Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 ein Jude von Ueberzeugung. Der Borsitzende des Vorstandes der Anwaltskammer, Herr Justizrath Freiherr v. Godin, zollte am Grabe dem Wirken des Kollegen Dank und Anerkennung. Ein Gleiches that Herr Rechtsanwalt Julius Feust für den Studienförderungsverein. Herr Rechtsanwalt Ofner sprach als erster Knltnsvorstand Namens der israelitischen Kultusgemeindeverwaltung. und hob insbesondere hervor, wie sehr es dem Verblichenen zu danken sei, daß er vermöge seines konzilianten Wesens und toleranten Standpunktes während seiner dreißigjährigen Zugehörigkeit zur Gemeindeverwaltung durch seine Besonnenheit viel zur Erhaltung des Friedens in der Gemeinde beigetragen habe. Sein Name ist mit der Geschichte der israelitischen Gemeinde München eng verwachsen. Sein Andenken bleibt ein gesegnetes. Er ruhe in Frieden! Stuttgart, 11. November. Der Verein zur Unterst ü tz u n g von W i t t w e n und W a i s e u armer israelitischer Lehrer und Vorsänger Württembergs veröffentlicht seinen Rechenschaftsbericht über das Rechnungsjahr 1. April 1899/1900. Auch in diesem Jahre hat das württembergische Königspaar dem Verein seine Huld und Unterstützung zugewendet. Neben den Beiträgen der Kollegen erhielt der Verein auch diejenigen der außerordentlichen Vereinsmitglieder, Gaben bei besonderen Anlässen sowie Opserspenden und Jahresbeiträge von den Gemeinden des Landes. Dennoch sind die Spenden aus mancher Gemeinde spärlicher geflossen, aus anderen ganz ausgeblieben, während die Ansprüche all den Verein nicht im Abnehmen begriffen fiub. Hat er doch 16 Wittwen zu unterstützen llnd sollstigen satzungsmäßigell Aufgaben nachznkommen, was einen Aufwand von 3005 Mark verursacht. So blieben denn die ordentlichell Einnahmen wieder um ein starkes Drittel hinter ben Anforderungen zurück. Am 8. August d. I. hielt der Verein seine ordentliche Mitgliederversammlung in der Restauratioll Westheimer und ertheilte der Kassen- und Rechnungsführung satzungsgemäße Gutheißung. In ihrer freiwilligen Tagung berieth die Versammluilg über folgende Gegenstände: 1. Unsere Denkschrift, 2. Belohnung der Kirchendienste israelitischer Volksschullehrer. Der Beratung des letztgellannten Gegenstandes folgte die sofortige Eillreichung eines Gesuches an die Königl. Israelitische Oberkirchenbehörde. Die Einnahmen des Vereins betrugen illl Berichtsjahre 6138 Mark, die Ausgabell 5547.72 Mark, das Gesammtvermögen 524992.34 Mark. Oesterreich - Ungar«. □ Wien, 11. November. In dieser Woche noch soll der Prozeß in der Polnaer Mordaffäre zu Ende geführt werden. Wie auch das Verdikt lallten wird — ob für den Angeklagtell günstig oder llicht — in jedem Falle sind neuerdings für llnsere Glaubellsgenossell in den böhnlischen uild mährischen Gemeinden Unruhell zu befürchten, wie die in Pilseil bereits angekündigten befürchten lassen. Im Prozesse selbst plädirte der Staatsanwalt Malijowskh für Schuldigsprechung Hülsners wegeil Erulordnllg der beiden Mädchen Hrliza mib Klima, fugte aber zugleich unter allgemeiller Aufregung des Publikulns über das Motiv beider Morde hinzu: „Leichtfertig wurden Gerüchte über das Motiv in Umlauf gesetzt, voll welcheil die Massen sich heute vergebens zu befreien suchen. Ich glaube nicht daran, daß der Mord aus den kolportirten Motiven verübt wurde. Ich glaube nicht darall, daß die Israeliten Christenblnt brallchen. Warum sollen wir Männern der Wissenschaft, warunl sollen nur ullserer Fakultät llicht glauben, daß hier ein Mord aus sexuellen Motiven vorliegt?" (Große Bewegung.) Dagegell trat der Jnngtscheche Dr. Baxa als Anwalt der Familie der ernlordeteil Hruza fallatisch ulld aufreizelld für die Anliahnle eines „Ritnalmordes" ein. Das Urtheil wird wohl am Mittwoch gefällt. -- Aul 8. d. M. starb hier der Rabbiner der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Jakob Fleißig in seinem 83. Lebensjahre. Der Verstorbene. welcher, ohne jemals etwas publizirt zu haben, als Gelehrter eines über die Grellzell Oesterreichs weit hillausreichenden klangvollen Nanlens sich erfreute, lvar eine durch seltene Geistesgaben hervorragende Erscheinung. Rabbiller Fleißig war ein Vertreter klassisch scharfsinniger Talullldsorschuug und ein sehr gründlicher Kenner der Kantschen Philosophie. Als in Ungarn die religiösen Parteiverhältnisse illsolge des vom Kultusnlinister Baron Eötvös eiilberufeileu Kollgresses sich verschlimmerten, legte Fleißig, llm llicht ills Parteigetriebe hiueingerissell zu lverdell, sein Aillt als Rabbiller in Freistadtl nieder. Ihm ging der Friede über alles, llild deshalb leistete er der Verlockung, all die Spitze der nen gegründeten