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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-16 · Heft 46 (16.11.1900) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 46 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
Seite 548 (sequence 10)
Language
German
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548 seines Bestehens schon löste er sich wieder auf; seine Existenz scheiterte an der inneren Schlaffheit und Gleichgiltigkeit der Mehrzahl der Juden gegenüber den ideellen Bestrebungen seiner Feuergeister. Eduard Gans schrieb damals über die Gründe der Auflösung folgendes an Wohlwill: „Wenn solcher Unverstand, solcher Mangel an Enthusiasmus herrscht, wenn die Geist- und Gedankenlosigkeit so lief um sich greift, so ist es der Mühe nicht werth, sich ferner um solch Gesindel zu kümmern." Ich weiß nicht, ob sich die Berhältnisse seit jener Zeit wesentlich geändert haben, soviel aber steht fest, der schlimmste Feind, gegen den das Judenthllm auch heute noch zu kämpfen hat, ist der Geist, der unter den Juden selbst herrscht. Jämmerliche Schlaffheit, Zerfahrenheit und Energielosigkeit haben dem Judenthllm ihren Stempel allfgedrückt — der Eine will dieses, der Andere mochte jenes und gethan wird nichts. Jeder Einzelne suhlt den Truck, der auf uns Allen schwer lastet, aber Niemand hat den Milth, nach Hilfe auszuschauen. Mall sollte glarlbell, daß es nur eines Weckrufes bedürfe, um die Juden zum Bewußtsein ihrer Lage zu bringen, um sie aufathmen zu lassen in dem beruhigenden Gefühl, die Hilfe ist llahe, lnn sie zu einer befreienden That emporschnellen zu machen. Aber weit gefehlt — wirkullgslos prallt jeder Versuch dazu an der Schlaffheit der Juden ab, ich möchte sagen apathisch, vollkommen gedankenlos, ohne jede innere Antheilnahlne sieht die Mehrzahl dem Bestreben zu, Hilfe zu schaffen. Eill ariderer Theil — liub auch deren sind nicht Wellige ~~ blickt mit überlegenem, ironischem Lachen auf Diejenigen herab, die energisch an die Arbeit gehen wollen. Höhnisch verkünden sie ihre jämmerliche Weisheit: „Ihr werdet doch nichts ausrichten!" Ach, mir können leider auch sie nicht entbehrell, die also sprechen, jo schmachvoll auch ihr Beginnen ist. Sagte etwa das Burenvölkchen, als man ihm seine Rechte liehmell wollte, auch muthlos: wir werden llichts ausrichtell? Wie ein Alaun stand es auf, die Begeisterung machte die Bauern zu Helden, die mit gelvaltiger Faust ihr gutes Recht vertheidigten. Daran aber fehlt es ulls: unsere Begeisterungsfähigkeit hat bedenklich gelitten, wir sind nicht mehr des Enthusiasmus fähig, der auch dem Schwachen und Muthlosen die Waffe in die Hand drückt. Und diesen Enthusiasmus zu wecken, ist eine schwierige, aber notwendige Aufgabe, der wir uns unterziehen müssen, wenn anders unsere Bestrebungen ihr Ziel erreichen sollen. Es lväre thöricht, wollten die Freunde des Judeutages allnehmen, es gellüge schon, lvenu eillfach ein paar hundert Juden zusalnmentreten und — ohne mit der übrigen Judellheit Fühlung genommen zu haben — an die Oeffentlichkeit treten. Es ist nichts, auch garnichts damit gewonnen, lvenn die Herren die Redllertribülle besteigen ulld in schön klingenden Redewendungell und iil kunstvoll gebauten Perioden unsere Lage beklagen und bejammern. Das wird gewiß einen gewaltigen Eindruck hervorbringell — auf die Zuhörer, sonst aber wird es keine Wirkung haben. Das Resultat eines solchen Jndentages muß gleich Null sein. Vorhergehen muß eill Appell an alle Glaubensgenossen, der gallz Israel zu den Waffen ruft. In Stadt liub Land muß sich eine