Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- Seite 544 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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544 genommen habe. Man darf auf den Ausgang dieser Verhandlungen gespannt sein, zumal, wenn mau sich den Prozeß der hessischen Regierung gegen das obeugenaunte Blatt in Erinnerung zurückruft. * Der Prozeß in Pi sek ist noch reicher an sensationellen Einzelheiten als der in Könitz. Die abgelaufene Woche war dem Zeugenverhör und der Verlesung von Gutachten gewidmet. Unteranderem wurde das Gutachten verlesen, welches die czechischmedizinische Fakultät über den Mord der Agnes Hruza abgegeben hat. Wiener Blätter erwähnen daraus, daß die Schilderung des Zustandes, in welchen! sich die Gewänder der ermordeten Agnes Hruza befanden, auf ein so sonderbar phantastisches und krankhaft erotisches Wesen des Thäters schließen läßt, daß kein Unbefangener sich der Auffassung erwehren kann, es sei dies ein Geisteskranker gewesen oder doch Jemand, der durch seine Perversität an den Irrsinn streift. Die Fakultät spricht auch diese Meinung in bestimmter Weise aus. Bezüglich des „fehlenden" Blutes vermißt das Gutachten der Fakultät in dein Befunde der Polnaer Aerzte die Angabe, welche Blutmenge in den großen Venen war, und hebt hervor, daß eine vollständige Ausblutung, das heißt eine solche, daß im Körper kein Blut wäre, nicht möglich sei. Sich zu der Quantität des gefundenen Blutes wendend, sagt die Fakultät im entschiedenen Gegensätze zu den Behauptungen der Polnaer Gerichtsärzte.- Die am 1. April Vorgefundene Durchtränkung mit „ganz frischem" Blute au einem 25 Centimenter langen und 15 Centimeter breiten Orte repräsentirt eine Flüche von 875 Quadrat-Centimetern; eine solche Fläche kann, wenn der Boden durchlässig ist, 800, ja sogar 1000 Kubik-Centimeter Blut aufnehmen, und daß der Boden durchlässig ist, läßt sich aus den Angaben des Dr. Prokesch schließen. Ebenso wird die Behauptung des Polnaer Sachverständigen, daß sich in der Zeit einiger Minuten ein mächtiger Blutkuchen, das heißt ein Blutgerinsel auf der Erdoberfläche bilden müsse, im Allgemeinen als nicht richtig hingestellt. Sodann behauptet das Fakultätsgutachten, es sei kein Zweifel, daß alle am Körper der Agnes Hruza Vorgefundenen Verletzungen von einem einzigen Thäter gemacht wurden. Kurz, das Fakultätsgutachten schließt, obwohl es nicht ausgesprochen wird, ganz und gar die Möglichkeit eines „Ritualmordes" aus. * Angesichts des von der Anglo Jewish-Association in ihrer jüngsten Sitzung gefaßten Beschlusses, wegen der Judenverfolgung in Rumänien beim Foreign Office vorstellig zu werden, veröffentlicht das Mitglied des Unterhauses Mr. Benjamin L. Cohen einen Briefwechsel, den er in dieser Angelegenheit mit Lord Salisbury gehabt hat. Unter Bezugnahme auf die bekannte Erwiederung des Mr. Brodrick im Unterhause klärte Mr. Cohen den Lord Salisbury über die Ursachen und den Umfang der Auswanderung der rumänischen Juden auf, welche bedrohliche Dimensionen annehrnen zu wollen scheint, und bittet ihn, sein 1886 einer jüdischen Deputation gegebenes Versprechen zu erfüllen und alles, was in seiner Macht steht, zu thun, die Lage der rumänischen Juden günstiger zu gestalten. Die Antwort des Lord Salisbury, datirt Schlucht 20. August 1900, wurde als „privatim" bezeichnet und liegt im Wortlaute nicht vor. Lord Salisbury erinnert in derselben, daß, da er vor 20 Jahren zum