Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-23 · Heft 47 (23.11.1900) · p. Seite 557

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
Seite 557 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228413--57024-3293374
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

557 l Bechickt chter lichte auen , da rten. ilieu Zahn lente t die lten. ein hens ist lche; gell zu kein als aden weiß inem vird, eloh- >n. egen s ist :d es d es. ls ist r bea bensinn rdlich weist erren e einildet. -leisch in die lagte, Wo ischen t gealles dem rlentprobe. Damals sprach Mastloff noch nicht, damals erzählte er noch — unsicher, wie er war, schreckliche Geheimnisse. Dann aber — nach Wochen, ja nach Monaten, als Masloff, der olle, ehrliche Mastloff — seine seltsame Geschichte zusammengebaut hatte, dann war sie, die Roß, in ihrer Glorie. 2000V Mark betrug die Belohnung. Da verstand sie — die Roß — ihre seltsame Mär mit Maßloffs Geschichte in Einklang zu bringen. Da drohte sie den Juden. Und sie sprach von Sündengeld. 20000 Mark war als Belohnung ailsgesetzt. Mastloff hatte seine Meisterin gefunden. Seine Schwiegermutter war ihm über. Hätte Mastloff seine Geschichte früher erfunden, hätte die Roß sie früher gekannt, dann wäre noch ganz etwas anderes herausgekommen. Nur instinctiv und aus ganz besonderen Ursachen wollten sie getrennt marschiren. Auf diesem Marsche ereilte sie aber das Schicksal — die Untersuchungshaft. Und Masloff bekam keine Bouillon mehr, seine Frau keine 10 Markstücke mehr. Herr Bruhns, der freiwillige Untersuchungskommissar und die verbündeten Oberlehrer konnten sich nicht mehr mit den edlen Geistern beschäftigen. Der Vorhang fiel. Und es kam der be—rühmte Konitzer Zwischenakt. -i- * * Nu» wurde das ganze schreckliche — vom Standpunkt des Kulturfreundes so schreckliche Drama, vom Standpunkt des Philosophen — so entsetzliche Possenspiel vor uns aufgeführt. Nun traten die jammervollen Wirkungen demagogischen Treibens uns vor Augen. Preußische Richter hatten Zeugenaussagen entgegenzunehmen, die wie aus der Jnquisitionszeit klangen. Schaudernd fragten wir uns: ist das alles Wirklichkeit? Sind es unsere Zeitgenossen, die so denken? Wir konnten es nicht fassen. Aber ein Blick ans Mastloff, ein Blick auf die Roß belehrten uns, daß wir das alles miterlebten; daß sie unter solcher Anklage standen, nahm uns nicht Wunder und hatte keine Schrecken für uns. — Grauen erweckte nur das Milieu. * * * In Zuchthausmauern werden der berühmte Mastloff und die talentvolle Roß nachzudenken haben, über die Unzugängichkeit der Menschen. Vielleicht werden sie ihrer „Begabung" fluchen. Wir können nur wünschen, daß sie ihr Könitz anders wieder finden, als sie es verlassen. Die Juristen werden über den Prozest ausführlicher sprechen können. E. Ph. Ans Werk! Ans Merk! enn auch im Augenblick durch das Urtheil in Könitz das Schlimmste abgewehrt scheint, so wird doch niemand die Gefahren übersehen, welche uns umgeben. Heute wird der Versuch gemacht, Kinder jüdischen Glaubens aus den Schulen zu entfernen, die Vereinigungen der Studirenden, soweit sie nicht spezifisch jüdisch sind, weigern sich, Juden aufzunehmen. Die christlichen Gesellschaftskreise in weitem Umfang glauben sich durch den Verkehr mit Juden zu erniedrigen; zu allem Ueberfiuß wird unaufhörlich von moralisch minderwerthigen Menschen unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft gelästert und verhöhnt. Auf diese Weise aber wird nicht nur die gesellschaftliche Ehre uns genommen, auch in den Erwerbsverhältnissen