Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- Seite 551 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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551 Am folgenden Sonntag predigte er über den Text: „Ihr werdet dahin kommen, wo ewig Heulen und Zähneknirschen ist." Er schilderte der Gemeinde in einfacher, anschaulicher, aber drastischer Weise die Qualen der Sünder in der Hölle und fuhr danir fort: „Die Diebe wird der Satan in sein Reich holen. Da sind nun so einige Burschen, die dein Juden-Abram die Birnen gestohlen haben. Ja, das sind dieselben Lümmel, die des Sonntags Nachmittags, anstatt zur Vesper zu kommen, im Wirthshaus beim Kartenspiel und Branntwein sitzen und gotteslästerliche Reden führen. Diese Burschell sollen wissen, daß sie keine Absolution erhalten können, ohlle daß sie das Geraubte zurückerstattet und Vergebung gesiulden habeil... Da glaubell sie vielleicht, weil der Abraham ein Jude sei. so dürften sie ihn bestehlell. Bestiehlt Euch der Abraham? Ist er nicht ein .braver Mensch? Hält er seine Religion nicht? Gehet hin mld sehet, wie er seinen Schabbes hält? Anders als Viele llnter Euch den Sonntag! Seht Ihr ihn beim Schnaps sitzen? Schämt Euch also, Ihr Diebe!" Am selbigen Nachmittag kamen die drei Burschen, brachterl die Birnen zurück und hieltell um Vergebung an. Hilker war, wie viele Landpfarrer es sind, ein Freund der Obstbaumzucht. Nun hatte er in seillem Garten einen Pfirsichbaum — den einzigell im ganzen Orte. Die Bauernjungen erzählten sich von dem herrlichen Geschmack der,ihnen vollständig unbekannten Frucht die merkwürdigsten Dillge. Wir aber kannten die Frucht genau. Denn alljährlich, wenn er die Pfirsiche erntete, füllte er eine Schüssel mit ihnen, gab sie feiner Magd ulld sagte: „Geh, bring die dem Judennlütterchen und sag: Einen schönell Gruß vom Pastor!" Als er sein 25jähriges Jubiläunl feierte, ließen es sich meine Eltern nicht nehmen, ihm in herzlichen Worten ihren Glückwunsch darzubringen. Wie lvohl ihm das that! Am Abend sagte er in einer Rede zu seiner Gemeinde, er freue sich über ihre Arlhällglichkeit, und daß selbst Andersgläubige mit Liebe an ihm Hungen, erfülle ihn mit freudiger Genugthuung überfein Wirken auf dem einsamen Dörfchen. — Vollendet ist mein Bild.aber die Phantasie, die nimmer rastende, sucht nach lleuen Bildern. Ich sehe mich als Jüngling. Zum heiligen Festestage bin ich heimgekehrt zuln lieben Elternhause. Und wir sitzen am heiligen Festesvorabend beim Lampenscheine im trauten Stübchen, und lieb Mütterchen muß uns aus unseren Kindertagen von uilseren Kinderstreichen erzählen. Gewiß wird auch der selige, gute Pfarrer Hilker erwähnt. Wie wir ihn nun loben und Jeder von uns ihn noch in seinem Grabe segnet, sagt der Vater bedächtig: „Ja, Jungen, Ihr kennt ihn nur aus seinen späteren Jahren. Aber als er als junger Geistlicher hierherkam, war er uns durchaus nicht freundlich gesinnt. Ja, öffentlich zeigte er sein Vorurtheil gegen die Juden, und wir haben dadurch manches zu leiden gehabt. Durch ein merkwürdiges Ereigniß trat ein Umschlag in seiner Meinung und in seinem Verhalten zu uns ein. Damals litt er an eitlem Brustkrampf, und als ich einmal an einem strengen Willtertage nach W. ging, fand ich ihn in seinen Schmerzen — er war wieder plötzlich davon ergriffen worden — am Wege liegen. Ich erkannte ihn schon voll ferne. Ich eilte, so schnell es in dem Schneesturm ging, zu ihm hin, und er wußte mir auf meine Fragen kaum mehr Antwort zu geben, denn er war seiner Sinne vor Schmerz nicht mehr mächtig. Was thnn? Einen Wagen vom nahen Dorfe holen, konnte für ihn inzwischen verhängnißvoll werden. Ohne lange Ueberlegung hob ich ihn hoch, umfaßte ihn, und mehr getragen als geführt, brachte ich ihn zu seinem Amtsbruder nach W. Ich blieb noch einige Stunden bei ihm, bis er wieder von seinem Schmerz befreit war, und als ich mich da voll ihm verabschieden wollte, hielt er lange meine Hand in der seinigen, blickte mich thränenden Auges an und sagte: „Ich danke von Herzell. Sie haben gehandelt wie ein Christ!" Da reckte ich nüch hoch und mit fester Stimme erwiderte ich: „Und ich sage: Ich habe wie ein Jude gehandelt. Geschrieben steht: „Du sollst Deillen Nächsten wie dich selbst lieben." Noch immer hielt er meine Hand, und wie im Traume versunken blickte er vor sich hin. Dann sah er zu mir empor und sagte: „Ich habe Sie verstanden und danke Ihnen!"