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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-23 · Heft 47 (23.11.1900) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
Seite 558 (sequence 8)
Language
German
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558 will, der muß andere Worte unterschreiben, der muß anerkennen: Nicht die Macht bildet das Recht, sondern das Recht bildet die Macht. Tie Intoleranz richtet Deutschland und seine Bewohner zu Grunde. Das Judenthmn ist nicht eine Wahrheit, sondern die Wahrheit, welche alle andere Weisheit überwindet. Und nicht nur die Anerkennung ist nöthig, sondern auch die mannhafte Vertretung durch gelehrte und Popnlärwiffenschastliche Arbeiten, durch Schrift und Wort. Doch noch eins! Ist man sich denn darüber einig, was Judenthmn sei! Nun, hoffentlich werden Liberale und Orthodoxe sich einmal darüber einigen können, wenn erst das Judenthmn wieder zum Gegenstand des Hohnes und des Spottes der gebildeten und ungebildeten Welt geworden ist, wenn sie ihren Kindern mit dem Jndenthum alle Schmach und alle Verkennung vererbt haben, die mit demselben jemals verbunden geivesen ist, ivenn die geistig und leiblich geknechteten Enkel der Uuthütigkeit der Väter fluchen! Vielleicht aber kommt es auch gar nicht so weit: und während die liberalen Rabbiner ans Reformen achten, und die Orthodoxen jubeln über Nichtanschaffnng einer Orgel oder Anschaffung eines tiefschwarzen Rabbinalskandidaten. interessirt sich die Gemeinde recht lebhaft für die religiösen Streitigkeiten innerhalb des Christeuthums. Wer diese Entwicklung billigt, der mag sie billigen und die eigene Ehrlosigkeit durch unerschütterliches Phlegma züm Ausdruck bringen. Dessen aber sind wir gewiß! Tausende und Abertausende loerden sich aufraffen, wenn hoffentlich recht bald der Ruf zum Zusammenschluß an die einzelnen Gemeinden ergeht, sie iverden sich aufraffen und gern in den Kampf gehen sür das Recht, für das Vaterland, für unseren Gott. L. Unser Religionsunterricht. ii. jSSlie Existenzberechtigung, ja -nothweudigkeit besonderer r\W Veranstaltungen für die Unterweisung unserer Jugend in der Religion, also der Religionsschulen, wird in Anbetracht dessen von Niemand in Abrede gestellt werden, daß nicht alle jüdischen Kinder Gelegenheit haben, in der von ihnen besuchten öffentlichen Schule Religionsunterricht zu genießen, und daß die Einführung des Unterrichts im Hebräischen uüd in der Liturgie, die ja integrireude Bestandtheile des Religionsunterrichts sind, an jenen Schulen nicht zu erwarten ist. Dem Ausbau dieser für den Fortbestand unserer Glaubensgemeinschaft so überaus nächtigen Institute gehört die vornehmlichste Sorge Derjenigen, in deren Hände die Gemeinde die Leitung des Gemeindewesens und die Ueberwachung der religiösen Institutionen gelegt hat. Daß unsere Neligionsschulen im Sinne und nach den Prinzipien der Pädagogik der Neuzeit eingerichtet und geleitet iverden, ist eine selbstverständliche Forderung, der in mehrfacher Beziehung bereits entsprochen wird. Der früher oft unangenehm aufgefallene Uebelstand, daß jede der hiesigen Gemeinde- Religionsschulen eine Sonderexistenz führte, ja sogar in einem mehr oder weniger schlecht verhüllten Gegensätze zu den anderen stand, scheint nunmehr der Erkenntnis; zu weichen, daß schon in Rücksicht auf die oft nothwendigen Umschulungen die sonst in aller Welt bei gleichartigen Schulen innerhalb derselben Verwaltung herrschende Einheitlichkeit auch hier