ungarischen Landes - Nabbillerschule zu treten, wohin er in der ehrenvollsten Weise als Rektor berufen wurde, mannhaften Widerstand. Er zog es vor, hier in Wien als Rabbinatsassessor in bescheidener Weise selbstlos uub hingebungsvoll zu wirken, seinen Studien zu leben und wissellsdurstigen Jüngern Belehrung angedeihen zll lassen. Bis zu seinem 80. Geburtstage lag er allen seinen Amtspflichten in der hingebllngsvollsteu Weise ob; erwirkte hier länger als 26 Jahre und erfreute sich bei allen Parteien der größten Hochachtllllg, denn er war ein fester, unbeugsamer Charakter, ein Maull des Friedens und der Wahrheit. — Aus Faryzsow in Galizien wird gemeldet, daß dort große Aufregung herrscht, lveil die 13 jährige Tochter des dortigen jüdischen Schlossermeisters Kllpfer nla uu in ein Kloster entführt wurde. Die Bemühllngen der Eltern, sie wiederzuerlallgerl, sind vergeblich gewesell! Budapest, 2. November. Die Präsidenten der israelitischen Gemeindedistrikte hielten ihre ordentliche Jahresversamullullg, welcher ein ausführlicher Bericht über die Thätigkeit der israelitischen Landeskanzlei vorgelegt wurde. Es wird tu demselben mit tiefem Bedauern konstatirt, daß die Frage der Autonomie der Lösung um feinen Schritt näher gekommen ist, obgleich die Versanlinlllng der Distriktspräsidenten die Einberufung eines neuen jüdischen Kongresses von Jahr zu Jahr urgirt. Was die E r g ü il z u ll g des Seelsorgereinkommens betrifft, meldet der Bericht, daß das Ministerium bisher das Einkommen voll 47 Nabbiuaten festgestellt und von diesen nur bei 21 das Eillkommen zum Theile ergänzt hat. Bei den übrigen erwachsen daralls Schlvierigkeiteu, daß das Rabbinatsamt entweder durch einen sogenallnten „Rabbinatsverweser", der im Sinne des Gesetzes keinen Anspruch aus Einkommenergällznng hat, oder mit eineui Rabbiner, der kein Abiturientellzellgniß hat, an das Gesetz die Ergänzung des Einkommens bis zur Höhe von 1000 Kronen geknüpft hat. In Allbetracht dessen, daß auch der Unterstützungsbeitrag, lvelcher auf Grund des Kougrualgesetzes der israelitischen Konfessioll zllkomult. auch ein geringer (5355 Kronen) ist, macht die Kailzlei beu Vorschlag, es möge an die Regierllng die Bitte gerichtet werden, im Staatsbudget die für israelitische Religionszlvecke sestgestellte Dotation im Verhältniß zu den Dotationell der übrigell Konfessionell, etwa bis zur Höhe von 100000 Kronen zu erhöhen. Nach einer Schilderung der Verhältilisse der ö f fe ll t l i ch e ll F o ll d s wird mit Bedauern konstatirt, daß die Einnahmequellen der Kllktllsgemeindell voil Jahr zu Jahr abllehmell, lind daß die Verluste, welche die israelitische Konfession durch Uebertritte erleidet, ungewöhnlich groß sind. Die Kauzlei unterbreitet schließlich den Vorschlag, es möge bei der Regierung die Erlediglrng der vor vier Iahrell überreichten Repräseiltation urgirt lverdell, in welcher die Versamnllullg der Distriktspräsideuten die Ermöglichung einer erfolgreichen Regelung der jüdischen Antollomie anfucfjte. Die vorgelegten Anträge lvurden augellomnlell. — Baroil Arnlill Popper de Podhragy lvurde zum Ehrenbürger des Bezirkes Czaza gewählt. Ein aus 100 Mitgliedern bestehende Abordnuilg überreichte ihul das Ehrenbürgerdiplolll an dem Tage, an dem in seinem Hanse die Konfirmation seiiles ältesten Sohnes gefeiert wurde. Die Stadt Poprad in der Zigs wählte ben Rechtsanwalt Dr. Siegism ulld Beer zum provisorischen Bürgermeister. — Denl Grundbesitzer Heinrich Rosenseld wurde das Adelsprädikat „Bicskei" verliehen. Nußland. L. T. Odessa, 8. November. Ans Pereja slaw (Poltawer Gouvernement) berichtet mau: Dieser Tage starb im Landschaftshofpital nach schwereil Seiten illsolge eitler typhösen Ailsteckullg der Landschaftsarzt Dr. uied. Boris Grigorjewitsch Gadaskin. Der Verewigte, der kaum das 28. Lebensjahr erreichte, fiel als Opfer seilles Berufes. Er praktizirte ullgesähr vier Jahre in den besten Kiew er Spitälern, indem er sich zum Laudschaftsdiellste vorbereitete. Endlich lvar die Prüfung beftauben, und Gadaskin, nachdem er genug Erfahrlmg llnd Wissen erworben, erhielt die Stelle eiiles Laudschaftsarztes im Fleckerl Chozky, Perejaslawer Kreis. Hier erwarb sich der jnllge Arzt die allgemeine Sympathie dank seiner Herzensgute, Menschenfreundlichkeit und seiner vollen Hingabe au den schweren Beruf. Vor llngefähr zwei Wocheil lvurde er zu einer krankell Bäuerin gerufeil. Sie hatte ansteckenden Typhus. Gadaskin beganll, lvie gewöhnlich. mit Eifer sich feiner Pflicht hinzugebeu. ohne seine Kräite zu schonen. Nach einigell Tagen war das junge Leben dahingerafft. Die tranrige Nachricht von denl frühzeitigen Tode dieses aufopfernden