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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-16 · Heft 46 (16.11.1900) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 46 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
Seite 550 (sequence 12)
Language
German
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EUILLETON Pastor Hilker. Von Gustav Eichen grün. Js soll keine Geschichte sein, ein Bild will ich malen. Und da stehe ich denn da droben auf dem Berge vor meinem westfälischen Heimathsdörfchen, das ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen, stehe und schaue, in Träumen versunken, auf es herab. O ja, sehen und träumen und sinnen muß ich bei meinen: Bilde loie ein echter, rechter Maler. Da erblicke ich zwischen den zerstreut liegende!: das elterliche Haus, und nur ist's, als sei ich wieder ein unmündiger Knabe, und der Vater geht hinaus, mit schwerer Last beladen, arbeitend :rnd kämpfend für des Lebens Unterhalt, u::d die Mutter schaltet und waltet im Hause, belehrt und ermähnt :u:s Knaben. Ach, rneine Mutter! Schon lange birgt sie die kühle Gruft!. Wie wohl that es meinem Herzen, als gestern die ehemaligen Nachbarn und Nachbarinnen, da ich mich ihnen zu erkennen gegeben hatte, nüt Liebe unserer, der einzige!: jüdischen Familie des Dorfes, dachte::, und wie sie so rühmend von meinen Eltern erzählten. „War Jemand von uns krank im Dorfe," sagte die alte Kampbünerin, „so gingen wir immer erst zu Deiner Mutter, sie wußte für alle Rath, besser noch als der Doktor." „Das ist so," fiel der Bauer ein, „und die guten Suppen, die sie den Kranken schickte! Und ehrlich waren Deine Eltern, Keiner im Dorfe kann sagen, daß Dein Vater Jemanden auch nnr um ein Weizenkorn betrogen hätte!" „Ehrlich wie Gold!" bestätigte der betagte Schulze. „Hätten nur Euch sonst Euer Haus zur Schule abgekauft? Der selige hochwürdige Pfarrer Hilker hat's ja auch gewollt und hat zu den Leuten damals gesagt, was der Jude für das Haus haben wollte, sei ::icht zu viel." .... Wie leicht und flüchtig in unseren: Geiste doch ein | Gedanke den andere:: verscheucht, ein Bild das andere jagt!! Ta sehe ich den alten Hilker wieder nüt dem Auge meiner Seele, den alten Hilker, den Pfarrer des katholischen Dorfes, die hohe, ehrwürdige Gestalt, wie er in seinen langen Stiefel::, seinem blauen Rocke, seinen: breiten Schlapphute festen Schrittes an mir vorübergeht. Ehrfurchtsvoll wie damals, als ich noch ein Knabe war, bleibe ich stehen, lüfte mein Käppchen und grüße ihn nüt tiefer Achtung. So ganz und gar selbstvergessen träume ich mich in meine Kindeszeit zurück. Es war damals, als :::ein Mütterchen schwer krank an einem Leberleiden darniederlag. „Es geht zu Ende mit ihr!" sagten die Bauernfrauen leise zu einander, als sie aus dem Krankenzimmer getreten waren, und mein Vater legte die Tefillin an, nahm das Gebetbuch und betete mit lauter Stimme an dem Bette meiner lieben, kranken Mutter, wir Kinder weint?:: bitterlich — und weinend ging ich, ein achtjähriges Knäbchen, zur Schule. Doch ich unterdrückte die Thränen, damit kein Junge sie sähe. Gilt bei den Bauernknabe:: doch das Weinen wegen eines Kranken oder Tobten als eine Feigheit, eine Schmach! Aber ich war nicht so ganz und gar Herr über mich geworden. Wie ich nüt dem Nachbarjungen spreche, schluchze ich hin und wieder auf. „Warum weinst Du?" fragt er mich. „Ich habe mich eben gestoßen," log ich mich aus. Er mußte mir die Lüge wohl angesehen haben und sagte: „Du weinst gewiß, weil Eure Mutter so krank ist. Du bist kein Junge, bist ein Mädchen." Ich biß die Zähne aufeinander und schluchzte nicht mehr. Auf dem Schulhofe gings hoch her. Deutsche und Franzosen spielten die Jungen, und wie übel gings den letzteren. . . Hei, das lvar ein Spiel, das Elend daheim hatte ich in: Nu vergessen, und — wie Kinder sind — gleich war ich mitten zwischen den sich balgenden Jungen. Das war ein Toben, ein Schreien, ein Schlagen. „Der Pastor kommt, der Pastor kommt!" hieß es plötzlich, und augenblicklich wurde das Gefecht abgebrochen, und wir nahmen eiligst unsere Bücher und stellten uns, als wenn wir den ganzen Morgen noch nichts anderes gethan Hütten, als unsere Aufgaben zu lernen. Der alte Herr blieb vor uns stehen, lächelte vergnügt und sagte dann in seiner polternden Weise: „Dunune Jungen, verstellt Euch nicht, spielt nur weiter!" Aber :vir hatten den alten Kriegsmuth noch nicht in unserer! Brust wiedergefunden. Er merkte, daß er daran schuld fei :n:d j ging schnellen Schrittes an uns vorüber. Da erblickte er nüch! in einiger Entfernung, stand still und rief mich zu sich heran.! „Junge," fragte er ernst, „hast Du heute Morgen auch schon j Schma Jisroel gebetet!" j „Jawohl, Herr Pastor," antwortete ich schüchtern. „Das mußt Du auch, mußt es für Deine kranke Mutter beten. Vergiß es ja nicht, Gott kann helfen!". Und Gott half!. . . Ich hatte als Jüngling auf der Schule die Gewohnheit, uür von jeder gesch:chtlicher: Person, von der ich etwas hörte, eine gewisse körperliche Vorstellung zu uiachen. Vernahm ich z. B. von dem berühmten witzigen Kanzelredner Abraham a Santa Klara, so schwebte, nür das Bild unseres Pastors Hilker vor Augen. Auch er verstand es, derb und nüt Witz zu reden. Bei seinen Predigten schliefen die Bauern nicht ein, horchten auf und wußten nachher alles wieder zu erzählen. Das ka:n auch daher, daß er Ereignisse ans den: täglichen Leben auf der Kanzel mit Nachdruck besprach und eine Ermahnung oder eine Nutzanwendung daran knüpfte. Nun hatten wir in unseren: Garte:: einen Birnbaum, der die saftigsten, köstlichsten Früchte trug. Es war im Herbste. Die Birnen waren reif und sollten am folgenden Tage gepflückt werden. Aber in der Nacht waren einige Burschen im Alter von 20 Jahren in den Garten gestiegen, hatten den Baum geplündert, die Birnen in Säcken und Körben beiseite geschafft und nichts an ihn: gelassen als die gelblichen Blätter. Die Sache wurde schnell bekannt, die Thüter verrathen, und auch der Pfarrer erhielt Wind davon. Am folgenden Tage begegnete er meine::: Vater. Er duzte ihn, wie er es mit seinen Pfarrkindern zu thun pflegte. „Guten Morgen, Abraham!" ries er ihm entgegen. Mein Vater erwiederte ehrerbietig den Güuß. Hilker pflanzte sich vor ihn: auf und sagte: „Die Lünnnel, die Dir die Birnen gestohlen haben, mußt Du bei::: Gericht anzeigen." „Aber, Herr Pastor," wandte :nein Vater ein, „ich möchte die Jungen nicht ins Unglück stoßen." „Ins Unglück stoßen? Larifari! Ich sage Dir, Abraham, zeige die Kerls an — oder wir bleiben keine guten Freunde mehr." Spruchs und ging davon.

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