kommen die Juden mehr und mehr zurück. Der Aemterhunger und die Lage eines Theiles des Beamteltthums verlangt Entfernung der Juden aus allen Aemtern, die eine Einnahmequelle erschließen; auch christliche Privatunternehmen scheuen sich oftmals, Juden anzustellei: und jüdische Unternehmer folgen mit feierlichem Stumpfsinn ihren andersgläubigen Kollegen. Freilich giebt es heute noch eine ganze Anzahl reicher und vermögender Juden, aber über dieser Thatsache darf man nicht übersehen, daß große Kreise täglich mehr verarmen und das Proletariat der Großstadt vermehren, oftmals als die Aermsten der Armen. Ungeheure gesellschaftliche und soziale Gefahren bedrohen uns, und sie reden eine so gewaltige Sprache, daß jeder das Echo derselben vernehmen sollte. Nun wurde letztens gesagt: „Ein Schrei der Entrüstung entringt sich seit Jahren der Brust jedes einzelnen Juden im deutschen Vaterlande ob des Einflusses, den jene unchristliche und kulturfeindliche Erscheinung. der Antisemitismus, in Stadt und Land errungen hat. Dieser Schrei ist angesichts des Anwachsens der antisemitischen Strömungen zum Sturm geworden, und in dem Augenblicke, da der Antisemitismus in Könitz feine Orgien feiert, schwebt auf den Lippen all unserer Elaubensgenosseil die bange Frage: Wie wird das enden?!" Das mag richtig sein. Man muß aber hinzufügen: Und doch verharren die deutschen Jude:: beim Alten. Ihr Wirken besteht im Wesentlichen in der Passivität, diese erschöpft einen großen Theil der vorhandenen Kräfte und verurtheilt andere zur Unfruchtbarkeit und zur absichtlichen Beschränktheit. Daneben haben wir nun freilich auch Abwehrvereine, welche nach bestimmtem Schema den Antisemitismus durch dieselben tausendmal gedruckten Redensarten bekämpfen und die, wenn sie auf diese Weise weiter abwehren, hier und da Gefühle der schuldige!: Dankbarkeit in i die des Mitleids umwandeln können. Am erfolgreichsten i arbeitet der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Aber in einer Zeit, in welcher ein Graf Pückler freigesprochen! werden kann, in welcher auf Shnagogenschändung keine besonders! hohen Strafen stehen, in welcher man überall die Schandmär! vom „Ritualmord" erörtern hört, dürfte seine Thütigkeit, welche \ auf das Gesetz verweist, allein nicht mehr genügen. j Nun hat Professor Philippson endlich das richtige Wort;; gesprochen. Ein Judentag soll einberufen werden. Aber kamn l ist das Wort gesprochen, da steckt inan allüberall die \ Köpfe zusammen: Nein, wie kommt nur dieser Herr zu einem 1 solchen Vorschlag! Wir sind doch numerisch zu schwach, um j etwas zu bedeuten! Ich denke, diesen Einwand nimmt Niemand -! recht ernst, denn derselbe Einwand konnte doch an jedem Tage \ unserer viertausendjährigen Vergangenheit jedem Vorgehen j gegenüber gemacht werden. Was aber so allgemein ist, paßt \ immer und ist immer deplazirt. Thalsächlich wälzen sich ja auch \ ganz andere Gedanken durch den Geist mancher Juden. Wir wollen es aussprechen: Sie glauben an eine gewisse!! Vernünftigkeit des Antisemitismus, sie glauben thatsächlich: l Macht geht vor Recht, die Christen stehen sich ganz gut beim Antisemitismus, jede Religion ist gleich wahr und unwahr. Das sind scheinbar große Entdeckungen der Neuzeit, in Wirklichkeit aber unwürdige Ausgeburten des „modernen Idealismus", - der das Höchste auf dem Niveau der eigenen Sittlichkeit oder Unsittlichkeit denkt. Darüber sollte sich doch Jeder klar sein:!. Wer Jude ist oder für das Judenthum etwas leiste!: [!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.