Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 Arztes berührte alle Einwohner von Percjaslaw tief und schmerzlich. Vor drei Monaten erst hatte sich der so früh Dahingeschtedene verheirathet. Seiner sterblichen Hütte folgtet: Tausende von Menschen, Christen und Inden, Reich und Arm, mit einem Worte: Alle beeilten sich, die letzte Ehre dein menschenfreundlichen Arzte zu erweisen. Ehre feinem Andenken! — Noch schrecklicher ist die zweite Trauerkunde von denr Begräbniß des allgemein geachtete!: Arztes, Kollegienassessor Roman Lwowitsch Sinaiski und seiner 15jährigen Tochter Marie, die in ihrer Wohnung in der Nacht vom 6. Juli in Slnzk (Minsker Gouvernement) in grausamer Weise ermordet wurden. Sinaisky wurde in Kolono am 16. Januar 1855 geboren. In: Jahre 1884 beendigte er den Kursus der St. Petersburger militär-medizinischen Akademie und lvurde bald daraus praktischer Arzt iu Slnzk. Er war der einzige jüdische Arzt in dieser Stadt. Da er ein weiches Herz besaß, liebenswürdig tut Umgänge mit den Kranken war, und dazu iumieu höflich und geistreich in der Unterhaltung, erwarb sich Dr. Sinaiski die allgemeine Liebe der Bevölkerung, tvodurch er eine ausgebreitete Praxis itt Stadt und Umgebung besaß. Er war vierzehn Jahre hindurch tntentgeltlich Arzt des jüdischen Asyls, zu gleicher Zeit der Feuerlöschmannschaft, der christlichen geistlichett Schule und des Troizker Klosters. Die ganze Stadt, in vollem Silttte des Wortes, vergoß Thronen des Schmerzes ttttt den ans so tragische Weise atts dent Lebet: Dahingerafften. Die Mütter trugen ihre Kittder hinaus, ihtteit dett Sarg Desjeitigett zeigend, der sie einmal atts den Klauen des Todes rettete. In: Gefühle der Trauer und des Schnterzes um dett so frühzeitig Dahittgeschiedenett vereinigten sich alle Nationalitäten. Segelt attch seinem Andenken! — Und endlich noch der Nekrolog eittes dritten jüdischen Arztes. In Kischinew starb vor Kurzent einer der ältestett Aerzte. Staatsrath Dr. med. MichailOfipolvitfch V (it tit e n - feld. der früher Militärarzt lvar, tntd den russisch-türkischen Krieg mitntachte. Er starb it: Berlin infolge einer Operation. In seiner Eigenschaft als Arzt wirkte Blumenfeld in Kischinew seit 1871; er war einer der ersten Chirurgen uttd Operateure der Stadt, besonders itt Angenkrankheiten. Aber außer it: feinem Berufe ertvarb sieh der Verewigte die Syntpathie der Bevölkertmg auch als Gemeindevertreter. Im Anfang der siebziger Jahre in Kischinew an gelangt, nahm Dr. Bltnnettfeld sofort eilte hervorragende Stelluttg als einer der ersten Stadtverordneten itt der Gouvernementsuttd Kreislandschaft, uttd in der städtischett Munizipalität etn; Stadtverordneter der letzteren blieb er bis zu feinem Tode: er tuen* attch einer der ersten Ehren - friedettsrichter. Aber itt seiner rastlosen Thätigkeit vergaß er nie die Glaubensgenossen als Sohtt eittes Rabbitters, uttd zumal eines ausgeklärtett Rabbiners. Die Taltttnd-Thora, welche itutt ein unbewegliches Berntögett von 100 000 Rubel besitzt, ist ihm viel verpflichtet. It: dent Heimgegattgetteit hat die jüdische Bevölkernttg Kischineivs ritten ihrer hervorragettdsten Vertreter verlöret:, der eilten eifrigen tntd tvvhlthätigett Attllieil an allen Bildungsinstituten nahm. Ueber das Leichenbegängttiß berichtet: die Zeituttgett interessante Details. Sie erzählet:, daß Kischinetv seil Jahren fein solches Begräbniß gesehen habe. Sütttnttliche Regierttttgsbehörden, Vereine und Korporatiottett der Stadt tute des Kreises rvarert vertretet:. An: offenen Grabe des Verewigten sprachen: der Bürgernteister Schtttidt, der den Verblichettett als einen mnsterhasten Vertreter der Stadt charakcerisirte, Dr. Mutsehnik. der die philanthropische Thätigkeit des Heintgegattgenen schilderte nnb in seitter Rede darauf Hit:totes, daß, wiewohl der Verklärte selbst kein reicher Maut: war, er uichtsdestoweniger für die Kischinewer Armen bedeutettd mehr geleistet hat als viele reiche Leute, ferner Dr. Sizinski, der hauptsächlich über die ärztliche Thätigkeit des Dahiltgeschiedeuett sprach ttnd über seitt liebevolles, aufopferndes Wirken den Leidenden gegenüber. Ein charakteristisches Detail: währettd des Leichenbegängnisses touren alle Kaufläden, Magazine und Komptoire geschlossen. Möge dem Verewigtet: die Erde leicht sein! Von Nah und Fern. — Deut Romanschriftsteller Dr. nted. Max Ring ist der Titel Professor verliehen worden. Er hat schot: das 82. Jahr hinter sich und fatitt auf ein bald 60jähriges dichterisches Schaffen zurückblicken. — Am 11. d. M. ist hier der Kupferstecher I. Gott lieb Michaelis im 78. Lebensjahre gestorben. — Bei den: Wettbewerb des Vereitts der Künstlerittnen