Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- Seite 549 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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549 ZUM Gedächtniß des Philosophen Solomon Maimon. Von Eu g en I s o l n n i. m 22. November 1800 starb der Kantianer Salomon Maimorl zu Nieder-Siegersdorf bei Freistadt in Niederschlesiell im Hause seines großmüthigen Wohlthäters, des Grafen von Kalkreuth, — und dieser Gedenktag mag llicht ohne ein Erinnerungsblatt an den seltsamen und geistvollen Gelehrten vorübergeben, wenn wir es uns auch versagen müssen, eine erschöpfende Biographie desselben hier zu geben. Hat er doch selbst eine anziehende Autobiographie geschrieben, die einige Jahre vor feinem Tode Karl Philipp Moritz heransgab, die durch Arbeiteir voll R. Zinunernrann (Der „Jude", Kants, ,,Deutsche Revue", Jahrgang 1878, Heft 5), I. H. Witte („Salomon Maimoll", Berlin 1876) u. A. erschöpfend ergänzt worden ist. Nur einige Lebenszüge, die beu originellen Mann zu charakterisireu geeigllet sind, wollen mir in Folgelldem urittheilen. Nur kurz sei erlvähnt, dasz Salomon Maimon wahrscheinlich im Jahre 1754 auf deill fürstlich Radziwilllschelr Gut Lukowiburg anl Niemell in Litthanen das Licht der Welt erblickte, zuerst die jüdische Schule zll Mirz besllchte, später die Talmudschule zu Jwellez, im zlvölfterl Jahre bereits nach jüdisch-polnischer Sitte verheirathet wurde, ulld zwar, mit einem Mädchen, das roh lllld urlgebildet, feinem Geistesfluge durchaus nicht zu folgerl vermochte, llnd das er deshalb nach sechs Jahren unglücklichster Ehe verließ, um ganz der Befriedigung seiner Wißbegierde leben zll könllen. Eine Zeitlang hielt er sich in Berlin auf, dann auf mannigfachen Wanderungen in Posen, Breslau nnb anderen Orten, später wiederunl in Berlin, wohin ihn Moses Mendelssohn zog, wo er sich aber auch llicht zll behallpten vermochte. In feinen Werken steht er zwar auf Kants Führten, hat sich aber doch von beffen Bernunftskritik losgesagt mld zu selbständigen Folgerungen über die Transeendentalphilosophie emporgeschlvullgen, die selbst die Aufmerksalnkeit Kants, Goethes und Schillers erregten. In feinen materielleil Verhältnissen war Maimon niemals vom Glücke begünstigt und verfiel deshalb in mancherlei Verirrungen. Er lebte zllmeist von den Ullterstützuilgen wohllvollender Gönner, die er trotz seiner cynischell Lebensweise in reicher Anzahl und nicht nur unter seinen Glanbellsgenossen hatte. Jlldessen lvar Maimon ungenleill bedürfnißlos und vergalt die Wohlthateu, die inan ihm erwies, durch Dienste aller Art, ebenso mie er aber auch Wohlthaten, die ihm in taktloser Weise angeboten wurden, kurz aber höflich zurückzuweisen verstalld. So sagte er zum Beispiel, als einst ein reicher Bekannter den Philvsvphen in selbstgefälliger Weise allredete mit den Worten: „Wissen Sie was, Maimon, ich bin Willens, auf einige Wochen zu verreisen und will Sie mitnehmen — natürlich auf meine Kosten!": „Erlauben Sie, da werde ich hier bleibell, natürlich auf meine Kosten!" Maimon hatte einst einen Hund für einen Thaler gekauft. Er gefiel ihnl aber nicht sonderlich, Ulld kurze Zeit darauf fand sich eill Liebhaber für den Hund, der ihm denselben für drei Thaler wieder abkaufte. Als er erfreut von diesem günstigen Geschäft erzählte, meint Jemand: „Mir scheint, Herr Maimoll, Sie haben mehr Glück mit dem Hundehandel als mit Bücherschreiben." — „Das ist schon möglich," versetzte der Philosoph, „das kommt daher, weil es mehr Hllndekenner, als Bücherkenner