Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- Seite 552 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Programm des Werkes wird erst nach gewonnenem Ueberblick über die zu Gebote stehenden Geldmittel entworfen werden können. In Aussicht genommen sind für die Publikation: die Fragmente der hellenistischen Historiker, der Aristeasbries. ausgewählte Stücke aus den Schriften Philo's. die Sibyilinen jüdischen Ursprungs, das Pseudo- Phokhtideische Gedicht, die Fragmente des angeblichen Aristobul und einige andere Pseudoepigraphen. Sollten die Mittel es uns gestatten' so würde es uns 311 besonderer Genugtuung gereichen, eine Uebersetzung der sämmtlichen Schriften Philo's zu liefern. Professor Dr. W. Bacher- Budapest. Dozent Dr. M. B r a u n -Breslau. Professor Dr. D. CHw 0l so -Petersburg. Professor Dr. Leopold Cohn- Breslau. Oberrabbiner Dr. M. G ü d e m a n n - Wien. Rabbiner Dr. I. Gilttmann-Brestau. Grand Rabbilr Zadoc Kahn-Paris. Red. Dr. K. Köhler- Rewyork. Rabbiner Dr. S. M a Hb au m - Berlin. Claude E. M 0 n t e f i 0 r e - London. Professor Dr. S Schech t e r-London. Oberrabbiner Dr. S iin 0 n se n-Kopenhagen. **%§£&* Sprechsaal. 3 e h r geehrter Herr Redakteur! n der letzten Rümmer Ihrer geschätzten Zeitung (Nummer 45 vom 9. November) wird es in der Rubrik „Woche" für mehr als bedauerlich erklärt, „daß sich in dieser Wählerversammlung (Wollstein) kein Jude gefunden, der dem Herrn v. Gersdorff den Standpunkt klar gemacht hätte, daß die Juden schon jetzt mindestens ebenso gute Deutsche seien mie er und seine Freunde . . ." Ich hoffe, Ihre Kritik der Aeusterungen des Herrn v. Gersdorff zur Iudenfrage wird eine andere sein, wenn Sie nachstehenden Brief des Herrn von Gersdorff an den Unterzeichneten auf meine diesbezügliche höfliche Anfrage Ufeit, die ich im eigenere Namen und nicht im Namen meiner Glaubensgenossen an Herrn v. Gersdorff gerichtet hatte, und um dessen Veröffentlichung ich Sie hierdurch ergebeilst bitte. Ich selber war in der Versammlung zugegen und hatte auf Grund dieses Briefes keine Veranlassung, gegen Herrn v. Gersdorff anfzutreten. Jnr Uebrigen must uian die gegenwärtige politische Verwirrung in unserem Wahlkreise persönlich kennen, um für so offene und loyale Worte, wie sie int nachstehenden Briefe des Herrn v. Gersdorff zu findeil sind, voll Herzen dankbar zil sein. Ergebeiist Wollstein, 12. November. Hermann Becker, Lehrer. Euer Wohlgeboren geschätztes Schreibeil beehre ich mich dahin zu beantworten, daß ich lebhaft bedanre. daß der Passus iit meinem Wahlprogramm, dessen Wortlallt mir übrigens nicht zur besonderen GenehnligUllg Vorgelegen hat, die Ailerkellilling vollster Parität den Katholiken gegenüber betreffeild, nicht auch aiisdrücklich dies den Allhängeril des jüdischeil Bekeniltnisses gegenüber betont ist. Selbstredend ist dies der Fall, und erkläre ich hierdurch ausdrücklich, an der verfassnilgsmäßigerl Gleichheit Aller, also auch der Juden, vor dem Gesetz nicht rütteln zu wollen. Ebeilso wie ich Euer Wohlgeboren bitte, von dieser meiner Erkläruiig Ihren Herren Glalibeusgenossell gegeiiüber nach Belieben Gebrauch zll niacheil, werde ich llicht verfehlen, diesen meillen Standpunkt in Wollstein noch öffentlich zulil Ausdruck zll bringen. Hochachtlingsvoll Ball ch will, den 29. Oktober 1900. v. Gersdorff. £ Geehrter Herr Redakteur! (M^erzeihen Sie, weiln ich Ihr geschätztes Blatt zur Erwiederung ans die &W 1)011 Rechtsanwalt Herrn Schwarz hierin Nr. 44 unter dem Titel einer Berichtigung veröffentlichten Zuschrift nochmals in Anspruch nehme. Der durch die erste Berichtigungserklärung des Herrn Schwarz hervorgernfene Streit betrifft eine an sich wenig erhebliche Thatsache. Hätte nämlich der Vorstalld der hiesigen Gemeinde über die von denl Redeklub- Graetz geplante Versammlung Berathung gehalten und Maßregeln beschlosseil, lrm die Ausführung des Planes zu verhindern, so hätte er lediglich zum Schlitze der ihm anvertrauten Interessen llnd im Rahmen der ihm zllgewiesenen Aufgaben gehalldelt und feine leiseste Beanstandung könnte sich an dieses Verhaltell heften. Aber, wichtig oder nicht; Abweichungen von der Wahrheit find ilicht Ullwidersprochen zll dulden. Herr S. hatte zur Berichtigllng einer anderell Darstellung erklärt: der Vorstalld habe gegen die Versammlung agitirt. Ich dagegen hatte behauptet: Der Vorstand der Gemeinde habe gegen die Versammlung nicht agitirt, denn er hat über diese Versammlung weder berathen noch zu ihrer