Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- Seite 559 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228413--57026-3293376- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
559 Kenntnisse, in biblischer Geschichte uub Neligionslehre aber ein ausreichendes Maß von Wissen besitzen, in diesen beiden Fächern der ihrem Alter und ihren Kenntnissen entsprechendeil Stufe zugetheilt oder überhaupt davon dispensirt werden — ilm so eher, wenn sie an dem in ihrer Schule ertheilten Unterricht in diesen beiden Fächern weiter theilnehmen — während sie im Hebräischen den schulmäßigen Kursus durchzumachen hätten. Vielleicht würde es sich auch empfehlell, für vorgeschrittenere Schüler einen besonderell Kursus im Hebräischen einznrichten, durch den sie in kürzerer Zeit die Befähigung für eine höhere Stufe erlangen könnten. Wir glauben, daß durch eine derartige Maßregel viele Kinder der Religionsschule zugeführt itnb ihr für längere Zeit erhalten würden, dellen es infolge eilrgebildeter oder thatsächlicher Ueberbürdung mit Schularbeiten an der zur Theilnahme an allen Fächern der Religionsschnle erforderlichen Zeit mallgelt. So sehr eine Dispensation von einem Lehrgegenstande der Religionsschule oder die Zugehörigkeit derselben Schüler 311 verschiedenen Stufen als nnpädagogisch zu verurtheilelr und zu bedauern ist, so müssen lvir doch diesenr kteinerell Uebel den Vorzug geben vor dem größern, das darin besteht, daß ein Kind des Unterrichts im Hebräischen ganz entbehrt oder ihn nur so lange mitniuunt, bis es seinen Zlveck erreicht hat, d. h. bis nach der Barmizwah. Der Noth gehorchend, nicht dem eigellen Trieb, lvürden wir die Berücksichtigung' dieser Maßnahme befürworteil, bis die Eltern es als ihre Ehrenpflicht betrachten werden, die Kinder so früh wie möglich der Religionsschüle zuznführen und sie an allen Unterrichtsgegenständen theilnehmen zu lassen. Das wünschen lvir voll Herzen. Jüdische „Verbindungen^. Von S. 51 u b 0 r n. er jüngste Semesterbericht der Bonner „Rheuo-Silesia" ist — wie alldere Vereinsnachrichten — wohl mrr für die „Bundesbrüder" und bereu Freunde zusammengestellt. In Verbindung mit früher erfolgten Mittheilullgen aber bietet er hinreichende Allknüpfungspunkte, auch all dieser Stelle die studentischen Bestrebungen zu würdigen und zugleich damit die Bedeutung, die sie für die Gesammtheit erlangen können. Im Laufe des Sonlmersemesters trat die Verbindung mit einer vielbesprochenen Kundgebung in die Oefientlichkeit. „Gemeillsaln mit der Mehrheit der Bvllner jüdischen Studenten" erließ sie die bekannte Erklärullg in der Konitzer Sache. Das hat der jungen Vereinigung heftige Allgriffe der gegllerischerl Presse eülgetragen, und Kritik an ihrem Vorgehen wurde nicht allein im feindlichen Lager geübt. In der That bot die Form der Erklärung und weiterhin die Frage der qnantitativen Berechtigung der Erklärer eine Handhabe zu Ausstellungen. Doch diese Bedeliken mehr formeller Natur sind trotz aller Schmerzell der Leisetreterei nicht allzu schwerwiegend. Einmal sind jullge Leute mit ihrer wohlthuendell Unmittelbarkeit der Empfindullg keine lvügellden mrd gewiegtelr Kolnmissions-Berichterstatter, und sie sollen es nach autoritativem Urtheil (vergleiche Theobald Ziegler) auch beileibe nicht sein. Der Werth der „Erklärung" liegt auch gar nicht so sehr in ihrer Wirkung nach außen, sondern nach innen. Der Eindruck auf das jüdische Pllblikllttl ist uils die Hauptsache. Einige beherzte