-— — — Plötzlich wurde ich auf meiller einsamen Höhe ans meinen Träumen geweckt. Eine Schaar Knaben alls dem Dorfe kam im Spiele wild einhergetrabt: „Alter Jude, alter Jllde!" riefen sie, als sie nleiner ansichtig wurdell. Jetzt merkte ich erst: Pfarrer Hilker ist todt. Frtterarrsche Mittheilungen. —- Hüter allen Zweigen der nachbiblischen jüdischeil Litteratur ist keiner gerade von jüdischer Seite so lvenig beachtet und gewürdigt worden als das jüdisch-hellenistische Schriftthnm. Bis in die Mitte des nennzehllten Jahrhnilderts war Asarja de Rossi der einzig^ jüdische Gelehrte, der sich in eingehender Weise mit diesem Schriftthnm beschäftigt hat, und auch seitdem ist lvohl lllanches Dankellslverthe für dessen wissenschaftliche Erforschung, aber so gut wie Nichts geschehen, um weiteren Kreiselt eine Kenntniß desselben zu erschließen. Und doch hat, wenn wir von der agadischen Litteratur als der Hanptquelle für die religiöse und ethische Weltanschauung des Judenthums absehen, kein Zlveig der nachbiblischen Litteratur eine so große welthistorische Bedeutllng lvie das hellenistische Schristthnnl gelvonnen. Von einer vornehnllich propagandistischen Tendenz geleitet, hatten die voll eitlem glühenden religiösen Eifer durchdrungenen und zugleich mit der griechischen Litteratur innig vertrautell Verfasser jener nach i. amaliger Sitte vielfach pseudonynl verbreiteten Schrifteil sich die Aufgabe gestellt, die gebildete heidnische Welt mit dem monotheistischeil Got .gedanken des Judellthums sowie mit den alttestanlentlichen Lehren echter Frömmigkeit, sittlicher Lebensheiligung und wahrhafter Humanität bekanilt zu niachen. Indem sie, ihrer Tendenz entsprechend, voll denl spezifisch jüdischen Ceremonialgesetz mehr oder millder absahen und das Hauptgewicht auf die Verbreitllng der allgemein menschlichen Lehren Moses und die Propheten legten, habell sie den später Koulmenden den Weg gezeigt, wie die heidnische Welt für die Lehrell des alten Testaments genommen werden könne. Von vielen dieser Schriften, durch welche das gebildete Heidenthum vorbereitet lvurde, eine nelie, aus der Grundlage des alten Testauiellts erwachsene Religion allzunehmell, haben sich Fragmente erhalten, die, zum Theil unter Bücher heidllischen oder christlichen Nrsprnllgs gerathen und an verschiedellen Orten zerstreut, allch von Gelehrten bisher lvenig beachtet und erforscht, lveiteren Kreisen der Gebildeten aber, die des Griechischen linkundig sind, noch gar nicht zugänglich gemacht lvorden sind. Unser Plan geht nun dahin, die religionsgeschichtlich wichtigen Ueberreste dieser Litteratur zu sanimelil, textkritisch 31t bearbeiten, litterarhist0risch zu beleuchten und mit deutscher Uebersetzung herauszugeben. Der mitunterzeichnete Professor Dr. Leopold Cohn, der Herausgeber der Schriften Philo's, hat sich bereit erklärt, diese Arbeit zu übernehmen. Zur Ausführung des wichtigen Werkes fehlen aber noch die materiellen Mittel. Alle Diejenigen, dellen die Ehre des Volkes Israel am Herzeil liegt, und welche es mit uils als eine Pflicht erachten, sich dieser so lallge vernachlässigten Erzeugnisse des jüdischell Geistes anzunehmen, werden hiermit ersucht, diesem wissenschaftlichell Unternehmen ihre geistige Unterstützung gewähren 31t wollen. Der gleichfalls mitunterzeichllete Rabbiner Dr. I. Gnttmanll hat sich bereit erklärt, Geldbeiträge entgegen zu nehmen. Das spezielle