rege Thätigkeit entfalten, in jedem Judeil llluß die Begeisterung geweckt werden, mit allen feinen Kräften mitzuarbeiten an denl Werke. Wir werden dadurch schon eine doppelte Wirkung Hervorbringen: einmal werden die Juden dadurch einallder nähergebracht, und zweitens werden wir so das gesummte Judenthum, soweit es überhaupt für uns in Betracht konlnlt, für rulsere Sache gewinnen. Mit einem Worte: hinter dem Judentage muß das gesummte jüdische Volk stehen, das in athemloser Spannung dessen Verhandlungen verfolgt. Mall glaube nur nicht, daß es ganz einfach sein wird, das zu erreichen. Man vergegenwärtige sich nur: das Judenthum ist heute llicht etwa eine kompakte Masse, sondern eine Vielheit von vollkommen heterogenen Elementen, die nichts Gemeinsames haben als die Bedrückungen, unter denen sie alle leiden. Bedenken wir, es ist das immerhin um' etwas Negatives, was lins verbindet. Wir haben sollst keine gemeinsamen Interessen - - religiös, politisch und auch in fast allen anderen Beziehungen sind wir in viele Parteien gespalten. Eille der ersten Aufgaben, vor die sich der Judeutag gestellt sehen wird, wird es daher sein, eine positive Grundlage ausfindig zu machen, auf der alle Juden gemeinsanl operiren föunen. Bis dahin müssen wir eben versuchen, das Judenthum auf der negativen Grundlage des gemeinsamen Bedrücktseins aktioilsfähig zil machen. Die eiserne Nothwelldigkeit wird uns Alle aneinander ketten müssen — ulld sie wird im Stande sein müssen, alle Schwierigkeiten hinwegzurämnen, die sich zweifellos ergeben werden. Besonders in religiöser Beziehung werden alle Parteien alles vermeidell müssen, was auf der anderen Seite irgendwie verschnupsen könnte. Behalten wir es ja im Auge: der Antisemitismus macht im Grunde keinen Unterschied zwischen Orthodoxen ulld Modernen, vor ihrn sind alle Juden gleich. Gleich nachdem die Frage des Judentages von Herrn Professor Philippson allgeregt worden war, wurden hier und da Stilllmen laut, die sich aus verschiedenen Gründeil entschiedell gegen einen solchen aussprachen. Der Hauptgrund gipfelte ül der Fage: lvas werden die Antisemiten dazu sagen? Es ist eine Thorheit, eine solche Frage zu stellen, aber seit Jahren scholl wird diese Taktik in jüdischen Kreisen eingeschlagen. Ja, muffen wir denn immer auf llnsere Feinde schielen? Wie wäre es, wenn wir z. B. eine Abordllung zu ihnen schickten und allfragten, lvas wir thun sollen? — — Ich dächte, es kann uns wohl sehr gleich sein, welche Wirkung wir mit unseren Maßnahmen auf die Antisemitell Hervorbringen. Oder haben wir scholl irgelldwo ulld irgendwie etwas gethan, lvas uns ihren Beifall erngetragell hätte? Davor lvolle mis auch der Himmel in Gnaden bewahren! Wir thun, was unser gutes! Recht zu thun ist und lvas loir, betrübten Herzells zwar, thun j müssen.! Jeder Verständige und Gerechtdenkende auf christlicher! Seite wird unser Vorhaben billigen und den Judentag als i eine Institution ansehen müssen, die aus den lautersten und! edelsten Beweggründen entstandell ist. Man zeige uns einen! anderell betretbaren Weg, der irgend welche Aussicht auf j Verbesserung unserer Lebensbedingungen bietet — und Niemalld; wird ferner darall dellken, einen Judentag einzuberufen.! Es ist außerordentlich wohlfeil zll sagen: das dürfen wir; nicht und das könnell wir nicht, warum tritt man nicht mit anderell Vorschlägen hervor? Und — was wir auch thun i werden, geschmäht und begeifert werden wir in jedem Falle auf antisemitischer Seite werden, aber — wann wurden wir das nicht?

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