Leute mögen vor Schreck auf die nicht von Frackschößen geschützten Knie gefalleri sein, Andere aber haben sich in ehrlicher Genugthuung gesagt: das ist ein neuer, ein muthiger Geist, der aus beit raschen Worten spricht, ulld wenll die jllllgell Sente sich so weiter entlvickelll, dann werden sie die berufenen Führer eilles selbstbewllßteren Geschlechtes sein. Lange Jahrzehllte hindurch haben die Gebildeten der Zersetzllllg, dem innerell Verfalle des Jndellthuins und der äußeren Zurückdrüngllng der Jndeil theilnahmslos zilgesehen. Viele haben alleu Bedacht darauf verwendet, jeden Znsammenhang mit der jüdischen Gesammtheit sorgsamst ins Dllllkek zu rücken. Und der jüdische Student — 'er gehörte iu der Mehrheit der Fülle zu diesen „Vielen". Er fand seine zweite Aufgabe an der Hochschule darin, ben Jndeil in sich zu verleugnen und ben in Anderen zn meiden. Vielleicht ist von dieser Spezies des akadeurischen Bürgers zuerst die Losung ausgegangen: Ich verkehre nicht mit Judell — (außer mit mir selbst natürlich!) Die Zeitell solcher charakter- und würdelosen Selbstverleugner sind offenbar vorbei. Der Anfallg ist gemacht. Jetzt heißt es, ein „holloriger" Student luuß Farbe bekenlien! Die Bornler und die ihnen gleichstrebenden, mit ihnen zusanlmenstehelldell Vereinigungen haben dies nunmehr auch äußerlich zum Ausdruck gebracht. Jlldessen weitails wichtiger als solche äußeren Ullterscheidungs- und Einigungsmerkmale finb die Momente, welche die innere Zusammengehörigkeit, die Gemeinsamkeit einer idealen und dazu jüdischidealell Geistesrichtllttg begründen sollen. In dem Programul für die Erziehung der Mitglieder, das llicht osfiziell formulirt, sondern in einem Meinungsaustausch mit Ulliversitütsbehörde und anderen Korporationen angedeutet ist, heißt es: Die Verbilldung „will zullächst die auf deutschen Hochschulell üblichen Sitten, studentischen Sinn und Geselligkeit pflegen, . . . und eins lveiß sie sich auch mit der gesummten Studentenschaft in der Bethätigung vaterländischer Gesinnung." Mall mag es vielleicht bedauern, daß die Verbindungen in ihrer „Bethätigung" studentischer Sitte so weit gehen, daß sie auch denl studelltischen Vorurtheil eine große Konzession mach eil, daß die Glieder für die persöllliche wie für die Korporationsehre 'mit der Waffe eintreteil. Der in festgewurzelten Anschauungen liegende Druck ist kein Entschuldigungsaber immerhill ein Milderungsgrund. Die bisher von den Verbilldnllgell geübte unnachsichtliche strenge Zucht erscheint als Gewähr dafür, daß aus dieser Konzession ml studentische Ehrbegriffe keine Rauflind Provokationslust entsteht, daß die Befolgung studentischer Sitte nicht zu studentischer Unsitte ansartet. Jll dieser letzteren Hillsicht darf es feine Gemeinsamkeit geben. —, Sonst aber betont die Verbilldilng mit Recht und mit Grund die Interessengemeinschaft mit der übrigen Stndentellschaft. Die jüdischen Verbindungen sind keineswegs 31t dem Ende begründet worden, eine nelle Scheidewand anfzusühreu, sondern unl dem jüdischen Studenten den berechtigten Geltungsbereich zu verschaffeil in seinem Interesse und zum Vortheile des in ihm vertretenen Bekenntnisses. Die jüdischell Verbindungen schließen sich llicht üllgsttich von der übrigen Studentenschaft ab, jeder Einzelne wird sicher bemüht seill, Fühlung zn behalten mit seinen alten llichtjüdischen Freunden. Der jüdische, der „hollorige" Student darf sich allerdings auch Niemandem ansdrängen. Zll dem Stolz des