Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- Seite 543 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228412--57001-3293350- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
--54 S wird der Gasarbeiter Mahloff höchstens als Leumundszeuge für die Gesinnung und Taktik der Angeklagten verwendbar sein. * * * Die Preußischen Richter! In all dem Trüben und der Aufregung dieser Prozeßtage gab es auch Lichtblicke. Wir haben doch auch gelernt, daß das alte Wort von der ethischen Höhe unseres Richterstandes noch seinen Klang besitzt. Der Mann, der die Rechtsbelehrung im Prozesse ivider Maßloff und Genossen ertheilte, hat einen Ton angeschlagen, der nicht nur einen Juristen in Freude und Berufsstolz versetzte. Er hat auch uns deutschen Inden einen Trost verliehen damit, daß wir trotz allem und allem, unser Herz höher schlagen fühlen ,nüssen im Bewußtsein, einem Volke anzugehören, in dein Unbestechlichkeit des Urtheils und Gerechtigkeit auch in schweren Zeiten ihre mannhaften Vertreter haben. * -i- * Und noch etwas dürfen wir anerkennen, die Haltung der Staatsanwaltschaft. Es gehörte in vielen Kreisen, die sich ihrer Geistesfreiheit rühmen, zum guten Ton, stets auf „den Staatsanwalt" zu schimpfen. Vielleicht lernen Manche einsehen, wie unberechtigt oft dies Vorurtheil ist. Wir Juden dürfen und werden nicht vergessen, daß die staatlichen Behörden in dieser bösen Zeit streng aber unparteilich ihre Pflicht erfüllt haben. Vielleicht bricht sich die Erkenntnis; mehr und mehr Bahn, daß das konservativste Element der Geschichte, das Judenthum, sich fernhalten muß von revolutionären Ideen, die feiner Wesenheit im Grunde völlig fremd sind. Was nur brauchen, sind geordnete staatliche Verhältnisse mit fester Autorität und gleicher Behandlung aller Bürger. Sind wir auch weit von diesem letzten Ideal entfernt, so wollen wir doch eingedenk dessen bleiben, daß jede Anarchie antisemitisch ist. Unsere Natur, unsere Geschichte und unsere Zukunft beruhen auf Stärkung des staatserhaltenden Elements. Lernen wir an unseren eigenen quälenden Schmerzen, wie wichtig unsere Konzentration ist, wie sehr die geistreichelnde Zersplitterung schädigt, und der Prozeß Maßloff wird dann eine im letzten Ende segensreiche Episode in unserer Entwickelung sein. Air Woche. Berlin, 14. November. ie „Konservative Korrespondenz", das offizielle Organ der konservativen Parteileitung, beschäftigt sich in einem Aufsatz, den die „Kreuzzeitung", die „Post" und andere Blätter mit Vergnügen abdrucken, wieder einmal mit dem „zersetzenden Einfluß des Iudenthums". Sie sieht diesen Einfluß im Konitzer Prozeß, auf den sie jedoch aus guten Gründen gar nicht näher eingeht, und schreibt: „Besonders deutlich tritt die Nothwendigkeit. den zersetzenden Einfluß der Juden zu bekämpfen, in der Strasverhandlnng gegen den Bankier Sternberg zu Tage. Wenn man sich erinnert, welches Aufheben seiner Zeit wegen des „Harmlosenprozesses" gemacht worden ist, wie man namentlich in den jüdisch-demokratischen und beit sozialdemokratischen Blättern bemüht war, die bei jenen Verhandlungen offenbarten üblen Erscheinungen dem ganzen Adelsstände zur Last zu legen, so fällt es doppelt auf. daß bezüglich des Prozesses Sternberg nicht die das Milien, in dem der Anglagte sich bewegt hat, belastenden Schlußfolgerungen gezogen werden, sondern daß man ans die Polizei, aus das „System" losschlägt." Es folgt nun eine heftige Diatribe gegen die Börse, die uns aber hier nichts angeht, und gegen die Genußsucht und die Einbildung, daß