giebt." Maimon hatte nie eine festgesetzte Zeit, die er eigentlich seine Arbeitsstunden nennen konnte. Größtentheils arbeitete er in den Morgenstunden, die aber bei ihm nicht allzufrüh anfingen, und selbst hierin hatte er ebenso wenig etwas Gesetzmäßiges. Gewöhnlich arbeitete er all einem sehr unbequemen Pulte stehend, welches er dadurch bequemer machte, daß er unter jeden Fuß desselben einen Folianten legte. Wenn er anfing zu schreiben, dann hatte er das, was er schrieb, längst im Kopse ausgearbeitet, und er schrieb daher immer ans ganz ungebrochenen Bogen, ohne Raum für eine Abänderung übrig zu lassen. Zuerst entwerfen, dann ins Reine schreibell, lvar bei ihnl nicht Gebrauch, sondern er schrieb es gleich so hin, wie es bleiben sollte. „Ich habe mit grvßeill Nlltzen diese Gewohnheit, erst ein Konzept zu machen, abgeschafft, sagte er, „man ist bei lveitem nicht so aufmerksam auf seine Arbeit, lveil man weiß, daß man es noch einmal schreibt, mall verilachlässigt so manchell Gedallken, schreibt ihn llicht hin, weil Ulan glaubt, es würde einenl schon beim Abschreiben wieder eiufallen, was doch oft nicht geschieht." Einst erhielt Maimon von einer Gönnerin einige llützliche Geschenke, feine Wäsche und einen Schlafrock. Der Philosoph dankte mit folgendem Brief: „Madame! Sie sorgen für den Philosophen; der Philosoph sorgt für die Philosophie. Empfangen Sie also hiermit den Dank des Philosophen im Namen der Philosophie. Sie scheinen die Wahrheit wohl eingesehen zu haben, daß, obschon die Philosophie in ihrer natürlichen Gestalt unbekleidet erscheinen darf, der Philosoph zwar nicht als Hofmann oder Komödiant verkleidet, aber dennoch auf eine verständige Art bekleidet erscheinen muß, wenn er seine Rolle in der Welt auf eine leidliche Art spielen will. Ich empfange Ihr Geschenk keineswegs als ein moralisches Recht von meiner Seite, welches eine Pflicht Ihrerseits voransetzt, dazu bin ich zu stolz, sondern als ein Zeichen einer besonderen Hochachtung; so ir»ie ich, ans Kosten Ihres Geschlechts, mit besonderer Hochachtung für Ihre Person bin Ihr ergebenster Diener S. M ai nl o n." Als er einst mit Jemandem sich unterhielt, und dieser über das schlechte Gedächtniß Maimons scherzte, sagte Maimon: „Ich habe den Trost, daß noch mehr Menscheil ein schlechtes Gedächtniß haben. Unweit der Zelte im Thiergarten begegnete ich neulich zwei Damen, von denen ich nur die Eine fcuuite; diese sprach mich an und sagte mir, sie habe ihr Geld zu Hause vergessen, ob ich llicht ihren Kaffee bezahlen wollte. Die Damen vergaßen, es mir wiederzugebell, uni ich denke noch daran, obwohl es schon im vorigen Sommer gewesen ist." Als Maimon starb, war er mit seiner: Glaubensgenossen, die er wiederholt verlassen wollte, völlig zerfallen. Seine Leiche wurde aber doch nach Glogau gebracht und dort auf den: jüdischen Friedhofe beerdigt. Bon den jüdischen Schülern Kants war er zweifellos der begabteste, und feine philosophischen Schriften in hebräischer wie in deutscher Sprache sind nach dieser Richtung hin Zeugirisse eines mächtig ringenden, scharfsinnigen llnd kritischen Geistes. Auch auf die philosophische Entwickelung in Polen hat er einen bedeutenden Einfluß ausgeübt, rrnd man schätzt dieser: so hoch wie den, den einst Giordano Bruno, Agricvla, Valla u. a. auf ihre Zeitgelloffen ausgeübt haben. Es ist tief zu beklagen, daß ein solcher Denker nicht zu harmonischer Abklärung gelangt ist Ulld deshalb nichts wahrhaft Förderndes für die geistige Entwickelung des Jndenthulns hat leistell könnerl.