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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-11-09 · Heft 45 (9.11.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 45 (9.11.1900)
Date
1900-11-09
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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04. Jahrgang. Ar. 45. Gerlin. 9. November 1900. Weikcrge zur „Mtgerneinen Zeitung -es IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 6. November. Vor einem außerordentlich zahlreichen Auditorium sprach heute im „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" der Reichstags- und Landtagsabgeordnete Rektor Kopsch über „Ko nfess ionalität in der Schule". In sehr interessanter Weise brachte der Redner alle die alten und neueren Gründe vor, die gegen die paritätische Schule erhoben werden, und ries die Gebildeten der Nation zu ihrer Pflicht auf, mit einzutreten, unr wenigstens das zu erhalten, was wir augenblicklich unser nennen. In klaren Worten definirte der Redner die Begriffe der konfessions- und religionslosen utib der paritätischen Schule, und widerlegte alsdann in scharfen und geistvollen Ausführungen alle Bedenken, die gegen die Errichtung von Simultanschulen hervorgebracht werden, die leider noch nicht die Bedeutung erreicht haben, die ihnen die Gegner beigelegt haben. Die Simultanschulen bringen die Toleranz, die mau von ihnen erwarten muh, das haben Baden und Hessen bewiesen; in Preußen haben sich die paritätischen Schulen noch gar nicht entwickeln können. Alle neuen und großen Aufwendungen des Staates werden nicht dazu gemacht, um die Volksschulen an sich zu heben, sondern um kleinen konfessionellen Schulen die Existenzmöglichkeit zu gewähren. Die Statistik vom Jahre 1896 beweist es, wie sehr darunter die Entwickelung unserer Schulen leidet; »licht weniger als 12 000 Lehrkräfte mld 14 000 Schulräume fehlen, und nicht weniger als 1400 000 Schüler sitzen in überfüllten Klassenzimmern! Für die Errichtung von Simultanschulen sprechen ferner pädagogische Gründe und irr letzter Linie nationale Gründe. Die Kinder sollen gelehrt werden, daß sie einem Staatswesen angehören. Haben die Gegner erst den Sieg über die Volksschulen davongetragen, so werden sie ihre Hand noch weiter ausstrecken nach den Fortbildungs-. schulen, nach den höheren Lehranstalten, nach der konfessionellen Gestaltung der ganzen Unterrichtsverwaltung endlich nach Errichtung gesonderter konfessioneller Abtheilungen im Ministerium. Ein zwangslveises Vorgehen in der Errichtung der Simultanschulell muß auf jeden Fall vermieden werden; mrter genügender Schollung der Gefühle der Eltern soll die Schaffung derselben an Orten, wo eine gemischt - konfessionelle Bevölkerung vorhallden, angestrebt werden. Vielleicht in Zeiten religiöser Erregung zu verstehell, aber durchaus nicht zu billigen ist die Neigung einzelner Juden, ebenfalls konfessionelle Schulen zu errichten. Damit kann nur die Hoffnung auf eine Besserung der Zustände aufgegeben werden. Staat, Kirche, Gemeinde und die Familie haben gleiche Ansprüche an die Schule, sie müssell sich alle gemeinsam in den Dienst der Schllle stellen, um die letztere zu einer wahren Bildungsstätte zu machell, um gute Deutsche zu erziehen, die frei vor» jedem Chauvinismlls siild, um wahrhaft religiöse Menschell zu bilden, die frei von jeder Unduldsamkeit ulld Verfolgullgssucht gegeil Andere sind, um wirklich brauchbare Mellschen zu schaffen, die den wirthschaftlichell Kamps zu ihrem eigenen Wohle und zum Wohle des Staates führen können. Lebhafter Beifall lohnte den Redner für seine interessantell Auseinandersetzungen, auf die wir noch ausführlich zurückzukommerl hoffentlich Gelegenheit haben werden. — Aus den geschäftlichen Mittheilungen heben wir hervor, daß sich dem Centralverein der Landesverein in Bayern angegliedert hat. und die Verhandlungen mit dem badischen Landesverband ebenfalls binnen kurzem zu günstigem Abschluß gelangen werden. In ausführlicher Weise sprach der Leiter der Versamlulung, Rechtsanwalt Dr. Lewiusohn überden Koilitzer Prozeß und die mit ihn» in VerbindlUlg stehenden Anklagen und konstatirte die erfreuliche Thatsache, daß die Behördeil in allen Prozessen ohlle jede Voreillgenonnnellheit all die Untersuchung des Materials heraugegangen sind. Verschiedene Fälle des Verbots unb der Einschränkung des rituellen Schächtells siild wiederum