Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-16 · Heft 46 (16.11.1900) · p. Seite 547

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 46 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
Seite 547 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228412--57005-3293354
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

547 gethan habe, stelle er dahin richtig, daß er sich zu erinnern glaube, daß einzelne Punkte in diesem Briefe nicht richtig übersetzt seien. Professor Lew in will ebenfalls nicht auf die Materie eingehen, weil für ihn aus der Diskussion nicht das Moment der Belehrung gegeben werden könne. Für ihn sei gleichfalls die Frage indiskutabel, er wolle jedoch einige allgemeine Bemerkungen nicht unwidersprochen lassen. Ob der Sonntagsgottesdienst eingeführt werde oder nicht, sei schließlich eine Frage der Zusammensetzung des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung, vielleicht gebe es darüber hinaus noch eine Instanz (Zuruf: Ministerium). Er rufe nicht nach dem Kadi, der Kadi sei für ihn die öffentliche Meinung. Dem Sonntagsgottesdienste den wochentäglichen Charakter zu wahren, sei unmöglich und liege in keines Menschen Macht. Mail befinde sich ans einer schiefen Ebene und werde nicht dem Gegendruck, der von oben durch Kräfte, die sich zusammengefunden hätten, ausgeübt werde, mit Erfolg wehren können. Die Möglichkeit, eine Synagoge am Sonntag besuchen zu können, sei scholl jetzt vorhanden. Die Versammlung sei doch kein Konzil, um über eine solche Frage 311 entscheiden; sie sei nichts anderes als der treue Bewahrer gewisser Grundanschauungen des Judellthnuls. Dazu sei sie da, nlld in dem Moment, lvo die jüdische Religioll anshöre ein fester Kern zu seill, werde das Ganze sich auflösen. Mail müsse dem Nebel bei Zeiten wehren, sich nicht auf die abschüssige Bahll locfeu lassen, das erhalten, was nian habe, ulld Diejenigeli, die Nachkommen werden, werde»! hierfür dankbar sein. Herr Benas Levh weist darauf hin, daß gerade die schlimmen Ereigllisse das Gute gezeitigt hättell, daß die Indifferenten durch die Allgriffe ouf das Indenthnln zum letzteren wieder zurückgeführt worden seien. Es rnüsse abgelvartet werden, ob man sich »nit den» Alltrage auf eine schiefe Ebene begebe. Er glaube, man thne mit denl Alltrage ein gutes Werk. Es handle sich hier llicht um den Wuilsch der Besürlvorter, beu Sabbath preiszngeben. sondern hier sprechen Thatsacheil. Die Synagogell feien an den Sabbathell leer lind nicht einmal bis zur Hälfte gefüllt. (Erregter Zuruf Lelvills: Wer sagt das?) Die Verhältnisse hättell diesell Zllstalld herallsgebildet. Der Ausweg hierfür sollte eben in dem Anträge Blaschke gefunden werdell. Herr Löwenberg bestreitet, daß die alte Shilagoge ilnd die Privatsynagogen an den Sabbathen leer feien. Danlit sei ein Beweis gegebei», daß die hiesige Judellschaft feinen Resormgottesdieilst haberl wolle. Die Verlegllllg des Sountagsgottesdienstes auf eine Vormittagsstunde sei auch deshalb nicht allgällgig, weil sehr viele Juden erst nach denl Gottesdienste das erste Frühstück zu sich llehluen. In stürmischer Weise beantragt nlulniehr Maurermeister Fränkel beu Schluß der Debatte. Der Vorsitzende erklärt sich selbstverständlich bereit, den Antrag zur Abstimmung zu brillgen. fügt aber hinzu, daß man es alißerhalb der Versannnlullg nicht verstehen werde, wie in eitler so außerordentlich wichtigen Frage die Diskussion beschrällkt werden fauue. Bei der Abstimmung wird der Schlußantrag mit 11 Stimmen gegen 9 Stimmen abgelehnt; gegen den Schluß still,mell von konservativer Seite Leonhard Sachs und Geheimrath Senator. In der wieder aufgellommeilell Diskussion weist Professor Geiger darallf hin, daß lviederum von Herrn Oppenheim beu Befürwortern des Sountagsgottesdienstes die Abschaffung des Sabbaths vorgehalten worden sei; er müsse nicht nur in seinem Namen, sonderil in dem aller Antragsteller die häufige Wiederholung dieses Vorwurfs als eine gehässige Insinuation erklären. Diese Methode sei eill durchaus llicht zu billigelldes Kampfnlittel. Er bedaure es voll tiesstenl Herzell, daß einer der Redller es versucht hätte, die Debatte ills Humoristisch-Satyrische zu überführen und so auch seine Aeußerungen ans dem Felde schlagen zu wolle!,. Er brallche nicht zu sagen, daß er nicht an die Autorität des Talnluds glaube. Er habe nur versucht, Diejenigen zu widerlegen, die da meinen, sie könnten sich mit Gegengründen gegen den Sonntagsgottesdienst auf den Talmud stützen. Wenn Herr Lewill ihn hätte verstehen wollen, so hätte er es sehrgut thun können. Lewiu hätte ferner gesagt, er rufe llicht uacb dem Kadi. Wenn es Lewin nicht gewesen sei, so seien es andere Herrerl