ersten Male das Amt eines Ministers des Aeußeren bekleidet hat, das englische auswärtige Amt bei der rumänischen Regierung dahin vorstellig wurde, die Behandlung der Juden im Einklang mit dem Berliner- Vertrag zu bringen, und es schmerze ihn tief, aus dem Schreiben des Adressaten zu ersehen, welche geringe Früchte seine damaligen Bemühungen gebracht haben. Man möge daraus ersehen, was für Nutzen das gebrechliche Werkzeug der „Vorstellungen" zu bringen vermag. Er werde sich jedoch mit Mr. Kennedy, deswegen in Verbindung setzen und alles thun was sich eben thun läßt. Der Brief schließt mit dein Ausdruck des Bedauerns und Erstaunens darüber, daß am Ende des 19. Jahrhunderts der Geist der Verfolgung in manchen Ländern Europas in so scheußlicher Gestalt seine Auferstehung feiert. In Anbetracht dieser Antwort des Lord Salisbury hält es Mr. Cohen für nicht zweckmäßig, jetzt schon an das Foreign Office heranzutreten; vielmehr sei es rathsam, erst die Folgen der Intervention der englischen Regierung sowie der Bemühungen des Mr. Carps abzuwarten, an dessen guten Willen Mr. Cohen nicht zu zweifeln scheint. * Der neue Generalgouverneur von Algier Mr. Jonnart hat gleich beim Betreten algerischen Bodens Gelegenheit gefunden, sein Programm zu entwickeln. Diese Gelegenheit gab ihm eine freche Ansprache des Maire von Algier, des famosen Max Regis, welcher u. a. dem neuen Generalgouverneur mittheilte, daß die Judenfrage schon seit Jahrhunderten existire und so lange existiren werde, bis sie durch eine unvermeidliche Revolution oder durch einen Akt der Gesetzgebung einer radikalen Lösung entgegengebracht werden wird. „Wir sind „Antijuifs" und „Antijuifs" bleiben wir immerdar!" Die Antwort des neuen Generalgouverneurs auf die Anzapfung des frechen Antisemitenhäuptlings lautete: „Meine Absicht ist, in Algier nicht nur die Republik zu befestigen, sondern auch den republikanischen Geist daselbst zu stärken; dieser aus der Erklärung der Menschenrechte hervorgegangene Geist, welcher die wesentlichsten Grundsätze der Revolution verkörpert, muß, unter Verwerfung des Religions- und Nassenkrieges, allmälig das ganze öffentliche Leben dnrchdringen und unser ganzes Wirken beseelen, für das wir der Civilisation wie der gesanunten Menschheit verantwortlich sind." Dann setzt Mr. Jonnart hinzu: „Möchte ich doch in Algier neben der Anhänglichkeit an die Mutter-Republik die unverwischbaren Züge des französischen Sinnes finden, des Genies unserer mächtigen Rasse, gepaart mit Edelmnth. Toleranz und Güte!" Möge Mr. Jonnart sein Programm auch energisch durchführen. Der Antisemitismus ist in Algier eine künstliche Pflanze, welche nur unter der schlechten Verwaltung seiner Vorgänger, des doppelzüngigen Mr. Lafferiere und des Jesuiteuzöglings Mr. Cambon, so üppig emporgeschoffen ist. Aus der Berliner Gemeinde. 8. B e 11 i n f 11. November, ie heutige Repräsentantenversammlung gestaltete sich zu einer sehr lebhaften und erregten Sitzung. Den Anlaß hierzu bot die wieder zur Diskussion stehende Berathung der Petition betreffend Einführung eines Predigtgottesdienstes an den Sonntagen. Die Repräsentanten hatten sich bis auf einen vollzählig eingefundell, die Konservativen waren durch 11, die Liberalen waren durch 9 Mitglieder vertreten. Von liberaler Seite fehlte Stadtrath Dr. Weigert, für den durch Krankheit abwesenden Herrn Manheimer war Herr Benas Levy einberufen worden. Auch die Tribüne war wieder dicht besetzt.