mit Geld alles zu erreichen sei, die mit dieser Hand in Hand geht. Dann aber heißt es weiter: „Ju allen diesen Uebelsränden, wie besonders in der Ausbeutung mancher durch übertriebene Lebenshaltung herbeigeführten Nothlage macht sich der zersetzende Einfluß des Indenthums bemerkbar. Wenn das Zeichen hoher Kultur sein sollen, fn haben wir wahrlich keine Ursache, uns über unsere civilisatorischen Fortschritte zu freuen. Wir können vielmehr nur danach streben, daß die Ueberzeugung allenthalben rege werde, daß auf diese Weise nicht ferner „fortgeschritten" werden dürfe, sondern daß die Parole heißen müsse: Zurück zur früheren deutschen Einfachheit und Genügsamkeit; los von den zersetzenden Einflüssen des Iudenthums." Die „Konservative Korrespondenz" Hütte vielleicht besser daran gethan, dieses Thema nicht zu berühren. Denn es kann nicht ausbleiben, daß man den Herren abermals das Sprüchwort von dem Glashause vorhält. Im Uebrigen geben sie sich wohl nur den Anschein, als ob sie glaubten, Sternberg sei Jude. Inzwischen ist im Gerichtssaale wiederholt betont worden, daß Sternberg nicht Jude ist. Er gehört also zu den Glaubensgenossen der „Konservativen Korrespondenz". Ein Zeuge hat vor Gericht erklärt, daß er Sternberg zuerst im Hause seines Schwiegervaters kennen gelernt habe, der Bezirkskommandeur an einem Orte war, wo dieser amtliche Aufträge anszuführen hatte. Eine Reihe nächster Anverwandter des Herrn oder der Frau Sternberg gehöre der Armee als Offiziere an. Die „Konservative Korrespondenz" scheint es jedoch mit jenem Schutzmann zu halten, dem man im Prozeß nachsagt, daß er beständig von dem „Juden Sternberg" gesprochen habe. Aber es ist charakteristisch, daß ein Blatt, das im Namen der konservativen Partei spricht, unter Hinweis auf das „Milieu", in dem sich Herr Sternberg bewegte (und der obenerwähnte Zeuge hat versichert, daß er bei ihm Personen aus den besten Gesellschaftskreisen getroffen, daß es aber bei Sternberg keineswegs üppig oder schwelgerisch zugegangen, sondern nur Bier oder Moselwein gegeben habe), von dem „zersetzenden Einfluß des Iudenthums" sprechen kann. Alle, die dem Prozeß Sternberg beiwohnen oder auch nur die Berichte aufmerksam verfolgen, werden für diese Leistung der konservativen Parteileitung nur ein Lächeln oder ein Achselzucken haben. Beiläufig, fragt aber auch bei diesem Anlasse ein liberales Blatt, könnte die konservative Parteileitung, ehe sie Betrachtungen über den Konitzer Prozeß oder den zersetzenden Einfluß des Iudenthums in die Welt schickt, nicht wenigstens die gutachtliche Aeußerung eines bekannten Mitgliedes dieser Parteileitung einholen, daß über manche gehässige Anschuldigung gegen das Judenthum, denen seine Parteigenossen bereitwillig zustimmen, auf Grund seiner persönlichen Beziehungen richtigere Auskunft geben könnte? * Wie man der „Frankfurter Zeitung" aus Darmstadt mittheilt, hat sich der Petitionsausschuß der Zweiten hessischen Kammer mit der Eingabe der hessischen Juden, wegen Zulassung von Juden zur Anstellung im Richterftande, beschäftigt. Ueber die Berechtigung der hessischen Juden zur Klage über die Versagung dieses ihnen verfassungsmäßig Anstehenden Rechtes wurde in der Besprechung prinzipielle Übereinstimmung der Majorität des Ausschusses erzielt, und auch Justizminister Dittmar gab die prinzipielle Berechtigung der Juden zur Anstellung als Richter zu. Der Ausschuß ersuchte ihn daher, eingehenden Bericht darüber zu erstatten, aus welchem Grunde das Ministerium bisher derartige Anstellungen nicht vor-