dringend nothwendig sei, und diese sowohl in Bezug auf den Aufbau, den Lehrplan, die Unterrichtszeit, die Lehrbücher u. s. w. als auch auf die äußere Organisation, die Auswahl der Leiter und Lehrer, die Anstellungsformen und -bedingungen, besonders der letzteren. Ein konstantes Lehrerpersonal ist eine sichere Gewähr, für j die ersprießliche Wirksamkeit einer Schule; dies gilt in noch weit; höherem Maße von unseren Religionsschulen. Ein öfterer! Wechsel der Lehrer hindert das an diesen Schulen wegen der! Verschiedenartigkeit des Schülermaterials an sich schwierige I Zustandekommen inniger Beziehungen zwischen Lehrer und! Schüler und zwischen Schule und Haus. Ein „Hand in Hand! gehen" dieser Faktoren ist aber nirgend nothwendiger und 1 heilsamer als gerade hier. Ein konstantes Lehrerpersonal wird! jedoch nur dann geschaffen werden, wenn erprobte Lehrer au! diesen Anstalten ausgiebigst beschäftigt und auskömmlich besoldet! werden, und wenn die Thätigkeit an der Religionsschnle nicht! als „ganz annehmbare" Nebenbeschäftigung aufgesaßt wird oder i gar den Zweck und den Charakter der ersten pädagogischen; Versuche hat. Der Mangel an geeigneten Lehrkräften, der mit dem Wachstynm unserer Gemeinde gleichen Schritt hält, wird mit * der Zeit zur Anerkennung und Verwirklichung dieser Grundsätze j die von berufener Seite längst ausgesprochen worden sind, von j selbst führen. Freilich hat dies die Einheitlichkeit aller unter der i Verwaltung der Gemeinde stehenden Religionsschulen und die! Einmüthigkeit der Leiter zur Voraussetzung. Die Unterrichtszeit! der einzelnen Neligionsschulen ließe sich dann leicht derart! regeln, daß die von der Unterrichtsverwaltung der Gemeinde! angestellten Lehrer au mehreren Anstalten beschäftigt werden j könnten. In jüngster Zeit ist wohl ein Versuch damit gemacht! worden, und wir glauben, mit gutem Erfolg. Die Anstellung der Lehrer muß eine dauernde und die! Besoldung nach Verhültniß der Dienstjahre steigend sein. Die; dadurch gewonnene Sicherheit und Unabhängigkeit der Lehrer verleiht ihnen die für eine erfolgreiche Thätigkeit unerläßliche Arbeitsfreudigkeit, die selbst dem strebsamsten und gewisseuhaftesten Lehrer mit der Zeit abhanden kommt, wenn er wahrnimmt oder zu glauben Ursache hat, daß seine Existenz lediglich vom Wohlwollen Einzelner abhängt. Ob bei der Wahl der Leiter und Lehrer der pädagogischen Befähigung oder der theologischen unbedingt der Vorzug zu geben sei, ist eine schwer zu entscheidende Frage; jedenfalls ist es wünschenswerth, daß ans pädagogische Vorbildung keineswegs verzichtet werde. Die erfreulicher Weise stetig steigende Frequenz der Religionsschulen, die wir auch als einen Beweis für das wachsende Bedürfniß nach Unterricht im Hebräischen ansehen, möchten, hal naturgemäß Zustände hervorgerufen, die mit der Zeit einen schädigenden Einfluß auf die Entwicklung und Wirksamkeit der Anstalten auszuüben und ein ans Liebe und Anhänglichkeit der Zöglinge gegründetes Verhültniß zur Schule nicht aufkommen zu lassen geeignet sind. Wir meinen besonders die Vereinigung von Kindern, die in Bezug auf Alter und Bildung erheblich von einander abweichen, zu einer Stufe. Zu dieser nnpädagogischen Nothwendigkeit ist die Schule besonders bei den Knaben gezwungen, die häufig erst dann die Religionsschnle anssnchen, wenn es gilt, für die Barmizwah vorbereitet zu werden. Solche Knaben müßten, wenn sie im Hebräischen keine oder ungenügende

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