Verhinderung das Geringste veranlaßt. Zur Widerlegung dieser Angabe führt nun Herr Schwarz aus: Ein Mitglied des Gemeindevorstandes habe dem Professors, vorgestellt, daß die offiziellen Gemeindevertreter die Versammlung nicht nur nicht wünschten, sondern sogar hindern wolltell, er möge deshalb seine Mitwirkung versagen. Ist dies eine Widerlegung? Nein, denn die neuerliche Darlegung des Herrn Schwarz deckt sich, soweit ich sie bis jetzt citirt habe, mit meiner eigenen Angabe. Ich selbst bin das Mitglied des Gemeilldevorstandes. das dem Professor X die loahre Thatsache vorgehalten hat. daß die Herren vom Redeklnb nicht die Vertreter des Gemeindewillens feien, und daß die wirklichen Vertreter der Genieinde den Plan mißbilligten und für gefährlich hielten. Aus diese Mittheilung erklärte Professor £ alsbald, dann habe er sich in einer wesentlichen Voraussetzung geirrt itnb werde seine Mitwirkung zurückziehen. Es hat also einer Bitte an den Gelehrten, seine Betheiligung zu lviderrufen, nicht bedllrft, und wenn Herr Schwarz mit den mir in den Mund gelegten Worten „sie bäten ihn dringend u. s. w." behaupten will, ich habe eine solche Bitte im Namen der offiziellen Gemeindevertretung ausgesprochen, so erkläre ich dies für unrichtig: selbst Herr Schwarz wird mir nicht ansinnen wollen, daß ich den Namen anderer Personen oder gar einer Behörde dazu mißbrauche, nm Aufträge auszurichten, die mir nicht ertheilt sind; der Vorstalld aber hat in dieser Sache llichts beschlossen und nichts veranlaßt. Demnach bleibt es dabei: es ist unrichtig, daß der V 0 r stand* g eg e n die V e r s a m m l u 11 g agitirt h a t. Wie sonderbar erscheint neben diesen, Ergebiliß die stolze Bestimmtheit, mit der Herr Schwarz erklärt, ich werde ivissen, daß es für mich „den Auslveg der Berichtigllng nicht mehr gebe." Er sollte wirklich lieber erkennen, daß ich mich i h m gegenüber kallm jemals in der Lage befillden kann, eines „Ausweges" zu bedürfell. Nicht zu übersehen ist die Benierkung des Herrn Schwarz: „Ebenso wurden uns zwei alldere Professorell hinter „unserem R ü ck e li abspenstig g e ni a ch t." Soll hiernlit angedeutet sein, daß der Vorstand oder ich oder ein anderes Mitglied des Vorstandes mit diesen beiden anderen Professoren ill Verhalldlung getreten seien, so erkläre ich die Behauptmlg für unrichtig. Ist dies nicht gemeillt, so habe ich keinen Anlaß, mit Herrll Schwarz darüber zu streiten, ob es gerecht, bescheiden oder geschmackvoll ist, von jenen Gelehrten, die, voll den edelsten Absichten geleitet, ihre Mitwirkung zugesagt und sie mit gutem Grunde kraft eigeller Entschließung widerrufeli haben, zu sagen: sie hätten sich von Anderell abspenstig machen lassen. Wenn er aber mit den zarten Worteil „hinter ullserm Rücken "zu verstehen giebt, daß mall die gebotene Maßregel ohne seine Zuziehung heimlich oder furchtsam veranlaßt habe, so kanll ich hierin nur die wellig geschickte Ablenkung eines Vorwurfs erblicken, der nicht die Gegner, wohl aber die Wortführer der Versammlling trifft. Denn llachdem den Letzterell eindringlich klar gemacht war. daß ihr Plan von den maßgebenden Kreisen der Gemeinde verworfen werde, war es ihre Pflicht, wenn sie diese wichtige Thatsache nicht selbst beherzigen wollten, sie mindestens den angegangenen Gelehrten nicht zu unterdrücken; denn nicht bloß Professor £, wie oben gezeigt, sonderli auch seine übrigen betheiligten Amtsgenossen haben bei ihrer Bereitwilligkeit zur Mitwirkung mit gutem Fug vorausgesetzt, daß der übereillstimmende Wille der Genleinde und ihrer Führer das bewegende Momelll der ganzen Veranstaltilng bilde. In diesem Jrrthum haben die Verfechter des Versammlungsplanes die Professoren unbedenklich gelassen, und gerade diese Verschweigung hat es auf der allderen Seite nothwendig gemacht, den wahren Sachverhalt zu enthüllen. Hiermit aber möchte auch ich die Versammlungsangelegenheit endlich zur Ruhe gebracht sehen; denn der Versicherung des Herrn Schwarz, daß die Versammlungsakten außerordentlich denkwürdig seien oder gar mir so erscheinell würden, setze ich den entschiedensten Unglauben entgegen. Ich bin vielmehr überzeugt, daß die Verfasser und Verwahrer dieser Akten wohl daran thäten, das Aktenstück und die Affäre selbst endlich der wohlverdienten Vergessenheit zu überliefern. Breslau, 6. November. Dr. E r n ft S a m u e l s 0 h n, Rechtsanwalt. Druck und Verlag von Rudolf Mysse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Banchw'ü in Berlin.