gewesen. Die sreisinlligell Juden hättell das niemals gethan, sondern immer llur diejeiligell, denen das Privatiuteresse höher gegolten hätte als dasjenige der Gesanuntgenleinde. (Erregter Zuruf Lewins: Das ist lmerhört! Wollell Sie das zurücknehmeu? Geiger erwiedert: Ich nehnre nichts zllrück. Glocke des Vorsitzenden. Unterbrechung des Redners durch beit Vorsitzenden, der den Redner zur Erklärung auffordert, daß er Niemanden von der orthodoxen Partei damit gemeint habe.) Er habe nur Diejeiligen genreint. die bei Streitigkeiten stets bei der Hand gewesen seien, bei der Regierung Protest eiuzulegen, und aus der Entwickelungsgeschichte Berlins lasse sich Nachweisen, daß es niemals Diejenigen gewesen seien, die das Jilteresse der Gesammtgemeinde in, Auge gehabt hätten. Wenn die Befürworter gewarnt werdell, den Sollntagsgottesdienst einzurichten, weil er üble Folgell haben könnte, so sei er der feften Ueberzeugung, daß gerade in der jetzigen Zeit, wo die Wirkung der Angriffe auf das Judenthum sich zeige, schon sehr Viele abtrünnig geworden seien oder aber starke Neigung zeigen, abtrünnig zu werden. Syndikus Dr. Minden berichtigt die Ausführungen über die Reform uub fügt hinzu, daß die Subveiltioll der Gemeinde llicht etlva eine Liebesgabe darstelle, der keine Gegenleistung der Reform gegenüberstehe. Die Gegenleistung bestehe in beu Steuern, die die Mitglieder der Reform an die Großgemeinde bezahlen. Herr Löwen thal weist durch Zahlell nach, daß unter Abrechnung der Kinder unter 6 Jahren etwa 70 000 Personen die Gelegenheit geboten werden lnüsse, die Synagoge besllchen 311 können. Höchstens 25000 Persoilen hätten die Möglichkeit, an den hohen Feiertagen an einem Gottesdienste Theil zu nehmen. Es lnüsse deshalb den übrig bleibenden 45 000 Persoilen die Möglichkeit beschafft werden, eillem Gottesdienste an beu Sonntagen beiwohnen zu können. Prof. L e w i n: Bei (.dem Rufen nach dem Kadi, über das Geiger Klage geführt, falle ihm die alte Fabel von dem Wolf ulld dem Schafe ein. wo sich der Wolf beklage, daß das Schaf ihm das Wässerchen getrübt habe. Es bleibe doch schließlich llichts anderes übrig, als daß die Partei, die sich im Unrecht glaube, an die Stelle gehe, lvo sie Hilfe bekonlmen könne. Geheimrath Blurnenthal erklärt, sich durch die Geiger'schen Ausführungen persönlich getroffell zu fühlen. Der Vorsitzende hält die Angelegenheit durch die Erklärullg Geigers für erledigt. Professor Geiger wiederholt, daß er Nachweisen könne und uachgewiesen hätte, daß zu verschiedenen Zeitell Leute sich mn ihrer Privatiuteressen willen an die Regierullg gewendet hätten, um gegen die Hauptgemeinde zu protestiren. Eine Beschimpfung Blurnenthals hätte ihm durchaus fern gelegen. Geheimrath Senator stellt in seinem Schlußwort fest, daß die Debatte sehr von deni Hauptpunkte abgelvichen sei und bittet den Antrag der Kommissioll anzuuehmen, denl selbst der orthodoxe Jude zustimmen könne. Er beantrage, über den Beschluß der Kommission getrennt abstirnmen zu lassen. Es finde sich dann vielleicht eine Mehrheit dafür, solche Vorträge überhaupt stattfinden zu lassen; dann würde nur noch über den Ort der Vorträge abzustimmen sein. Unter sichtlicher Spannung folgte nun die Abstimmung über die drei gestellten Anträge, die auf Vorschlag eine nanientliche ist. Der Antrag Blaschke und Genossen, anr Sonntag in einer geschästsfreien Vorlnittagsstlmde einen Predigtgottesdiellst in einer Gemeindesynagoge im Anschluß an die wochentägliche Gebetorduung einzllrichten, wird mit 11 konservativen gegen 9 liberale Stimmen abgelehnt. Die Stimmeuzahl entspricht genau der Präsenz der Konservativen und Liberalen in der heutigen Sitzung. Der Eventualantrag Blaschke. arn Sonntag in einer Gemeindesynagoge einen gottesdienstlichen Vortrag, der durch Gesang eiugeleitet und geschlossen werde, halten zn lassen, fällt ebenfalls mit 11 gegen 9 Stimmen. Der dritte Antrag ist der Komluissionsantrag. dessen getrennte Abstinunung jedoch die Versammlung nicht gut heißt. Auf diesen vereinigen sich nur 7 Stimmen (Friedlällder, Geiger, Löwe. Lölventhal, Veit Simon, Louis Sachs und Senator); dagegen stimmell 10 Konservative und von liberaler Seite die Herren Blaschke, Benas Levy und Minden. Damit ist der letzte Gegenstand der Tagesordnung der öffentlichen Sitzung erledigt, der eine geheilne folgt. Aum Iudentage. Von Alfred D a l l m a n n. fie Berathschlagung über die Mittel, wie die Quelle des Hasses und des Vorurtheils gegen die Inden zu verstopfen sei, führte bekanntlich im Jahre 1819 zur Gründung des Vereins für Kultur und Wissenschaft der Juden durch Leopold Zunz, Gans und Moser. Nach wenigen Jahren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.