ttnd Knustfrenttde habet: den ersten Preis Fräulein Fanny Le vy für ein Herrenporträt. den zweiter: Fräulein Betty Wolfs für das Porträt des Orietttalisten Albrecht Weber erhalten. — Die Kostet:, die der Prozeß M a ßl o f f u tt d G e tt o f (e it verursacht hat, belaufen sich ans rund 30 000 Mark. Es sittd int gattzett 169 Zeugen geladen gewesen, vott denen 131 vernommen wurden. An einzelne Zeuget: ntnszten Beträge bis z:t 500 Mark für Gebühret: gezahlt tverdett. — Alt Stelle des als Direktor des Seukenbergmnsennts nach Frattksnrt a. M. gegangenen Dr. Römer ist Fräulein Klara Hamburger zttr Assistentin des Zoologischett Jnstitttls in Breslau ernannt werdet:. Es ist dies der erste Fall, daß eine Dante eine solche Stelluttg an der Breslatter Universität entnimmt. — Der Freiwillige Arth n r W yn gaerd atts Mülheim a. Rh. ist laut einer Meldung aus Takit dem in Chitta epidetttisch austretenden Darmtyphns erlegen. — Denntächst tvird itt Marburg ein Lehrlingsttttb Schülerheim eröffnet. Die Mittel zum Nettbatt und zttr Erhaltung des Hauses sind itt aller Stille gesamtuelt. Auch sittd mehrere Zimmer zur Ausnahme jüdischer Stndenteit eingerichtet, diese sollet: itt: Heittt Wohnung ttttb Verpfleguttg erhalten. — Der griechisch - orthodoxe Geistliche T h. K o m p i a t: u in Temes var, ein antisetnitischer Hetzredner, ist tveget: Wechselfälschung tntd Unterschlagung zu elf Jahren Zuchthaus vernrtheilt tvordett. — In Paris ist der Professor der Geschichte am Lycenrn Eondorcet, Maurice Wahl, früher Getteralinspektor des öffetttlichet: Unterrichts it: dett Kolonien, gestorben. — Infolge der zwischen Osfizierett der Artilletieschnle in F o:: t a i n e b l ea u stattgehabten Duelle, die durch die Angelegenheit des Hanptmcutns Coblentz hervorgernsen waren, hat der Kriegsmiltister eine strenge Utttersuchttttg angeordnet. Mat: hält eine zeitweilige Schließung der Artillerieschule tticht für unmöglich. — An allen rnssischen Universitäten dürfeit die jüdischen Sttldirenden eittett bestimmtet: Prozentsatz der Studirenden innerhalb einer Fakultät nicht überschreiten. Auch die Universität Dorpat unterliegt dieser einztvängenden Bestimmung. Da sich nun ztt Attfang dieses Wittterhalbjahrs heransstellte, daß dieser Prozentsatz in allen Fakttltätet: bereits erreicht war, so gestattete die Universttätsbehörde. daß ein paar jüdische Stttdirende für das Fach der—e v a tt g e l i s ch e t: Theologie immatriknlirt wurden. Die Absicht des Rektors war natürlich rvettiger. den jüdischen Sttldirenden das Stttdittnt in Dorpat ztt ermögliche'.:, als mit der theologischen Fakttltät Spott tmb Hohn zu treiben. — Nach den Mittheilnngen. die der Stadthatlptmann vor: Sebast opol veröffentlicht hat, befinbeu sich gegenwärtig daselbst mehr als 80 Soldaten, die an der berühmten Vertheidigtmg dieser Stadt theilnahmen. Jedem dieser Veteranett ist vvttt Zaren eitte zeitweilige Unterstützung von fünf Rubel zttgetviesen worden. Unter der Zahl der lebenden Berthetdiger der Stadt befindet: sich 5 Griechen ttnd'11 Jttdett. Der Aelteste der letzterett, der Horttist A. S. Gigler. ist jetzt 78 Jahre tntd der Iüttgste vott ihttett, L. Matttosel, 69 Jahre alt. - In diesen Tagen feiert der bekannte russische Kritiker uttd Pttblizist N. K. M i ch ai l o tvsky sein 40 jähriges litterarisches Jubiläum. Eilte Gruppe der jüdischen Jugend in Odessa schickt dem hervorragenden Schriftsteller eitte Adresse, itt der es unter anderem heißt, daß. tviewohl Mattche vott den Unterzeichnern in vielen! mit feilten Ansichten und seiner Weltanschanung tticht einverstanden sind, sie nichtsdestowettiger ihn als eittett edlen uttd korrekten Gegner begrüßet:. Sie schließet: die Adresse mit folgenden Worten: „Wir. die Jngettd, senden Ihttett, dent alten, ergrautet:, aber geistig noch rüstigen Kämpfer für Humanität, Freiheit ttnd Gerechtigkeit ttltsere ittnigsten Wünsche, Sie noch eitte lattge Reihe vott Jahren an der Spitze der von Ihnen geleitetet: Zeitschrift für den Fortschritt zu sehen." — Effendi Molch o. Dragomat: des kaiserlich türkischen Divans in Ko nsta n ti n ope l. wurde mit Rücksicht auf seilte Verdienste vom Sttltan mit dem osmanischen Großkordon it: Brillattten ausgezeichnet. Er ist der erste Jude, der diese Attszeichittlttg erhielt, die sollst nur an Großveziere, an Staatswürdenträger oder an ausländische Fürsten verliehen tvird. — In H e tu p st e a d t, Texas, ist der Rabbiner Dr. H e i n r i ch Schwarz im 75. Lebensjahre gestorbett. Er war aus Kempett gebürtig uttd hat itt Berlin studirt. Schwarz war auch Mitarbeiter der „A. Z. d. I." uttd des „Hamagid". Dmrck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.