dem Vereill zur Erledigung überwiesen wordell. In eineul Falle ist bereits das Oberverwaltungsgericht damit befaßt worden, und ein günstiger Erfolg wird hier erhofft. Neuerdings wird übrigens auch uilter dem Aushängeschild des Thierschutzes versucht, gegen die rituelle Schächtung agitatorisch vorzngehen. S^2 Berlin, 5. November. Gegen zwei jüdische Gelehrte von Ruf, den Chirurgen Professor James Israel und den Physiologen Professor Immanuel Munk erhebt Professor Pflüger in Bonn den schweren Vorwurf, sie hätten „physiologische Vivisektionell am Menschell" vorgenommen. Der Thatbestand ist folgender: Im Jahre 1889 lag im hiesigen jüdischen Krallkenhause ein Mädchen, das an Elephantiasis des lillken Beins, einer Erkrankung der Haut und des Unterhautbindegewebes. die mit Erweiterung der Lymphgefäße verbunden ist, litt. Am Unterscheilkel der Kraukeil fand sich eine Oeffilllng, aus der spontan Lymphe ausfloß. Es schien Professor Munk und dem damaligen Assistenten Dr. Israels, Dr. A. Rosensteill. wissenschaftlich voll Interesse, an der Kranken den Einfluß verschiedener Nahrungsiilittel aus die Zusammensetzung der Lymphe zu studiren. Dr. Israel gab die von ihm erbetene Einwilligung zu den Ulltersuchnilgen, die in einer Zeit vorgenommen wurde, in welcher Dr. Israel den Operationsplan für die Heilung der Fistelöffnung bei sich ausarbeitete. Professor Pflüger faßt seine Klage gegen die Professoren Israel und Munk und Dr. Rosenstein dahin zusanlmen: „Der dirigirende Arzt Herr Dr. I. Israel überließ „in entgegenkommendster Weise" das arme Mädchen dem Herrn I. Munk ulld dessen Mitarbeiter A. Rosenstein „zur Anstellung von Untersuchungen". Es war ein Judellmädchen, wie aus der Angabe hervorgeht, das sich „aus religiösem Anlaß einem Fasttage unterzogen". Als sich das kranke Mädchen in das jüdische Krankenhaus doch zur Heilung aufnehmen ließ, hat es gewiß »licht vorausgesetzt, daß es von seinen Stammesgenossel» lvie eil» Hulld zu physiologischen Versuchen nlißbraucht werden würde. Obwohl die Kranke so gelagert werden konnte, daß der Ausfluß und Säfteverlust ans der Fistel aushörte, oder doch sehr gerilig war, wurden derselben Chylusmengen literweise entzöget», ebenso Blut z»l Allalysen abgezapft, nachdem die Kranke entweder widerwärtige chemische Präparate zu essen oder auch umgekehrt lange zu fasten veranlaßt ivorde»! war. Professor Israel hat nun als Antwort in der »»euesten Numnier der „Berliner Klinischen Wochenschrift" einen offenen Brief an Professor Pflüger veröffentlicht, der dessen Anklagen treffend und Puilkt für Punkt widerlegt und die Bezeichnung der Versuche als Vivisektioi», die unerhörte Allschnldignng, daß die Patielltin „wie ein Hund zu physiologischen Versuchen mißbraucht" worden sei, als den Thatfachen widersprechend auf das energischste zurückweist. Die Hauptsache ist, „daß die Patientin hierdurch keinen Schaden gelittel», vielmehr im blühenden Zlistande mit geheilter Fistel das Krankenhaus verlassen hat." Da die antisemitischen Zeitullgen sich des Stoffes bereits als willkonimener Beute bemächtigt, haben wir es für »»ützllch erachtet, diese Abfuhr hier ausdrücklich hervorzuheben. 2/D Berlin, 4. November. Vor mehr als 200 Jahre»» wllrde hier von Mitgliedern der damals r»och fleinen jüdischen Gemeinde ein Verein ins Leben gerufen, der es sich zur Aufgabe machte, neben der Abhaltung des Frühgottesdienstes den bedürftigen Glaubensgenossen in Trauerfällen b eiz»lstehen. Es wurden den Trauernden zwei verschlossene Büchsen geschickt und zu einer derselbe»» der Schlüssel. Letztere mußte geleert werden, und es blieb dem Empfänger überlassen, den dieser Büchse el»tnommel»e»» Betrag zur Bestreitung seiner Lebensbedürfl»isse zu verwei»deu oder in die zweite Büchse hineinzulegen. In letzterem Falle konnte er seinerseits noch eine Gabe hinzufügen. Niemand wußte alsdan»», ob der Empfänger der Büchsen genommen oder gegeben hatte, und so wurde der Bedürftige in der denkbar zartesten Weise für die sieben Trauertage Ullterstützt. Während dieser zwei Jahrhunderte hat sich die kleine Gemeinde zu einer imposanten, zu der ersten Deutschlands entwickelt, aber auch die Anzahl der Armen und Bedürftigen hat zugenommen, und die durch die Spende»» in de»» Büchsen zufließenden Beträge genügen bei »veiteu» nicht mehr, um diese Wohlthaten il» allei» Trauer-

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