalln mögen sie mit jugelldlichem Eifer sich diesen Aufgaben in erweiterteur Kreise widmen. Sie sind ja gerüstet, Führer und Leiter in den Gemeinden und Vereinen zu sein und Vorkürnpfer für die gemeinsame Sache. So oft und so falsch wird „die jüdische Solidarität" von gegnerischer Seite heraufbeschworen. Die getrennten, aber doch in Verbindung bleiben den, gleichen Zielen huldigenden „Bundesbrüder" können ein lvirkliches Band der Gemeinsamkeit Herstellen. Hier wie in den Gemeinden niögen sie an die Stelle Derer treten, die da sind ulld doch nicht da sind .... Der Student von heute hört sozialpolitische Vorträge. Möchten sie bei beit jüdischen Studenten nicht allein zur Bereicherung ihrer Kenntnisse führen, sondern zur Bereicherung, zur Veredlung jüdischen Lebens. Hier öffnet sich für die ehemaligen jüdischen Verbindungsstudenten eill Gebiet sozialer Bethätigung, auf dem ihm andere nicht vorgegriffen haben! Wenn sich die jüdischen Verbindungen für solche Aufgaben ernstlich und beharrlich vorbereiten wollen, danil darf ihnen die große jüdisch gesinnte Philisterschast in herzlichster Gesinnung die Worte in das Stammbuch schreiben: vivant, floreant, crescant! Vereine für Krankenschwestern. Von Dr. med. B. Auerbach in Köln. ie schädigende Zersplitterung der Mittel und Kräfte, die sich in der jüdischen Wohlfahrtspflege leider so mannigfach kundgiebt, hat schon zu vielen eindringlichen Klagen und Mahnungen Anlaß gegeben. Anstatt soziale und humanitäre Aufgaben mit vereinten Kräften auf gemeinsamem Wege zu verfolgen, werden vielfach kleine lokale Institutionen geschaffen, die in ihren materiellen Mitteln oft ebenso beschränkt sind wie in dem Bezirk ihrer Thätigkeit. Bei der Ausbildung jüdischer Krankenschwestern müßte aber eine derartige weitgehende Zersplitterung die übelsten Folgen zeitigen, denn die Zahl der jüdischen Frauen und Mädchen, die, ausgerüstet mit den nöthigen körperlichen und moralischen Fähigkeiten, aus idealen Beweggründen sich diesem Berufe zuwenden, kann entsprechend der jüdischen Bevölkerung Deutschlands keine allzngroße sein. Würde ihnen aber auch nur zum Theil infolge mangelhafter Organisation nicht die nöthige technische und ethische Ausbildung, nicht die ihnen zukommende materielle und gesellschaftliche Stellung zu Theil, so ivürden sie und auch das Publikum in gleicher Weise sich enttäuscht abwenden und das so kraftvoll begonnene Werk schädigen. Einmal ist die erfolgreiche Schulung nur bei Anlehnung an Krankenhäuser, die über genügendes Krankenmaterial verfügen, gesichert, dann erfordert nicht nur die Ausbildung große materielle Opfer, sondern noch mehr der für die Bernfsfreudigkeit der Schwestern unumgänglich nothwendige Schutz gegen die Existenzsorgen, somit die Sicherstellung gegen die Folgen von Unfall oder Krankheit, hinreichende Versorgung bei Dienstunfähigkeit oder Alter. Ferner kann auch die ausgebildete Pflegerin ihre technische Leistungsfähigkeit sich nur dann bewahren, wenn sie zeitiveise wieder im Krankenhause Gelegenheit zur Auffrischung und Erweiterung ihrer Kenntnisse findet. Aus allen diesen Umständen hat sich bei allen Sachverständigen die Erkenntniß durchgerungen, die sich aller Orten bewährt hat, daß eine gedeihliche und den hohen Anforderungen des Berufs genügende Thätigkeit der Schwestern nur im Rahmen einer festen Organisation, eines Schwesternverbandes, der sich an ein Krankenhaus anlehnt, denkbar ist. h Nur ein solcher Verband kann aus Grund der in ihm gepflegten Berufserziehung und des in ihm herrschenden Geistes die Sicherheit gewährleisten, daß jedes Mitglied mit dem Gefühl der Zugehörigkeit auch stets der moralischen Verpflichtungen eingedenk bleibt, die mit dem Bewußtsein der Verantwortlichkeit die besten Stützen in diesem schwerem Berufe sind Wir fühlen uns zu diesen Ausführungen im Interesse der ernsten Frage veranlaßt, weil bereits von einer großen Anzahl Gemeinden an unfern hiesigen Verein das Ersucheil gerichtet worden ist, für sie ein oder einige Mädchen zu Krankenpflegerinnen auszubilden. Für diese wenigen Pflegerinnen will man wieder besondere Vereine gründen, ohne zu bedenken, welche unerläßliche Vorbedingungen hillsichtlich Leitung, Beaufsichtigung. Fortbildung und materieller Versorgung erfüllt sein müssen. h Siehe die schönen Ausführungen in Billroth: Die Krankenpflege 1892, S. 14 ff.

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